Bilderbuch-Tipp: Mary Oliver oder Warum Staunen und Poesie Geschwister sind

Die Naturlyrik der amerikanischen Dichterin Mary Oliver (1935-2019) ist erst in den letzten Jahren u.a. durch eine umfassende Übersetzung ins Deutsche auch hierzulande einem breiteren Publikum vertrauter geworden, wenngleich die Originaltexte schon länger von vielen gelesen und geliebt werden.

Neu in den USA erschienen ist jetzt auch ein Bilderbuch über das Leben und Schaffen von Mary Oliver, geschrieben von Erin Frankel und illustriert von Jasu Hu. Warum das, so mag man sich fragen, richten sich doch die Gedichte von Mary Oliver eher an erwachsene Leserinnen und Leser. Im Zentrum des Buches stehen daher auch weniger die Werke selbst, sondern vielmehr die Erfahrungen mit einer staunenden Wahrnehmung der Natur. Denn die haben bereits die Jahre ihrer Kindheit mit geprägt.

Insofern nimmt das Buch Kinder ab Grundschulalter zunächst mit auf die Plätze der stillen Betrachtung, an denen die kleine Mary ihre ersten Eindrücke notierte und seither nie mehr aufhörte, bei täglichen Spaziergängen und Zeiten der Stille aus dem zu schöpfen, was ihre Poesie so einzigartig macht.

Das Bilderbuch führt Seite für Seite behutsam und mit wenigen Worten durch die wichtigsten Stationen ihrer Biografie.  Erin Frankel hat sich dazu intensiv mit Mary Olivers Denken und Wirken beschäftigt, hat sich eingefühlt in die Landschaften ihres Lebens und respektiert zugleich, dass die Autorin eher zurückgezogen schrieb und keine Frau der großen Auftritte und Öffentlichkeit war. Sensibel beschrieben wird auch die tiefe Beziehung zu ihrer Lebensgefährtin, der Fotografin Molly Malone Cook.

In einem Nachwort kommt zur Sprache, was die stets nur auf wenige Zeilen pro Seite begrenzten Texten sinnvoll ergänzen kann: Mary Oliver war mit ihrem Schreiben und Entdecken nicht auf der Suche nach Antworten. Ihre Haltung zur Welt war eine staunende, liebende und fragende Verbundenheit bis zum Schluss. Auch eine Chronologie ihres Lebens wird dort zur Übersicht veröffentlicht wie auch eine Auswahlbibliografie ihrer Werke und Quellenhinweise zur Recherche für dieses Buch.

Eine kurze Bemerkung zur Kraft und Bedeutung von Poesie – nicht zuletzt auch als Ermutigung für erste eigene Wege zum Schreiben – rundet das Buchkonzept ab.

Da die Texte in leicht verständlichem Englisch geschrieben sind, ist das Buch ausdrücklich ebenso all jenen zu empfehlen, die sonst nur selten zu englischsprachigen Büchern greifen. Möchte man das Buch in Deutsch für Kinder  vorlesen oder nacherzählen, lassen sich die jeweils sehr überschaubaren Textpassagen als Drei- oder Vierzeiler relativ leicht spontan übersetzen. Ein Bezug des Titels über den örtlichen Buchhandel ist gut möglich.

Und nebenbei: Auch Menschen mit Interesse an Nature Journaling, können aus der Haltung von Mary Oliver auch dafür  einiges ableiten über die Art, die Mitwelt zu sehen und zu beschreiben.

Erin Frankel / Jasu Hu: Mary Oliver. Holding on to wonder. New York, 2025

 

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Susanne.brandt

Bedenkt und entdeckt das Leben in Lübeck oder unterwegs - am liebsten zu Fuß und in der Begegnung mit anderen. Lernt, schreibt, singt, erzählt, teilt und lässt sich jeden Tag vom Möglichen überraschen. Weitere Informationen: https://de.wikipedia.org/wiki/Susanne_Brandt