Warum Gedichte, Musik und schöpferisches Gestalten nicht die Welt retten – und gerade deshalb so bedeutsam sind

Nein, mit Gedichten lässt sich die Welt nicht retten. Das wäre nicht die Perspektive, die zu ihrem Wesen und Wirken passt. Vielmehr können Gedichte, Musik und schöpferisches Tun dazu beitragen, unser eigenes Sein und Wirken als Teil der Welt intensiver in Erfahrung zu bringen. Und eben das lässt uns dann anders auch über die vermeintliche „Retter*innen-Rolle“ nachdenken – und wirkt sich aus auf das, was wir erkennen, tun und teilen.

Warum – so frage ich mich oft – werden im Kontext von Klima- und Artenschutz so oft und so gern Rettungsgeschichten erzählt? Vielleicht, weil es so schwer auszuhalten ist, dass wir einerseits Teil des Problems sind und bleiben und gleichzeitig Verantwortung übernehmen, umdenken und manches in unserer Beziehung zur Mitwelt verändern können und müssen? So entwickeln sich keine Heldengeschichten – aber vielleicht wertvolle Einsichten, um mit Widersprüchlichkeiten und Ungewissheiten schöpferisch und besonnen leben zu lernen und gerade daraus Mut und Motivation für ein umsichtiges Engagement zu schöpfen.

Es geht also immer auch um Sensibilität für Sprache. Und dabei können Gedichte ziemlich gut helfen. Anders als die oft plakative Rede von der „Rettung der Welt“ klingen feinsinnige Erzählungen, Poesie und Musik, die ein verletzliches Beziehungsgeflecht beschreiben und uns so an eine tiefe Verbundenheit mit allen Geschöpfen erinnern. Auch Demut gehört zu diesem Prozess der Neuorientierung dazu.

Das Bedrohliche, wie es sich durch Verletzungen von Achtung, Empathie und Würde für Natur und Menschen ankündigt, wird weiterhin zu unserem Leben gehören. Wohl aber lässt sich durch schöpferisches Gestalten Einfluss nehmen auf ein Fühlen, Sprechen und Handeln, das allen Rückschlägen zum Trotz um Zuversicht und Verbundenheit ringt. 

Dabei weckt die Wirkkraft kultureller und sozialer Erfahrungen mit Besonnenheit und Vorstellungskraft neue Visionen für eine solidarische Lebensgestaltung – individuell wie auf der gesellschaftlichen und globalen Ebene. So kommen Veränderungen in Bewegung, wenn vielleicht auch anders als gedacht.

Simple Slogans und polarisierende Stimmen nutzen andere Mittel, um maximale Aufmerksamkeit zu bekommen.
Nicht lauter, sondern berührend, nicht aufdringlicher, sondern hintergründiger und tiefer, nicht selbstherrlich, sondern mitfühlend und fragend kann die Sprache von Literatur, Kunst und Musik Menschen zu einer besonderen Wahrnehmung und Handlungsweise inspirieren – im Einklang mit Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung.

Die Entwicklung einer veränderten Beziehung zur Mitwelt verläuft selten eingleisig, kann individuell ganz unterschiedlich aussehen, braucht Dialogbereitschaft und Gestaltungskompetenz auf allen Ebenen – und vor allem: Sie bleibt dauerhaft ein beweglicher, sinnstiftender und spiritueller Lernprozess.

Susanne Brandt

Susanne.brandt

Bedenkt und entdeckt das Leben in Lübeck oder unterwegs - am liebsten zu Fuß und in der Begegnung mit anderen. Lernt, schreibt, singt, erzählt, teilt und lässt sich jeden Tag vom Möglichen überraschen. Weitere Informationen: https://de.wikipedia.org/wiki/Susanne_Brandt