Ein heißes Sommerwochenende in Freiburg. Schattige Plätze unter Bäumen und kühlende Bächle am Straßenrand sind kostbar – und mischten sich für mich an diesen Tagen auch in das Weiterdenken zum Hintergrund der Reise: Was geschieht in der Beziehung zur Mitwelt, die mich mit Wasser und Schatten so berührt, dass ich dafür einfach Danke sagen möchte? Kann sich daraus sowas wie ein Dialog entwickeln?
Bei dem gemeinsamen Tagungs-Treffen der Deutschen Korczak-Gesellschaft mit der Buber-Gesellschaft ging es – ganz kurz gesagt – um das Dialogische im Denken, Schreiben und Wirken von Buber und Korczak: Nach Buber wird der/die Andere bzw. die Welt als Du dem Ich ganz gegenwärtig mit seiner Tiefendimension. Wer Du spricht, meint kein Es. Vielmehr spricht das Du mir etwas zu in einem umfassenden Sinne.
Bei Korczak suche ich weniger in der Theorie nach Beispielen für eine lebendige Beziehungsqualität zwischen Ich und Du, sondern – neben Einblicken in die Praxis des Korczak-Hauses in Freiburg – auch im Kontext seiner erzählenden Pädagogik, d.h. in Geschichten mit der bei ihm so elementaren fragenden Haltung dem Leben gegenüber.
Mit Inspirationen, wie sie sich aus Gesprächen und Begegnungen bei solchen Treffen so vielfältig ergeben, nehme ich diesmal also als Frage und Impuls zum Weiterdenken mit nach Hause: Welche Aussagekraft haben die von Korczak erzählten Begegnungsgeschichten und dialogischen Momente nicht nur für das Zwischenmenschliche, sondern auch für die Beziehung zur anders-als-menschlichen Mitwelt? Und was könnte ich davon für meine Erzählhaltung im Umgang mit naturverbundenen Geschichten ableiten?
Ich denke dabei an Bilder und Passagen aus Korczaks Schriften wie z.B. in „Leihbibliothek für alle“, in denen er u.a. fragt, worüber die Bäume mit dem Himmel reden. Oder bei denen das noch so verletzliche Kind in geschwisterlicher Beziehung zum Elementaren wie Sonne, Wind und Wasser gesehen wird. (1) Ich denke auch an die Geschichte vom Nussbaum in der Stunde des Abschieds vom alten Kamin. Man kann ihn weiterhin fragen nach dem abgerissenen Häuschen mit dem alten Kamin und er wird erzählen – aber ein Vielleicht schwingt dabei immer mit. (2)
Diese Haltung der Frage und des Vielleicht in der dialogischen Beziehung zu anders-als-menschlichen Wesen ist in meinen Augen das Besondere und Bemerkenswerte bei Korczak:
So werden die erwähnten Bäume zwar mit menschlichen Erfahrungen verbunden, zugleich aber in ihrer Eigenständigkeit als Subjekte beschrieben, ohne vereinnahmt zu werden von anthropozentrischen Zuschreibungen bzw. Deutungen. Ihre Antworten bleiben offen und rätselhaft. Sie lassen im Dialog immer etwas vom Geheimnisvollen im Leben ahnen. Auch dort, wo man sich beim Singen und Sprechen der anders-als-menschlichen Wesen vielleicht eine menschliche Stimme vorstellt, bleibt diese Stimme doch unverfügbar und eigenwillig in ihrem Sosein.
Vielleicht so wie die Stimmen der Vögel, die beim Konzert von Gilead Mishory am Klavier gegen Ende der Tagung so eindrucksvoll erklungen sind: originell, überraschend, eingebettet in die Atmosphäre des Augenblicks, erkennbar und doch ganz anders.
Da klingt noch etwas nach…
Susanne Brandt
Zu den Quellen:
- vgl. Vortrag von Dr. Agata Skalska: Zum pädagogischen Grundkonzept bei Janusz Korczak.
- vgl. Korczak: Das Märchen von unserem Haus. Aus dem Wochenblatt des Dom Sierot. SW, Bd.13, S.334
Zum Weiterlesen:
„Die Sonne spricht und jeder Stein…“ – Erinnerung an Janusz Korczak

