Reisetagebuch Normandie – Bretagne: Landschaften erwandern

Der Weg bis in den Nordwesten der Bretagne ist weit. Wer dabei auch in die stillen einsamen Winkel der Landschaft kommen möchte, hat es mit Auto leichter. Aber auch ein Reisen kombiniert bzw. nur mit dem Zug wäre planbar. So oder so: Man sollte es dabei nicht zu eilig haben.

Ich mag es, die Veränderungen auf Reisen langsam wahrzunehmen. Zwischen Aufbruch und Ziel liegt so viel, was nicht einfach vorbeirauschen soll, sondern zum Erleben der Reisebewegung dazu gehört. Das gilt für die Alltagswege, die ich am liebsten zu Fuß zurücklege ebenso wie für die europaweiten Reisen mit Verkehrsmittel-Unterstützung. Vom ersten Reisetag an vertiefen tägliche Spaziergänge und Wanderungen an jeder Zwischenstation das Unterwegssein, um schrittweise ein Gefühl für die sich wandelnden Landschaften, Sprachen und Geschichten der durchreisten Länder – hier Niederlande, Belgien und Frankreich – zu bekommen.

Unsere diesjährige Reise führte uns den langen Weg zunächst entlang des Ijsselmeeres, durch Flandern, die Picardie und Normandie in die Bretagne und zurück – mit folgenden Stationen:

1. Ijsselmeer – Brabant: Urk & Rosendaal (NL) 

2. Picardie: Amiens & Beauvais 

3. Normandie: Binnenland und Küste nahe Villers-sur-Mer

4. Bretagne: Dinan, Lanloup & Cleder 

5. Flandern: Hasselt (B) 

Bei wechselnden Übernachtungen, überwiegend in kleinen privaten Bed & Breakfast-Quartieren, ergeben sich immer wieder interessante Begegnungen mit ganz unterschiedlichen Gastgebenden, mit vielfältigen Lebensstilen und Wohnkulturen in den verschiedenen Regionen. Auch das bereichert das Reiseerlebnis durch authentische Einblicke in andere Alltagswelten, übt die Verständigung in anderen Sprachen und vermittelt ein Gefühl für die Ausstrahlung und Stimmungen von Natur und Landschaft, Kunst und Kultur.

Drei Tage lassen wir uns Zeit für den Reiseweg – dann erreichen wir mit Dinan die erste Station in der Bretagne. Zuvor habe ich die Abende unterwegs genutzt, um mich einzulesen in diese so einzigartige Region und Kultur: Was als Halbinsel ins Meer ragt, hat in mancher Hinsicht Inselcharakter – nicht nur aufgrund des eindrucksvollen Küstenanteils, sondern auch durch so manche kulturellen und sprachlichen Eigenarten.

Das Wetter ist rauer als im übrigen Teil Frankreichs, wechselt schnell und oft unvorhersehbat: vier Jahreszeiten pro Tag – wie die Bretonen es gern beschreiben.

Der Schatz an Mythen und Legenden ist groß, wie wir bei einer Kirchenführung erleben konnten und die Zahl von inoffiziellen „Lokal-Heiligen“, die diesen Legendenschatz nicht unwesentlich bereichern, ist noch deutlich größer.

Musikalisch gibt es hörbare Verwandtschaften zwischen keltischer, irischer und bretonischer Volksmusik, oder besser gesagt: Tanzmusik.

Die Nähe zu den britischen Inseln auf der anderen Seite des Ärmelkanals drückt sich nicht nur im Namen aus, der sich mit „Klein-Britannien“ übersetzen lässt.

Dass das Alltagsleben hier etwas entspannter und ruhiger verläuft als in den Ballungszentren in und um Paris, ist wohl nicht nur eine Erzählung für  stressgeplagte Touristen. 

Wer wandern will, sollte das waldreiche Binnenland nicht unterschätzen. Aber das Highlight ist für alle, die #frohzufuss unterwegs sind zweifellos der Zöllnerpfad GR 34 entlang der Küste mit über 2000 km geschlängelt  rund um die Bretagne. Das Gute: Man kann sich an jeder Stelle der Küste darauf verlassen, auf die rot-weißen Markierungen zu stoßen und unterwegs beliebig ein- und aussteigen. Rund 45 km, verteilt auf verschiedene Abschnitte zwischen Saint-Brieux und Kerlouan konnte ich mir vom GR 34 in diesem Urlaub wandernd erschließen. Dazu knapp 100 Wander-Kilometer in den wechselnden Landschaften der Hin- und Rückreise. Hier zählt nicht der sportliche Ehrgeiz, sondern die Intensität der Eindrücke, begleitet von Ruhe und Zeit zum Lesen und Schreiben. Impressionen und Fundstücke am Wegrand finden nicht nur in Haiku Ausdruck, sondern auch in einer Geschichte über jene Napfschnecken, die hier überall entlang der Küsten an den Felsen kleben:

Gut behütet

Reise-Tipp: 

Sehr schöne, ruhige Gegend um Plouha, mit dem Dörfchen Lanloup und dem Strand Brehec, ideal zum Wandern am Wasser und im Wald. (Nächster Bahnhof:  Paimpol).

Kunst und Unterkunft bei: https://marie-gilles-lebars.book.fr

Skulpturenpark in der Nähe: https://kito-antoine.com


Hier und da bleiben auch Buchstaben in Erinnerung:

Am Eingang von Wohnung und Atelier in Lanloup werden Gäste mit einem Zitate von Miguel Angel Asturias begrüßt und verabschiedet, das ich aus dem Französischen so übersetzen würde:

Die Erde nährt sich an Fußspuren / Der Himmel nährt sich an Flügeln.

Miguel Angel Asturias (1899-1974)*

Wer unter wechselnden Wolkenbildern gern zu Fuß unterwegs ist, mag dieses Bild gern beim Weitergehen im Herzen bewegen…

Susanne Brandt

Susanne.brandt

Bedenkt und entdeckt das Leben in Lübeck oder unterwegs - am liebsten zu Fuß und in der Begegnung mit anderen. Lernt, schreibt, singt, erzählt, teilt und lässt sich jeden Tag vom Möglichen überraschen. Weitere Informationen: https://de.wikipedia.org/wiki/Susanne_Brandt