Mariko im Grünen – Freiluft-Erlebnisse und Ideen mit Kamishibai

Das Fahrrad spielt in der Geschichte des Kamishibai eine besondere Rolle – und damit auch das Erzählen unter freiem Himmel. Das ist heute nicht anders: Zwar hat sich ein Erzählen, das von dieser Tradition inspiriert ist, in Europa und anderswo im Verlauf von vielen Jahrzehnten auf verschiedenen Wegen weiterentwickelt. Doch erweist sich weiterhin besonders das Freiluft-Erlebnis als besondere Chance, um sich für ein spontanes Dazukommen der Kinder zu öffnen und die lebendige Atmosphäre des Ortes mit einfließen zu lassen – ob mit oder ohne Fahrrad. Auch im Rucksack lassen sich Rahmen und Bildkarten wunderbar von Platz zu Platz tragen und ein Tuch zum Sitzen auf dem Boden nahezu überall ausbreiten. Und schon geht es los…mit zwei, drei, vier oder auch ein paar mehr Kindern. Gut, wenn die Gruppe nicht zu groß ist und nötigenfalls geteilt wird, um dann mit mehreren kleinen Gruppen hintereinander zu erzählen.

Es liegt also besonders in dieser Jahreszeit nahe, die Geschichte „Mariko und die Mondprinzessin“ draußen zu erzählen,  klingen in der Geschichte doch die historischen Hintergründe des Erzählens mit Kamishibai im Freien an, die sich hier mit einem Märchen verbinden, das innere Bilder von Bambusfeldern und Mondlicht weckt.

Vielfältige Erfahrungen an verschiedenen Orten

An verschiedenen Orten konnten damit seit dem Frühjahr bereits vielfältige Erfahrungen gesammelt werden – immer wieder anders. Denn die besondere Chance und Lernerfahrung des dialogischen Erzählens mit Kamishibai ergibt sich vor allem aus den Rückmeldungen und intensiven Erfahrungen mit den Kindern wie mit der jeweils anderen Umgebung. Beides wirkt sich aus auf den jeweils einzigartigen Moment der Begegnung und des geteilten Geschehens.

So erzählt zum Beispiel die ehrenamtliche Vorleserin und Geschichtenerzählerin Regina Eilemann in Wittenberg gern  draußen mit Kindern eines Waldkindergartens. Sie hat für das Erzählen das Mädchen Mariko aus der Geschichte als gehäkelte Figur dabei, die inzwischen auch bei mir gern mit zum Einsatz kommt. Oft lässt sich beobachten, dass die Kinder anschließend mit der Figur die Geschichte im freien Spiel „weiterspinnen“. Auch die Bohnen, die in der Geschichte als (nicht nur) historisches Spielmaterial von Bedeutung sind, können bei Regina Eilemann anschließend von den Kindern mitgenommen und eingepflanzt werden – eine weitere Möglichkeit, um Erzähl- und Naturerleben schlüssig zu verbinden und das Erlebnis mit der Geschichte bei den Kindern „weiterwachsen“ zu lassen.

Bambusflöte klingt ins Weite und stimmt ins Märchen ein

Ich selbst habe gute Erfahrungen mit dem Spiel auf einer Bambusflöte gemacht, die draußen mit warmen Tönen ins Weite klingt. Denn innerhalb der Geschichte gibt es ja einen Wechsel der Erzählebenen, eine „Geschichte in der Geschichte“ sozusagen, wenn der Kamishibai-Mann den Kindern das Märchen von der Mondprinzessin erzählt. Da in diesem Märchen ein Bambusfeld von besonderer Bedeutung ist, leite ich den „Szenenwechsel“ gern durch den Bambusflötenklang ein, der dazu bildlich wie atmosphärisch gut passt und die Mondprinzessin am Ende auch wieder „verabschieden“ kann, bevor die Handlung mit Mariko weitergeht.

Ich habe mit Kindern im Grundschulalter erlebt, wie intensiv sie sich gerade zu diesem Wechsel zwischen zwei Erzählebenen ihre eigenen Gedanken machen. Dazu entwickeln sich immer wieder erstaunliche, geradezu philosophische Gespräche etwas zu dem Begriff von „Wahrheit“: Ist die Rahmengeschichte mit Mariko und dem Kamishibai-Mann „garantiert wahr“, das Märchen aber nicht? Oder ist beides erfunden? Oder steckt in beidem eine Wahrheit – aber eben unterschiedlich? Und was ist am Ende der Geschichte im Traum möglich? Was passiert „wirklich“, wenn wir träumen?

Kinder philosophieren – inmitten aller Geräusche und Bewegungen des Lebens

Das sind tatsächlich Fragen und Unterscheidungen, die von den Kindern selbst mit ins Gespräch gebracht wurden – nicht von mir. Ein Grund mehr also, mit eher kleinen Gruppen zu arbeiten, um zu solchen Gedanken in einen guten gemeinsamen Austausch zu kommen und sich dabei immer wieder von den Kindern überraschen zu lassen. Deutlich wird dabei auch: Derart konzentrierte und intensive Gespräche und Erlebnisse mit Kamishibai sind nicht nur in geschlossenen, von Störungen abgeschirmten Räumen möglich. Die hier geschilderte Szene entwickelte sich draußen mitten im Trubel eines Sommerfestes mit offenem Erzählangebot unter einem Baum am Wegrand.

Aus diesen und weiteren Impressionen und Erfahrungen mit der Geschichte ergeben sich für mich drei zentrale Erkenntnisse:

  • Die Kinder selbst sind für mich die wichtigsten Lehrmeister. Ihre spontanen Rückmeldungen geben mir immer wieder entscheidende Impulse zum kritischen Überdenken und Weiterfragen.
  • Das Draußensein tut dem zwanglosen Austausch wie der Intensivierung und Übertragung von Elementen aus der Geschichte ins gelebte Leben gut.
  • Bei der Form des offenen Angebots beginnt die Geschichte, wenn zwei oder drei Kinder sich einfach dazu setzen und neugierig sind auf eine Geschichte (die sie sich dann auch aussuchen dürfen). Manchmal kommen im Verlauf weitere zwei oder drei Kinder dazu und bleiben anschließend für eine zweit, dritte, vierte, fünfte…Geschichte dabei. Oder  aus der Geschichte wird ein Gespräch, ein Weiterspielen oder etwas anderes…

Die Vorbereitung auf solche offenen Erzählangebote besteht darin, sich selbst gut vertraut zu machen mit den Geschichten, zugleich aber spontan und aufmerksam zu bleiben für das, was sich aus der Situation heraus durch die Kinder ergibt.

Kamishibai: Respekt vor der Vielfalt und Lebendigkeit im Dialog

Susanne.brandt

Bedenkt und entdeckt das Leben in Lübeck oder unterwegs - am liebsten zu Fuß und in der Begegnung mit anderen. Lernt, schreibt, singt, erzählt, teilt und lässt sich jeden Tag vom Möglichen überraschen. Weitere Informationen: https://de.wikipedia.org/wiki/Susanne_Brandt