Es ist mutig, Hoffnung zu setzen in ein Buch über Hoffnung. Denn die Hoffnung hat es gerade ziemlich schwer. Nicht nur, weil angesichts von Krieg, Unrecht und Klimakatastrophe eher die Hoffnungslosigkeit wächst, sondern mehr noch, weil Hoffnung gerade deshalb inflationär beschworen und dabei schnell zur Floskel wird: weder ehrlich hinterfragt noch überzeugend begründet.
Wie gut, dass da mit diesem Buch ganz verschiedene Menschen zu Wort kommen und gründlich darüber nachdenken, was wirklich gemeint ist, wenn wir Hoffnung sagen.
Klimajournalist und Autor Julien Gupta eröffnet und beschließt die Folge von wechselnden Perspektiven und Tonarten im Blick auf das Thema: Er sieht die Hoffnung im angeborenen Werkzeugkasten des Menschen und ihr Einsatz kann nicht anders sein als zutiefst persönlich und hochpolitisch zugleich.
Baro Vincenta Ra Gabbert, Sprecherin bei Greenpeace Deutschland, misst dabei dem Gestaltungsspielraum eine entscheidende Bedeutung zu. Und auch bei diesem gibt es eine individuelle wie auch kollektive Dimension.
Als Neurowissenschaftlerin malt sich Maren Urner angesichts der katastrophalen Weltlage gar ein Bild vom Sterbebett aus und erinnert an die Frage: Was würden wir am Ende unseres Lebens bereuen? Wie auch immer die Antwort individuell ausfallen mag: Als soziale Wesen verbindet uns die Hoffnung, gut zueinander zu sein. Das gilt es zu leben und zu teilen.
Raúl Krauthausen, Autor und Mitbegründer des Aktivist*innen-Netzwerks Sozialhelden e.V. wird konkreter und geht das Thema unsentimental an: Hoffnung darf aus seiner Sicht nie Ersatz für Gerechtigkeit sein und zu einem billigenTrostpreis angesichts von strukturellen Mängeln verkommen. Hoffnung entsteht vielmehr dort, wo Handeln Resonanz findet. Sie braucht eine Richtung und realistische Chancen, auch wenn das Risiko der Enttäuschung immer mitschwingt.
Selbst in ernüchternden Phasen braucht Hoffnung Kontinuität. Denn, so Krauthausen: Wir hoffen ja nicht nur für uns, sondern auch für andere. Und anknüpfend an ein Essay der Bürgerrechtlerin Michelle Alexander sieht er die Bewegung derer, die für mehr Gerechtigkeit, Vielfalt und Freiheit kämpfen, nicht als Widerstand, sondern als Reisende auf einem Fluss. Es geht darum, als Teil der fließenden Bewegung gemeinsam Hoffnung und Lebendigkeit zu teilen und wirksam werden zu lassen angesichts der Widerstände, die ihnen entgegengebracht werden.
Diese drei von 13 Stimmen und Perspektiven auf die Hoffnung zeigen bereits: Hoffnung braucht klare und ehrliche Blicke von verschiedenen Seiten. Schnell wird sie als naiv abgetan, wenn niemand kritisch nachfragt, was damit gemeint ist. Und was eben auch nicht.
Julien Gupta stellt am Ende fest: Ein Wunsch ohne Möglichkeit ist keine Hoffnung, sondern Beruhigungsmittel. Für ihn kommt es auf Geschichten des gemeinschaftlichen Gelingens und auf gegenseitige Inspiration an. Oder kurz gesagt: Unterschiede anerkennen, Brücken bauen, Vielfalt umarmen.
Mein persönlicher Eindruck: Dieses Buch ist kein Buch, das Hoffnung „macht“. Zum Glück! Denn so unterschiedlich die Beiträge auch sein mögen: Sie zeigen aus verschiedenen Perspektiven, dass wirkliche Hoffnung nicht einfach „machbar“ ist, sondern Bedingungen braucht, in denen Kohärenz, Resonanz und Zusammenhalt erfahrbar werden und sich entwickeln können. Es gilt also, gemeinsam an der Gestaltung solcher Bedingungen mitzuwirken und gleichzeitig die Strahlkraft von Hoffnungsgeschichten, gegenseitiger Ermutigung und Sinnstiftung auf individueller Ebene nicht zu unterschätzen.
Kann sein, dass Hoffnung sich manchmal dennoch anfühlt wie ein Geschenk. Vielleicht liegt das an dem, was Gupta „Geheimzutat“ nennt und damit Empathie meint: Sich einfühlen in andere Menschen und in die Mitwelt hält viele überraschende Inspirationen für Hoffnung bereit – und auch für Dankbarkeit. Worauf warten wir?
Susanne Brandt
Gupta, Julien (Hrsg.): Was wir meinen, wenn wir Hoffnung sagen. Mutige Perspektiven auf die Krisen unserer Zeit. oekom verl., 2026, ISBN 978-3-9872651-6-7


