Ein kleines Buch mit großer Inspirationskraft: Kathrin Schlup lässt vielfältige Erfahrungen aus der Gestaltung von Partizipationsprozessen in Organisationen, Verwaltung und Unternehmen einfließen, die sich mit Fragen der nachhaltigen Entwicklung befassen. Und sie hinterfragt dabei geläufige Fortschrittsbilder und Zielerwartungen, thematisiert eine Wortwahl, die eher ein dualistisches Weltbild festschreibt und stellt Alternativen vor, die etwa mit dem Begriff vom Lebendigen, in Anknüpfung an den französischen Philosophen Baptiste Morizot, oder „Natureculture“ nach der amerikanischen Philosophin Donna Haraway unsere Vorstellung von Verbundenheit in der Welt grundlegend erweitern. Das ist ein Anfang.
Es braucht solche Inspirationen zum Überdenken herkömmlicher Hierarchien und Ordnungen in unserem Beziehungsgeflecht, um anders zuzugehen auf konkrete Themen, gemeinsame Gestaltungsaufgaben und Entscheidungen, etwa im Bereich der regenerativen Landwirtschaft, der Fragen von Planetarer Gesundheit und der Veränderung unserer Kommunikationsweisen, bei denen auch virtuelle Welten und KI zum Lebendigen gehören.
Das macht dieses Buch so glaubwürdig: Es blendet eben nicht jene oft als ambivalent empfundenen Herausforderungen aus, sondern sucht nach neuen Formen und Verstehensweisen einer Assemblage, bei der alles in der Welt im Sinne von Akteuren bzw. Subjekten Gelegenheit zum Mitwirken bekommt.
So fangen wir als Menschen mit unserer vermeintlichen Wirkmacht vielleicht an, uns anders einzuordnen und immer wieder eine partnerschaftlich ausgehandelte Teilhabe in den Blick zu nehmen. Das, was wir Natur nennen, ist dabei nicht länger das schutzbedürftige Opfer, sondern gehört wie wir der geteilten Lebendigkeit an.
Die Wege, die mit diesem Bewusstsein gerade auch in Krisenzeiten auszuloten sind, sollte man sich nicht in allem zielsicher und absehbar vorstellen. Sie beinhalten immer verschiedene Möglichkeiten, führen durchs Ungewisse, entwickeln sich vermutlich eher kurvenreich oder schrittweise.
Dabei gilt es, Mehrdeutigkeit auszuhalten.
Das meint keine Abkehr von wissenschaftlich begründeten Erkenntnissen, sieht diese aber immer auch in Relation zu anderen Wissensquellen – von Überlieferungen aus indigenen Kulturen bis hin zu alltäglichen Beobachtungen oder künstlerischen Reflexionen beim Erleben der anders-als-menschlichen Welt.
Und nicht zuletzt: Es geht in diesem Buch auch um Zuversicht. Kathrin Schlup beschreibt gegen Ende konkrete Alltagserfahrungen, die uns dabei helfen, sich als Teil einer Regenerationspartnerschaft zu begreifen:
Durch „Verortung in Raum und Zeit“ spüren wir die Einladung der Welt zum Mitmachen. Durch eine „forschende Haltung“ wird uns das feine Zusammenspiel im Lebendigen mehr und mehr vertraut. Durch „spielerische Neugier“ üben wir uns auch in Geduld. Nicht alles muss sofort gelöst und beantwortet werden. Die „Lust am Lernen“ stärkt dabei eine fragende Haltung in uns. Und durch „Mut zur Bescheidenheit“ können wir auch anderen mal die Führung im „Tanz der Akteure“ überlassen.
Zur Hoffnung gehört in diesem Sinne eine immer wieder neu belebte Motivation, sich auf die Dynamik lebendiger Systeme einzulassen.
Das alles ist nicht als Erfolgsprogramm zu verstehen. Wir werden auch Scheitern erleben. Wir werden manchmal vielleicht enttäuscht und unzufrieden mit dem Erreichten sein. Aber – so interpretiere ich die Botschaft des Buches – wir dürfen uns bei allem eingebunden und begleitet wissen von einem Lebensgeflecht, das sich im Zusammenspiel weiterentwickelt.
Das Besondere und Überzeugende an diesem Buch liegt in der Lebendigkeit, von der hier nicht nur exemplarisch geschrieben wird – es drückt sich auch formal in dem facettenreichen Wechselspiel zwischen Erfahrungsberichten zu ganz verschiedenen Aushandlungs- und Entscheidungssituationen und Einblicken in wissenschaftliche, künstlerische und sinnliche Zugänge zur Welt aus.
Wir brauchen sie alle – und wir brauchen bei allem die Offenheit für Interaktion und Dialog mit der anders-als-menschlichen Welt. Das ist etwas anderes als Tieren oder Pflanzen „unsere Stimme zu geben“ bzw. sich anzumaßen, ihre Stimmen mal eben in menschliches Sprechen und Denken übersetzen zu können.
Wie kommt dabei die Kunst ins Spiel?
Sie kann uns sensibilisieren und inspirieren, auf Wahrnehmungen im Lebendigen feinsinnig und staunend zu reagieren und davon etwas auszudrücken. Das wirkt sich aus auf unsere Weltverbundenheit – und wird unser Verständnis von Partizipation erweitern, indem es die anders-als-menschliche Welt wirklich in ihrem Anderssein wie auch in dem gemeinsamen Lebendigsein mit einbezieht.
Klingt kompliziert? Beim Lesen wird deutlich, dass die Autorin in einer zugänglichen Sprache lebensnah und anschaulich eher erzählt als erklärt. Gerade weil Kathrin Schlup nach einem einleitenden Essay zehn Praxisbeispiele für solche Prozesse beschreibt, entsteht der Eindruck: Ja, ein anderes Zusammenleben und gemeinsam verhandelte Gestaltungswege (nicht nur) im Blick auf Artensterben und Klimawandel sind nötig und möglich.
Kurz gesagt: Im Lebendigen finden wir Zuversicht.
Rezension: Susanne Brandt
Katrin Schlup: Weltverbunden. Impulse für das Zusammenleben von Mensch und Natur. Oekom-Verlag, 2026

