Mit Worten spielen – Imagination und Weltbeziehung durch „Wildwuchsgeschichten“ heute

„Man kann mit Worten spielen, und dieses Spiel kann zur Neuschöpfungen führen, so dass das Gesagte und Gedachte wirklich realisiert und erprobt werden kann“  (nach Gianni Rodari)

Es ist nun ein Jahr her, seit ich anlässlich des Tages der Bibliotheken im Oktober 2021 eine umfangreiche Praxishilfe zu „Wildwuchsgeschichten“ herausgegeben habe – damals zugleich entstanden als Rückblick auf vielfältige Erfahrungen, die sich während der Corona-Zeit damit sammeln ließen. Seither haben neue Krisen die Welt überschattet und neue Fragen aufgeworfen – immer auch verbunden mit der Frage, wie Kinder von diesen Krisen betroffen sind, was sie darüber wissen sollten und was ihnen in der Auseinandersetzung damit helfen könnte.

Das diesbezügliche Angebot an problemorientierten Kinderbüchern wächst – und gleichzeitig werde ich manchmal gefragt, warum mir bei allem ausgerechnet das Kreative, Poetische und Phantasievolle so wichtig ist in der Lese- und Erzählförderung, wo es doch um so viele brennende Themen und Fakten geht, von denen die Kinder etwas wissen sollten.

Ja, genau deswegen – und so wie es die italienische Dichterin Chandra Livia Candiani beschreibt, der das poetische Schreiben und Erzählen mit Kindern besonders am Herzen liegt: 

„Ich sage den Kindern oft, dass die Poesie nicht das Sagen von poetischen Dingen bedeutet, sondern dass sie uns zu überraschen vermag mit dem was wir nicht wussten, dass wir es wissen, dass wir es denken, dass wir es fühlen.“ 

(Chandra Livia Candiani, in: Für manchen sind die unnützen Dinge unabdingbar/  02.05.2015 – Beitrag von Olivier Turquet in „Pressenza“)

Was also bedeutet es für wachsende Erkenntnisse und die so nötige Auseinandersetzung mit der Realität, sich immer wieder überraschen zu lassen? Warum spielt dabei die Imaginationskraft, die Phantasie und das poetische Gestalten mit Sprache eine so große Rolle und wirkt zudem noch als eine starke soziale Kraft.

So wie es Gianni Rodari beschreibt, wenn er in seiner Grammatik der Phantasie feststellt:

„Alle Gebrauchsmöglichkeiten des Wortes allen zugänglich machen – das erscheint mir als ein gutes Motto mit gutem demokratischen Klang. Nicht, damit alle Künstler werden, sondern damit niemand Sklave sei“ (GdP, S. 10).

Dabei geschieht für Rodari der „Gebrauch der Phantasie mit dem Ziel, eine aktive Beziehung zur Realität herzustellen“. 

Und natürlich gehört in die Reihe der Vordenkenden, die in der Imagination und Mitsprache durch Poesie und Erzählen gerade in schwierigen Zeiten und unter dem Druck von Ängsten und Einschränkungen eine besondere Kraft und Persönlichkeitsstärkung erkannten auch Janusz Korczak:

„Alle Kinder sind Dichter, denn ein Dichter – das ist ein Mensch, der starke Gefühle hat, der heftig liebt und sich heftig erzürnt, der ein starkes Wollen hat und ein starkes Nichtwollen.“

Immer wieder neu lernend von diesen und vielen anderen, die das Dichten und Denken mit Kindern als Ausdruck von Weltbeziehung  mit all ihren Brüchen und Unverfügbarkeiten beschreiben, lasse ich nun also wiederum das vergangene Jahr mit all seinen Erfahrungen und Begegnungen Revue passieren und frage mich: Wie denke ich heute über die Praxis mit  „Wildwuchsgeschichten“ – und wie erzähle ich davon in den Seminaren und Workshops, die dazu auch in diesem Herbst wieder stattfinden sollen?

Vielleicht so:

„Wildwuchsgeschichten“ – das ist kein fest definierter Fachbegriff, sondern der Versuch, eine besondere Haltung und Perspektive beim Erzählen und Entwickeln von Geschichten und Gedichten – allein oder im Dialog – zu beschreiben: offen für das Unverfügbare von Poesie und Phantasie, bereit für dialogische Prozesse und kreative Mitgestaltung von Kindern und orientiert an der Wahrnehmung der Welt wie sie ist und werden könnte. 

„Wildwuchsgeschichten“ – das können kleine Momentaufnahmen und Impressionen eines Augenblicks sein oder auch komplexere Geschichten, die sich daraus entfalten. Dabei geht es auf vielfältige Weise um die Verbindung von überraschenden, also „wild gewachsenen“ und damit nicht absichtlich arrangierten Motiven mit einer bewussten Gestaltung von Sprache als Ausdrucksmittel – mündlich oder schriftlich.

Wo solche Überraschungsmomenten in der Umwelt zur Inspirationsquelle für gestaltete Sprache werden, wird die Kreativität gerade durch die Kombination von „Wildwuchs“ und Gestaltung in besonderer Weise belebt. Und die Wahrnehmung und Beziehung zu Natur und Umwelt intensiviert und mit Sinn verbunden.

Erleben lässt sich das beim mündlichen dialogischen Erzählen mit Kindern im Vorschulalter wie auch in vielen schriftlichen und künstlerischen Varianten mit älteren Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen.

„Wildwuchsgeschichten“ – warum rückt diese eigentlich zeitlose Erfahrung mit vielen Bezügen zu älteren Vordenker*innen aktuell wieder neu ins Bewusstsein? Gerade unter dem Eindruck vielfältiger komplexer Krisen und angesichts von Herausforderungen, die sich für die Zukunft stellen, geht es um schöpferische Erfahrungen, die auf spielerische, dialogische und kreative Weise zeigen, dass sich Lösungen und Sinnzusammenhänge auch angesichts widersprüchlicher, (noch) nicht sicher absehbarer und „ungereimter“ Situationen  finden lassen. Die Haltung und Perspektive ist offen und inklusiv für alle Menschen bedeutsam, wobei die Mittel und Methoden in der Begegnung variieren, passend zu den beteiligten Kindern/Altersgruppen gewählt und individuell angepasst werden.

 

10 Denkanstöße – Worum geht es bei „Wildwuchsgeschichten“?

 

  • Es geht um die genaue Wahrnehmung und Erkundung der realen Welt als Basis für emotionale Zugänge, Auseinandersetzung und Entfaltung von eigenen Vorstellungen und Gestaltungsmöglichkeiten mit Sprache (von der Momentaufnahme in poetischer Verdichtung bis hin zur komplexeren Handlung)
  • Es geht darum, in der Welt beides nebeneinander wahrzunehmen und erzählerisch miteinander zu verbinden:  Strukturen, Ordnungen und bewusste Handlungsmöglichkeiten ebenso wie das, was unverfügbar, „wild gewachsen“ und nicht planbar bleibt. 
  • Es geht um die Erfahrung, dass Vernunft und Phantasie, Faktenwissen, Imagination und Emotionen  wie Wurzeln und Flügel zu verschiedenen Dimensionen des Lebens und der Welterfahrung gehören.
  • Es geht darum, dass Gegensätze und Spannungen zwischen den Dingen und Phänomenen der Welt als Realität wahrgenommen werden – und die Auseinandersetzung damit einen kreativen Prozess in Gang bringt (vgl. Phantastisches Binom bei Rodari)
  • Es geht um Lust und Talente, um spielerische Versuche und Beobachtungen, die die Kinder von sich aus individuell  in diesen Prozess einbringen, weiterdenken und mit eigenen Ideen verändern zu können.
  • Es geht um schöpferische Gestaltungsmöglichkeiten mit Sprache als Teil von Demokratiebildung und Ermutigung zur Mitsprache. 
  • Es geht um emotionale und ästhetische Ausdrucksformen zu Lebensfragen, die durch Geschichten und Poesie besonders intensiv ermöglicht werden und auch mehrdeutig bleiben dürfen, um Raum für eigene Interpretationen zu lassen.
  • Es geht um den Eigenwert der Geschichte und den freien und eigenwilligen Prozess der Auseinandersetzung damit – ohne dass diese manipulativ als Mittel zum Zweck eingesetzt wird.
  • Es geht bei allem darum, dass Erwachsene im Dialog mit Kindern eher das Zuhören und Fragen üben, statt ihnen fertige Geschichten und Fakten nach vorgegebenen Zielen zu präsentieren. Vielleicht kommen die Kinder ja auf anderen Wegen und mit anderen Bildern und Hoffnungen selbst zu einem Punkt, von dem aus sich dann neue gemeinsame Perspektiven öffnen?
  • Es geht um Kinderrechte, die dafür stehen, dass Kinder mit ihren Anliegen und Vorstellungen gehört werden, dass sie sich künstlerisch betätigen, spielerisch ausprobieren und an Bildung teilhaben können.

 

10 Anregungen für die Praxis – Welche Mittel, Methoden und Ansätze tragen in Auswahl zur Kreativität und Phantasiebildung beim sprachlichen Gestalten und Erzählen (mündlich oder schriftlich) in diesem Sinne bei?

 

  • Wir können Gianni Rodaris „Grammatik der Phantasie“ und seine Erfahrungen mit dem „Phantastischen Binom“ als kreative Technik nutzen, um einen schöpferischen Denk- und Erfindungsprozess durch die Spannung zwischen Gegensätzen auszulösen: https://waldworte.eu/category/personen-und-lebenswege/gianni-rodari/
  • Wir können von Janusz Korczaks Sichtweise vom „Recht auf den heutigen Tag“ und anderen Kinderrechten im Blick auf erzählerische Mitgestaltungsmöglichkeiten lernen: https://waldworte.eu/wp-content/uploads/2020/11/Das-Alphabet-fuer-die-dialogische-Begegnung-mit-Kindern.pdf
  • Wir können uns mit Chimamanda Ngozi Adichie der „Gefahr einer einzigen Geschichte“ bewusst sein und möglichst oft auch  Erzählperspektiven aus verschiedenen Teilen der Welt mit ins Gespräch bringen: https://weltweit.nordkirche.de/fileadmin/user_upload/zmoe/media/Presse/weltbewegt/2013_Afrika/Die_Gefahr_einer_einzigen_Geschichte.pdf
  • Wir können durch Regeln der Begrenzung die kreativen Spielräume bei der Ver-Dichtung von Sprache erweitern (Akrostichon, Elfchen, Haiku, Schneeball u.ä.) 
  • Wir können im Dialog und Zuhören gemeinsam mit den Kindern nach Lösungen suchen und die Entwicklung einer Geschichte sensibel begleiten (z.B. mündlich nach der 5-Finger-Methode oder mit Bildkarten als Orientierungshilfe)
  • Wir können einen gemeinsam erdachten Handlungsverlauf in Bildern skizzieren (s. Hosentaschenbuch) statt schriftlich ausformulieren
  • Wir können Inspirationen und überraschende Momente in der Natur und Umwelt sammeln (ggf. unterstützt durch Handyfotos), z.B. in Verbindung mit einem Buch oder einer Figur als zentrales Handlungselement, indem sie in der „Wildnis“ verschiedene Plätze findet und uns auf diese Weise überraschend neue Sichtweisen und Kontexte vor Augen führt  (Spannung Fremdheit – Vertrautheit)
  • Wir könne  aus der sinnlichen Begegnung mit der überraschenden Formenvielfalt der Natur (Steine, Blätter, Baumrinde etc.) Anregungen zum Erzählen schöpfen
  • Wir können Lieder, Klänge, bildkünstlerisches Experimentieren und Bewegung in ihrem kreativen Potential erkennen und mit der schöpferischen Spracharbeit verbinden
  • Wir können Geschichten und Bilderbücher als Inspiration und Einstimmung mit einsetzen, die eher Fragen und kreative Freiräume zum Weiterdenken offen lassen als Antworten geben

 

Handreichung zum Thema mit zahlreichen Beispielen:

https://zukunftsbibliotheken-sh.de/assets/fn21/media/files/116-zum-tag-der-bibliotheken-erzaehllust-mit-wildwuchsgeschichten/Handreichung_Wildwuchsgeschichten_2021_2.pdf

 

Auch interessant zum Weiterlesen:

„Am Strand, da ist der Wind zuhaus…“ – vom Entdecken und Staunen zum Erfinden von Geschichten und Gedichten

 

Susanne.brandt

Bedenkt und entdeckt das Leben in Lübeck oder unterwegs - am liebsten zu Fuß und in der Begegnung mit anderen. Lernt, schreibt, singt, erzählt, teilt und lässt sich jeden Tag vom Möglichen überraschen. Weitere Informationen: https://de.wikipedia.org/wiki/Susanne_Brandt