Immer wieder habe ich in den letzten 20 Jahren darüber nachgedacht, unzählige Male davon erzählt und darüber diskutiert: Welche Traditionen und Geschichten spielen mit hinein in das, was wir beim bildgestützten Erzählen, speziell auch mit Kamishibai, heute mit Kindern erleben? Was hat sich im Verlauf der vergangenen 100 Jahre in unterschiedlichen Kulturen und Regionen der Welt durch ganz verschiedene Erzählstoffe und -methoden weiterentwickelt? Und wie lässt sich in der Praxis eine gute Balance finden zwischen Überlieferung und Erneuerung?
Was mir dabei besonders wichtig geworden ist, lässt sich vielleicht so beschreiben: Respekt vor der Vielfalt ganz unterschiedlicher Erzählweisen und Lebendigkeit im Dialog mit den Kindern. Dafür ist es gut, die historischen Wurzeln zu kennen, zu achten und daraus etwas wachsen zu lassen, was in der heutigen Praxis immer wieder neu und anders zur Entfaltung kommen kann.
Eine Annäherung und viele Möglichkeiten des Erzählens
All diese Vorüberlegungen spielten auch eine Rolle bei der Entstehung der Geschichte „Mariko und die Mondprinzessin“, die jetzt im Don Bosco Verlag erschienen ist: Mein Anliegen war es, eine Annäherung zu versuchen an eine bedeutende Zeit der Praxis mit dem Kamishibai in Japan vor 100 Jahren – wohl wissend, dass es in der Geschichte des Kamishibais zugleich ein Vorher und ein Nachher gab, dass eine Geschichte nie alles erzählen kann, sondern immer nur eine Möglichkeit. Man stelle sich eine Szene an einem anderen Ort und an einem anderen Tag mit anderen Kindern vor – und siehe: Es ließe sich eine ganz andere Geschichte erzählen. So ist es bis heute!
Durch eingehende Recherchen habe ich den Eindruck gewonnen, dass auch in der japanischen Kamishibai-Tradition unterschiedliche dramaturgische Mittel genutzt haben: Mal endete das Erzählen bewusst an einem Höhepunkt, um die Neugier auf die Fortsetzung beim nächsten Besuch zu steigern. Mal wurden geheimnisvolle Momente vorweg genommen, um ein gebanntes Staunen anzuregen. Und noch viele Varianten mehr wären hier zu nennen.
Perspektive der Kinder im Mittelpunkt
Wie könnte es bei der Geschichte von der „Mondprinzessin“ gewesen sein, die Mariko hier erlebt? Das bleibt der Fantasie und Interpretation der Erzählenden überlassen.
Wichtig war mir hier vor allem, die Perspektive der Kinder in den Mittelpunkt zu stellen: Sie sind es, die immer miterzählen durch das, was sie vorher erlebt haben, in den Bildern erkennen, verbal oder nonverbal als Reaktion zum Ausdruck bringen und anschließend für sich weiterdenken oder -spielen.
Vor allem Kommunikation und Inspiration
Für mich entfaltet das Erzählen mit Kamishibai daher seine besondere Bedeutung vor allem als Kommunikation und Inspiration im Alltag und nicht so sehr als Bühnenkunst. Die Kinder selbst sind dabei die für mich wichtigsten Lehrmeisterinnen und Lehrmeister, die mich immer wieder überraschen, zum Nachdenken bringen und herausfordern, es beim nächsten Mal anders zu probieren.
So wird es mir auch mit dieser Geschichte in der Praxis gehen.
Meine Empfehlung: Lasse dich mit den Kindern auf ein Entdecken ein. Was bringen Geschichten bei Kindern in Bewegung? Was wirkt nach und sucht nach Ausdruck – bei jedem Kind anders?
Fragen wie diese können mit der Geschichte beginnen und zu ganz unterschiedlichen Erfahrungen damit führen. Gut so! Denn es ist die Beweglichkeit im Freien, die das Kamishibai in besonderer Weise auszeichnet und den Kindern Freiräume zum Mitwirken lässt. Damals wie heute.



