Freiluftpoesie? Was liegt mir an dem Wort? Brauche ich es, um zu erklären, wovon ich schreibe? Oder besser: warum ich so schreibe, wie ich schreibe? Manchmal jedenfalls.
Die erste Assoziation: Pleinairmalerei, im Deutschen eher übersetzt als Freilichtmalerei.
Eine gewisse Analogie hat mit dazu beigetragen, dass ich seit einiger Zeit von Freiluftpoesie spreche und dabei an lyrische Texte mit einer Entstehungsgeschichte in der Natur denke. Nein, genauer gesagt: im Freien. Immer dann also, wenn ich draußen in der Landschaft unterwegs bin, Wildwuchs im Auge und Verse in den Füßen habe.
Was für die Pleinairmalerei vor allem das Licht ist, ist für die Freiluftpoesie eine erweiterte Sinneswahrnehmung beim Hören, Riechen, Beobachten im Freien, das Erleben von Witterungseinflüssen im Rhythmus des Gehens oder auch in der Ruhe des Innehaltens und Lauschens. Das alles wirkt sich – immer wieder anders – auf die Entstehung von sprachlichen Bildern und Stimmungsnuancen aus, beeinflusst den Sprachrhythmus, sucht und findet oft eine „handliche“ Form, die sich beim Gehen im Kopf spielerisch bewegen, wiederholen und gestalten lässt. Oft ergibt sich auf diese Weise nach und nach ein gewisses Muster aus Buchstaben, Silben, Klängen, Hebungen und Senkungen. Das Wilde ordnet sich.
Auch Tiere suchen auf ihren Wegen nach Orientierung.
Die inspirierende und formgebende Kraft solcher Erfahrungen und Wahrnehmungen geschieht in besonderer Verbundenheit zur Mitwelt in all ihren Facetten, nicht als Naturschwärmerei, sondern mit Respekt und Behutsamkeit vor dem Zerbrechlichen, Flüchtigen, Eigensinnigen, Verwobenen.
Die Mitwelt – um die Natur bewusst als ein Subjekt zu beschreiben, das mit mir und nicht außerhalie von mir geschieht – wirkt ganz unmittelbar mit an dem, was ich allein aus mir selbst heraus kaum hervorbringen könnte.
Einfach losgehen. So fängt es an, nicht nur mal eben um den Block, sondern lange genug, um die Sinne nach und nach für das zu öffnen, was sich im Rhythmus der Schritte und im Gespräch mit der Mitwelt entwickeln will.
Aber auch das geschieht: Manchmal gehe ich los mit einer Melodie ohne Text im Kopf, gehe und gehe und lasse die Eindrücke im Freien so lange auf mich wirken, bis sich erste Worte und Gedanken mit der Melodie verbinden.
Oder ich greife unterwegs eine besondere Beobachtung auf, fasse die Wahrnehmung in ein Wort, um es im Laufe des Weges zum Beispiel nach Art eines Akrostichons, also eher spielerisch Zeile für Zeile durchzubuchstabieren. Dabei achte ich auf die Entdeckungen und Assoziationen, die mich draußen auch weiterhin berühren. Wie verbinden sie sich mit der Buchstabenfolge? Erstaunlich…
Seltene Gäste – Begegnungen mit Vögeln
Um speziell diese Form an einem Beispiel konkret zu machen: Über eine längere Zeit habe ich draußen im Wechsel der Jahreszeiten besonders den Vögeln meine Aufmerksamkeit geschenkt: Da jubelten Feldlerchen ihre Lieder und die Wachholderdrosseln versammelten sich zur großen Reise, der Kiebitz kündigte das Frühjahr an und die Rohrdommel tönte aus dem Schilf.
Ihre Namen haben dann im Gehen – als wären die einzelnen Buchstaben kostbare Perlen an einer Schnur – unter dem Eindruck der jeweiligen Jahreszeit Zeile für Zeile einen Text entrollt.
Bei den Wachholderdrosseln klang das zum Beispiel so:
Wintergrau der Tag –
Als wäre es Zeit für Farben und Lieder, landet ein
Chor mit scheckigen Federn im Zierapfel-Strauch.
Höre ich schon, wie sie singen?
Ohne einen Ton
Laben sie sich an den leuchtende Früchten und
Drücken den herben Saft aus der Schale.
Erquickt von der Fülle im
Raureifglimmer,
Drängeln sie sich im Geäst mehr und mehr,
Rangeln mit fröhlichem Übermut,
Ordnen sich schließlich, als stände der Einsatz nun kurz bevor.
Stille – ich staune:
Sie singen nicht.
Ein festliches Schweigen – dann fliegen sie weiter mit
Leisem Gesurre
Nach Norden.
Was bei einem solchen Prozess passiert, ist vor allem ein Beziehungsgeschehen, dass im Staunen seinen Anfang nimmt: unverfügbar, schön und brüchig zugleich. Es geht um ein Nehmen und Geben, um Demut und Achtsamkeit vor dem, was ich empfange und mit meinem „In-Der-Welt-Sein“ beantworten kann.
Der poetische Text, der sich dabei herausbildet, ist das eine. Immer entsteht und verändert sich noch etwas anderes in diesem Wechselspiel, hat Konsequenzen auf meinen Umgang mit dem, was ich wahrnehme – bis hinein ins Gesellschaftliche, Ökologische, Politische.
Neue Perspektiven durch kulturelle Erzählweisen
Freiluftpoesie ist weder Nabelschau noch Befindlichkeitslyrik, kein moralischer Appell und keine Belehrung. Sie macht sich empfänglich für die lebendige Auseinandersetzung mit dem Anderen in der Mitwelt, die zum Perspektivwechsel herausfordert, Erstaunliches und Widerständiges beschreibt.
Gehört Freiluftpoesie damit hinein ins Spektrum von Nature Writing? Vielleicht. Denn Nature Writing kennt viele Formen und Facetten, um Zugänge zum Erleben von Verstehen von Natur und Landschaft neu auszuloten, Beziehungen zu entdecken und Raum zu erweitern für politische, kulturgeschichtliche oder ökologische Reflektionen. Man findet auch hier eine tiefe Liebe und Verbundenheit zur Mitwelt. In diesem Sinne kann Nature Writing überraschend andere Perspektiven ins Gespräch bringen, in die wir mit hineingenommen werden und die uns so vielleicht neu und anders über unsere Beziehung zur Natur und Mitwelt nachdenken lassen.
Folgt man diesem Gedanken weiter, ist es anregend, mit dem Buch von Birgit Schneider „Der Anfang einer neuen Welt“ (Berlin, 2023) der Frage nachzuspüren, wie wir uns den Klimawandel erzählen können, ohne zu verstummen. Dort heißt es auf den letzten Seiten:
„Die Suche nach neuen, anderen Stimmen und anderen Sichtweisen sind miteinander verbunden. Der kolumbianisch-amerikanische Anthropologe Arturo Escobar […] plädiert dafür anzuerkennen, dass die Sicht der Moderne im Vergleich mit anderen Weltbildern zu eng ist, um die ökologischen und sozialen Krisen der Gegenwart angemessen zu denken. […] Nicht zuletzt können auch nicht-menschliche Wesen wie eine versteinerte Auster, ein Fuchs oder ein Baum in der Stadt neue Perspektiven liefern.
In diesem Sinne kann sich auch Freiluftpoesie immer wieder neu der Chance des Perspektivwechsels aussetzen, indem man sich selbst draußen als Teil der Natur so weit zurücknimmt, dass die Mitwelt umso vielfältiger einwirken kann auf unser Wahrnehmen und Gestalten. Was sich in diesem Wechselspiel an Sinn ergibt, ist selten eindeutig, und kann doch zur Vergewisserung in einer Welt beitragen, in der wir Orientierung und Ausrichtung nur mit Respekt und Achtung für die Mitwelt suchen und finden können.
Freiluftpoesie? Was dabei geschieht, kommt auch ohne das Wort aus. Und doch möchte ich es nicht missen, um mich immer wieder daran erinnern zu lassen, dass die schöpferische Kraft, die in allem wohnt, einen offenen Raum braucht und ein lebendiges Miteinander der Geschöpfe.
Oder besser gesagt…ach, hört einfach mal wieder den Wacholderdrosseln zu.
Mehr dazu hier: https://waldworte.eu/2022/10/05/mit-worten-spielen-imagination-und-weltbeziehung-durch-wildwuchsgeschichten-heute/
Susanne Brandt


