Wer das Buch „Geflochtenes Süßgras“ von Robin Wall Kimmerer schon gelesen hat, erinnert sich vielleicht: In dem Buch erzählt die US-amerikanische Biologin, eine Angehörige der Potowatomi, nicht nur von der Natur. Sie thematisiert auch die Bedeutung von Sprache, speziell die Besonderheiten der Sprache ihrer Vorfahren. Ich möchte das hier nicht unangemessen verkürzt wiedergeben. Besser weiß sie selbst mit ihrem indigenen Wissen die nötige Tiefe zu vermitteln.
Was mich seither auch beschäftigt, ist die Frage, was wir davon generell über die Bedeutung von Sprache bei der Beschreibung von Weltbeziehungen lernen können. Denn die Erfahrung, dass es einen Unterschied macht, die Mitwelt eher mit Substantiven im Sinne von Objekten oder verbal als etwas Seiendes zu beschreiben, lässt sich in verschiedenen Sprachen immer wieder anders bedenken und erproben.
Und auch die Art, wie wir uns mit alten Überlieferungen und Legenden vom Wesen der Schöpfung erzählen, kennt in jeder Kultur und Religion mehr Facetten, als es mitunter vereinfacht dargestellt und verglichen wird. Zählen wir beispielsweise die poetischen Beschreibungen von der Geschwisterlichkeit aller Lebewesen und Elemente aus franziskanischen Quellen hinzu, ergeben sich interessante Lesarten für das „Gespräch“ wie für die Stimmen der Pflanzen und Tiere. Denn sie sind es mit ihrer Lebendigkeit, die z.B. den Sonnengesang als Lob zum Klingen bringen.
Das stellt die oft belächelten Geschichten über Franz von Assisi, der den Tieren predigt, in ein anderes Licht. Vielleicht könnte man sie so deuten: Weil er sich mit der Welt geschwisterlich verbunden weiß, bleibt er mit der Schöpfung im Gespräch, redet, betet und denkt also nicht über, sondern mit seinen Schwestern und Brüdern – wie immer man sich das bildlich vorstellen mag.
Robin Wall Kimmerer schreibt an einer Stelle ihres Buches sinngemäß: Wir lernen die Bezeichnungen der Pflanzen, aber kennen ihre Lieder nicht (vgl. Geflochtenes Süßgras, S. 57). Sie schaut dabei in ihrer Weise auf die Sprache und Weltwahrnehmung der Potowatomi, geprägt von der darin bewahrten Weisheit.
In anderen Kulturen mag die Frage mit anderen Assoziationen und Vorstellungen verbunden sein: Hören wir, was die Pflanzen uns zusingen?
Der Sonnengesang des Franz von Assisi ist eine Antwort darauf – im Konzert der vielen verschiedenen Stimmen in der Welt.
Zurück zu Sprache mit ihren jeweiligen Möglichkeiten, die Welt als Beziehungsgeflecht von seienden Wesen zu betrachten: Bereits mit kleinen Formen des kreativen Schreibens lassen sich eigene Erfahrungen sammeln. Einige Haiku-Beispiele, die geschwisterliche Alltagsbegegnungen so zum Klingen bringen, dass durch Verben die Lebendigkeit im Dialog mit der Natur spürbar wird, können dafür als Anregung dienen:
Mai ist gekommen
jetzt sitzt er bei mir am See
und erzählt vom Licht
Den Bäumen lauschen
von den Windliedern lernen
zur Pfingstwunderzeit
Jeder Baum ein Buch
jeder Ast birgt Geschichten
im alten Geflecht
Aus Sicht des Baumes
wächst die Aussicht auf Hoffnung
im Wurzelgeflecht
Ein Wort wie Musik
sag leise Buschwindröschen
so klingt der Frühling
Es ist nicht die Sprache allein, die unsere Beziehung zur Welt verändert. Aber im Hören auf die Stimmen der geschwisterlichen Mitwelt hilft uns die Sprache dabei, die Wahrnehmung zu vertiefen, mit anderen zu teilen und sich selbst immer wieder daran zu erinnern:
Wir schauen nicht auf Objekte, denen wir Eigenschaften zuschreiben, sondern lassen uns ansprechen. Das verändert unser Erzählen, Schreiben – und Leben.
Veranstaltungen mit Waldworte.eu 2026 zu Sprache und Natur mit unterschiedlichen Schwerpunkten:
- 28./29.04.2026 Workshops zu „Naturverbunden erzählen“ bei Länderübergreifende Tagung „Leseförderung kreativ“ in Sachsen
- 23.05.2026, 11.30-13.30 Uhr, botanisch-inspirierte Schreibwerkstatt im Alten Botanischen Garten Kiel (mit Netzwerk NatuS)
- 29.05.2026 Gemeinschaftslesung „Farben der Moore“, 19 Uhr im Güterschuppen in der Bahnhofsstraße 1 in Westerstede
- 01.-07.06.2026 Teilnahme an der International Nature Journaling Week (digital & vor Ort)
- 06.06.2026, ab 15.00 Uhr Führung mit Lesung Vorwerker Friedhof zu „Gepflanzt 1946“
- 14.06.2026 Gemeinschaftslesung „Farben der Moore“, 15.30 Uhr in der Gaststätte „Zum Huvenhoop“, Augustendorf 5, Gnarrenburg
- 18.07.2026, ab 15.00 Uhr Führung mit Schreib-Workshop, Vorwerker Friedhof zu „Gepflanzt 1946“
- 21.-23.08.2026 Thema Sonnengesang beim Franziskus-Seminar Sankelmark
- 18.09.2026 Kreatives Schreiben in Katharinenkirche und Übergangsgarten mit VHS Lübeck zu „Einfach staunen“
„Gepflanzt 1946“ – Gutes Leben mit Bäumen in Schleswig-Holstein
Worte im Wind – Online-Impulse für poetische Entdeckungen im Freien


