Waldworte des Tages: Hier wohnt die Zeit

Schnecke in St. Nikolai, Wismar / Foto: Susanne Brandt

Schnecke in St. Nikolai, Wismar / Foto: Susanne Brandt

Hier wohnt die Zeit.

Es zieht sich eine Spur
ganz langsam
Stein für Stein
durch diese Weite.

Der Raum erschließt sich neu
von jeder Seite.

Und jeder Orgelton
wird groß und streckt sich aus,
verwandelt sanft die Schritte
durch das Haus

bis manche innehalten,
ungeplant,
in Bildern lesen,
anders als geahnt.

Und ohne Eile
wird die Seele weit.

Hier wohnt die Zeit.

Susanne Brandt, Wismar 2016
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Sommerlich und interkulturell: Dialog in Deutsch mit einer persischen Kirschengeschichte

KirschenSeit vielen Monaten sammle ich Geschichten aus aller Welt. Nicht zu lang sollen sie sein. Und sprachlich nicht zu schwierig. Bei den Geschichten für Kinder wird man da schnell fündig. Soll die Handlung aber auch für Erwachsene interessant sein und Anlass geben für ein anschließendes Gespräch, wird die Auswahl schon kleiner. Aber die Suche lohnt sich! Aus allen Teilen der Welt sind wunderbare kleine Geschichten überliefert, die sich gut miteinander lesen und bedenken lassen. Sie bieten vielfältige Gelegenheiten, um erste Deutschkenntnisse anzuwenden und zu vertiefen, regen aber anschließend vor allem zu spannenden Gesprächen an und beleben ganz nebenbei das gemeinsame interkulturelle Verstehen. Denn ein Lernen mit Geschichten ist nie einseitig! Weiterlesen

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Immer wieder den Blickwechsel wagen. Gedanken zum Welttag der humanitären Hilfe 2016

Humanitäre Hilfe

Menschen bewegen  / Foto: namentlich nicht bekannter Fotograf, Hamburg 1980er Jahre

Keine Frage: Humanitäre Hilfe ist in vielen Situationen das einzige, was das Leben von Menschen retten und ihrer Würde einen gewissen Schutz bieten kann. Helfende, die dafür bis an die Grenzen ihrer Kraft gehen, geben etwas weiter, was sich nach keinem Maß beziffern und vergleichen lässt.

Eine Frage, die wir uns als Zuschauende stellen müssen, wenn wir jeden Tag durch die Medien von der Not in Krisengebieten erfahren: Was sehen wir da wirklich? Warum gehen Bilder von toten und verletzten Kindern um die Welt, bei denen vermutlich niemand sein Einverständnis dafür geben konnte, dass alle Welt sie so sieht? Brauchen wir solche Bilder, um uns das Leid zu vergegenwärtigen? Um uns vorstellen zu können, wie wichtig die humanitäre Hilfe dort aktuell ist?  Weiterlesen

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Sonntagsmomente: Regenbogensommer

Regenbogen1Nur für Sekunden
nicht festzuhalten
gleich wird es regnen
es dunkelt schon

da malt das Licht
ein flüchtiges Zeichen
spielt mit dem Wasser
erzählt davon

wie so ein Schönwerden
einfach geschieht
aus der Berührung
unfassbar klein
dennoch
der Weite des Himmels traut

nicht wie ein Tropfen
auf heißem Stein

 

Susanne Brandt

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Frei-Räume erfahren – vom Wirken und Wandel im Vertrauten

IMG_1332Wo entstehen Ideen? Wie formen und verändern sich Gedanken? Manchmal am Schreibtisch, häufiger in der Begegnung mit anderen, meistens in Bewegung,  beim Spazierengehen, unterwegs in der Fremde, auf vertrauten Wegen im Hause…

Es ist spannend zu erleben, wie Räume das musische Empfinden beeinflussen: Der freie Blick in den Garten oder auf die Straßen der Stadt beim Musikmachen verändert die Atmung, den Rhythmus, das melodische Empfinden, die Beweglichkeit…

Es ist gut zu erfahren was geschieht, wenn man beim Schreiben und Nachdenken immer mal wieder das Arbeitszimmer verlässt, um die Perspektive zu wechseln, eine andere Haltung einzunehmen, Türen zu öffnen, sich im Vertrauten geborgen zu fühlen und darin gleichzeitig die Veränderung zu suchen… Weiterlesen

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Geschichte einer Flucht: Musik, Kunst und Erzählen als einfühlsame Sprachen der Hoffnung

51+YctBH8KL._SY352_BO1,204,203,200_Musiktherapeutische, künstlerische und erzählerische Mittel und Erfahrungen fließen ein in diese deutsch-arabische Kamishibai-Geschichte mit Begleitmaterial 

Angst bestimmt den Alltag vieler Menschen, bevor sie die Gefahren und Strapazen einer Flucht auf sich nehmen. So auch bei der sechsjährigen Raha und ihrer Mutter in dieser Geschichte. In der Hoffnung, dass ihr Vater bald nachkommen kann, schaffen sie es gemeinsam über die Grenze und durchs Gebirge bis zum Meer. Als Zeichen dieser Hoffnung mit dabei: eine beschädigte Perlenkette von zu Hause, die im Verlauf der Flucht durch kleine Kostbarkeiten eine langsame Verwandlung und Heilung erfährt. Ein solches Heilwerden kann vielleicht auch Raha mit ihrer Familie nach und nach erleben. „Hoffnung ist der Glaube, dass alles gut werden wird“, heißt es am Anfang und Ende der Geschichte. Dafür steht Rahas von Alexander Jansen einfühlsam beschriebene Flucht und Ankunft – exemplarisch für unzählige ähnliche Wege. Weiterlesen

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Töne zwischen Himmel und Meer – die neue CD von Wolfgang Rieck

Download (1)Glücklich, wer lebt und sich daran freut,
glücklich, wer liebt und es nicht bereut,
glücklich, wer gibt und nicht danach fragt,
was es wohl bringt – ein großes Herz wagt.

Glücklich, wer lacht und das Leben genießt,
glücklich, wer träumt, sich der Welt nicht verschließt,
glücklich, wer sieht des Anderen Not
und schielt nicht ängstlich aufs eigene Brot…

So beginnt eines der Lieder auf der neuen CD von Wolfgang Rieck, das im wiegenden Dreiertakt davon erzählt, was es heißt, glücklich zu sein – nicht mit großen Gesten und riesigen Luftschlössern, sondern warm und staunend mit dem verbunden, was sich als Glück an jedem Tag entdecken und leben lässt, was wir nicht nur empfangen, sondern ebenso frei verschenken können: Gesang zum Beispiel oder auch einfach mal Stille – alles hat seine Zeit. Weiterlesen

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Wenn Geschichten singen und klingen….

Musik, Tanz und Gesang im Bilderbuch

Hilfebuch 3

Bild eines Kindes aus der Grundschule Völlen zur ermutigenden Kraft des Singens

Das gehört für mich zu den ganz besonders schönen Leseerlebnissen:  Man liest eine Bilderbuchgeschichte vor, und plötzlich möchte man singen und summen, mit Körper und Gesten tänzerische Bewegungen nachempfinden – und die Kinder sind sofort mit dabei!

Wie gut, dass das so ist! Denn der interaktive Einbezug von Kindern in das Erzählen von Geschichten mit musischen und spielerischen Elementen trägt maßgeblich dazu bei, die beim Vorlesen und Erzählen erhaltenen sprachlichen und literalen Anregungen zu vertiefen und im Alltag zu verankern. Oft scheint der positive Einfluss auf die Sprachentwicklung, der sich daraus ergibt, fast „nebenbei“ zu geschehen, durch unbewusste (nicht gesteuerte) Vorgänge in natürlicher Umgebung. Geschichtenstunden, die sich an der natürlichen Lebensumwelt der Kinder orientieren, können als eine solche Umgebung erfahrbar werden. Und je sinnlicher und interaktiver die Geschichte – mit Stimme und Musik, Gesten und Bewegung – dabei lebendig wird, desto nachhaltiger ist ihre Wirkung.

Aber wie und wo finde ich inspirierende Bilderbücher und Geschichten mit Musik und Tanz? Überall! Und meistens offenbart sich der innewohnende Ton und die Bewegung der Geschichte erst auf den zweiten Blick – wie die nachfolgende kleine Auswahl aus den Neuerscheinungen der letzten Monate zeigt:

Singen lässt Nähe und Wärme entstehen

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Verdichtete Stimmen in einer rissigen Welt

Ein Nachklang zu einem Austausch mit Aktion Deutschland hilft am “Tag der Freundschaft” 2016

“Ein Gedicht kann Gedächtnis stiften und als tote Buchstaben vom lebendig sinnenden Denken zeugen” (Hannah Arendt, aus: “Ich selbst, auch ich tanze. Die Gedichte, München 2015)

Wie und warum können Gedichte etwas bewirken? Hin und wieder stellt sich für mich diese Frage. Nicht, weil das Schreiben einen zuvor definierten Zweck bräuchte. Vielmehr steht vor dem Schreiben ein ungeplantes, ein absichtsloses Erleben, oft ein Erzählen – und beides formt sich dann in der Verdichtung. So ruhen Sinn und Anlass immer schon im Gedicht selbst.

Aber dann? Was kann mit und durch Worte geschehen, die dann als Gedicht in der Welt sind? Sicher sagen lässt sich das nie. Vermittelbar ist vielleicht eine erfahrene Stimmung, genauer gesagt: eine Resonanz auf die Stimmen, auf die Gestimmtheit der Welt. Vermittelbar ist vielleicht eine Bewegung, die in der Übertragung weiterwirkt: als Ermutigung, Irritation, Anstoß, Verwandlung. Vermittelbar sind Respekt und Würde in der Beziehung zu dem, was mir begegnet.

Von solchen Begegnungen lässt sich erzählen. Und wandelt sich ein solches Erzählen zum Gedicht, kann es als poetische Verdichtung vielleicht das Denken und Handeln berühren und wandeln.

Poetische Verdichtung als Resonanz auf die Stimmen der Welt

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Foto: c Johanniter / Brada

Viele Begegnungen und Erlebnisse, die ich in den vergangenen Monaten mit Geflohenen erfahren und teilen konnte, haben so den Weg in Gedichte gefunden. Sie erzählen von einem tiefen Respekt vor dem Mut, vor der Geduld und Friedenssehnsucht vieler Menschen.

Auf der Suche nach einer Sprache und Form, mit der sich davon etwas erzählen und beschreiben lässt, ohne die Vertraulichkeit des Erzählten zu verletzen, lassen sich in der poetischen Verdichtung besondere Möglichkeiten entdecken: Sie kann behutsam Einblicke geben, ohne bloßzustellen. Sie kann etwas von innen aufleuchten lassen, ohne es plakativ ins Licht zu setzen. Sie nimmt Kostbares und Einzigartiges in sich auf auf gibt davon etwas frei, ohne privat zu sprechen.
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Leise Hoffnung

BALI

Nein
nicht ein wachsendes Misstrauen
gegen alle Geflohenen
schützt vor Gewalt
im eigenen Land
sondern
ein wachsendes Vertrauen
in die gemeinsame Sehnsucht nach Frieden
schützt vor Gleichgültigkeit
im Blick auf das Leben
weltweit

Susanne Brandt, im Juli 2016

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