Sonntagsmomente: Was Frieden heißt

Breklum, Herbst 2017 Foto: S. Brandt

Wir sind Gäste
alle
überall
ohne Anspruch
auf einen Platz
am gedeckten Tisch,
nicht geladen,
um zu bleiben
wie wir sind
für immer.

Aber
immer willkommen,
um im Lebendigen Heimat zu finden,
wo Wind durch die Sorgen fährt
und die Sonne uns wärmt vor dem Winter.

Willkommen,
wir alle
unter einem Himmel,
der Licht, Wind und Wasser unfassbar verschenkt,
dass wir aufmerksam werden,
erschrecken,
uns freuen
und staunend erkennen,
was Frieden heißt.

Susanne Brandt

Melodien ohne Worte – Musik aus dem Liederbuch הבה נשירה (Hawa naschira) / Teil 3

Wie jedes Jahr im November trafen sich gestern in Flensburg wieder Juden, Christen und Muslime zum Friedensfühler, einer gemeinsamen Besinnung auf die friedliche Nachbarschaft der Religionen in der Stadt. Dabei besuchten wir einander, luden dazu ein, das Singen und Beten der verschiedenen Religionen kennen zu lernen und im Fremden vielleicht die gemeinsame Friedenssehnsucht zu entdecken.

Foto: Inke Raabe

Zu meinen Aufgaben gehörte es in diesem Jahr, nach den gesprochenen Worten in der Petri-Kirche Musik mit der Flöte erklingen zu lassen – und ich habe lange darüber nachgedacht, was in diesem Rahmen wohl passen könnte. Gefunden habe ich bei meinen Recherchen schließlich die „Melodien ohne Worte“ aus dem jüdischen Liederbuch  „Auf! Lasst uns singen“ הבה נשירה (Hawa naschira). Genau genommen handelt es sich bei den Melodien um Niggunim, die eigentlich auf Silbe mit der Stimme gesungen werden. In ihnen wohnt, so die Erläuterung zu dieser Musik, „das Erhabene dicht neben dem Banalen“. Die einfachen Melodien finden also nur dann ihren eigentlichen Klang, wenn die in ihnen angelegte Spannung entfaltet und gehalten wird. In der ursprünglichen Praxis gehört das Tanzen dazu und in der innigen und tief empfundenen Verbindung von Stimme und Körper wird zugleich die Nähe zu Gott umso intensiver spürbar. Weiterlesen

Sonntagsmomente: Vom Leuchten der Geschichten in dunkler Zeit

Vor einiger Zeit habe ich mich für eine größere Fachveröffentlichung mit dem Buch „Fräulein Esthers letzte Vorstellung“ von Adam Jaromir und Gabriela Cichowska (Gimpel Verlag, Hannover 2013) befasst. Bemerkenswert finde ich hierbei vor allem die mehrschichtige Anlage: Korczaks Tagebuchzitate, Notizen und die Geschichte von Amal , einem Bühnenstück von R. Tagore ( „Das Postamt“), sind in die Handlung eingebettet und verbinden sich mit den Erfahrungen der Kinder im Warschauer Waisenhaus 1942. Ein November-Thema – denn erzählt wird mit diesem Buch vom Leuchten der Geschichten in dunkler Zeit.

Trailer zum Buch

Cover c Gimpel Verlag

Warschauer Ghetto, im Mai 1942: Die Lebensbedingungen im Waisenhaus von Janusz Korczak werden immer schwieriger. „Viele sind jetzt krank. Husten, Fieber…Es geht reihum. Erst Chana, dann Tola, dann Felunia…Felunia liegt jetzt im Isolationszimmer. Der Herr Doktor schien ganz besorgt, als er sie heute früh abhorchte. Er will schauen, ob er auf dem Markt Zwiebeln und etwas Zucker bekommt, für den Hustensirup.“[1]

Mitten im täglichen Kampf mit Hunger und Krankheit, im Schwanken zwischen Angst und Hoffnung kommt Korczak im Traum der Gedanke, die Kinder ein Theaterstück des indischen Dichters Rabindranath Tagore aufführen zu lassen. Unter Anleitung von Fräulein Esther soll das geschehen. Und die Kinder, viele von ihnen schon gezeichnet von Hunger und Schwäche, tauchen ein in die Geschichte eines kranken Jungen, der am Ende sterben wird.

Cover c Edition Anker

In einer Mischung aus dokumentarischen und fiktionalen Elementen erzählen Adam Jaromir und Gabriela Cichowska in Text und Bild nicht allein von den letzten Monaten im Leben des Pädagogen, Kinderbuchautors und Arztes Janusz Korczak. Sie erzählen ebenso von seiner willensstarken Mitarbeiterin Fräulein Esther und den vielen Alltagsritualen, die in einer von Hunger, Krankheit und Tod geprägten Umgebung immer wieder an das Lebendige erinnern: die Blumen, der Hebräisch-Unterricht, das Gebet, das Tagebuchschreiben, die Freude an Bildern und Musik – und am Theater.  Dabei fällt die Wahl nicht auf ein lustiges Stück, das den Kindern Ablenkung und Zerstreuung verspricht. „Das Postamt“ erzählt die Geschichte von dem kranken Junge Amal – und von seiner Hoffnung. [Anmerkung: s. dazu auch Bilderbuchausgabe nach dem Bühnenwerk: „Amal und der Brief des Königs“, Edition Anker] Weiterlesen

Sonntagsmomente: Die drei Prinzen von Serendip oder Vom Glück der unerwarteten Augenblicke

Immer wieder passiert es mir, dass ich eine Geschichte eher zufällig finde – zu einer Zeit, da ich gar nicht gezielt danach gesucht habe. So lassen sich auch Geschichten von den glücklichen Fügungen des Zufalls durch glückliche Fügungen zufällig entdecken: z.B. das Märchen von den drei Prinzen von Serendip.

…manchmal fliegen einem die Gedanken und Geschichten unverhofft zu… / Foto: Susanne Brandt

Wer sich schon mal mit dem Begriff Serendipity oder Serendipity-Prinzip beschäftigt hat, weiß vielleicht, wie dieses Wort mit dem Titel des Märchens zusammenhängt. Hier wird erzählt, wie Dinge und Beobachtungen unerwartet zu Erkenntnissen und zufällig wirkenden Verbindungen führen können, die sich am Ende als außerordentlich bedeutsam erweisen. Vermutlich hat das jede und jeder selbst schon mal in irgendeiner Form erlebt – diese zunächst beiläufig anmutende Wahrnehmung oder Begegnung, die sich mit einem guten Maß an Offenheit, Achtsamkeit und Geistesgegenwart ganz unverhofft als etwas Besonderes, Beglückendes, vielleicht sogar als eine wichtige Wendung herausstellt.

Gesucht habe ich das Prinzen-Märchen schon vor längerer Zeit – damals ohne Erfolg bzw. ohne Ausdauer – für meine Sammlung an persischen Märchen, die ich gern als gemeinsame Lektüre mit Menschen aus dem persischen Sprachraum nutze. Überraschend gefunden habe ich die Spur zum Märchen jetzt bei einer Recherche zu „Narrativen der Nachhaltigkeit“ – als Beispiel für eine Geschichte über den Wert einer genauen Wahrnehmung als Basis für nachhaltiges Denken und Handeln. Und so kann ich das Märchen nun auf diesem Wege in einer nacherzählten Kurzfassung weitergeben:

Die drei Prinzen von Serendip

Einst lebte in Serendip ein mächtiger König mit seinen drei Söhnen. Weiterlesen

Bilder im Kopf und Melodien in den Füßen – von Menschen, Orten und Visionen

Die letzten zehn Tage war ich viel auf Reisen. Menschen aus verschiedenen Ländern sind mir begegnet: aus Indien und aus Lateinamerika, aus Italien, Österreich und der Schweiz. Die Anlässe unserer Treffen und Gespräche an verschiedenen Orten waren ganz unterschiedlich – und doch: Im Rückblick auf die ereignisreiche Zeit, die hinter mir liegt, nehme ich auch Verbindendes wahr. Es ging bei all diesen Begegnungen um die Beziehung zwischen Kultur und Umwelt, um Sprache als Verbindung zwischen innen und außen,  um Brücken zwischen Kunst und Natur, um das Schöpferische, das in jeden Menschen hineingelegt ist und zur Entfaltung gebracht werden kann.

„…und warte auf einen Lichtfang“ – Poesie als Ausblick ins Freie

Gedichte erzählen davon – mit den Worten von Annakutty Valiamangalam, die ich bei der Preisverleihung zum Hildesheimer Literatur-Wettbewerb kennen lernen durfte, klingt das so: Weiterlesen