Das Motiv fiel nicht sofort ins Auge: Etwas abgewandt von der Blickrichtung der Ausstellungsbesucher steht ein Musiker mit den Füßen an oder in einem Gewässer, das sich wie ein endloses Band um das Gefäß zieht.
Die Darstellung ist hineingeschnitzt in die bauchige Wand einer hölzernen Trinkflasche der Tscherkessen (offenbar ein ausgehöhlter Flaschenkürbis) aus dem 19. Jahrhundert. Kontrastreich treten die hellen Kerben aus der dunklen Haut hervor. Das Gefäß bewährte sich vermutlich durch sein leichteres Gewicht auf langer Wanderschaft, in dieser Form weltweit auch Kalebasse genannt. Aus dem Wasser scheint auch in der Bildsprache hier alles seine Kraft zu schöpfen: die üppige Pflanzenwelt, die den Musiker umwuchert wie er selbst, der auf einem Streichinstrument spielt – vermutlich eine Kobys, eine traditionelle Schalenhalslaute mit zwei Saiten und Pferdehaar-Bogen.
Ich ahne, dass alles in diesem Zusammenspiel mit der Identität der Tscherkessen untrennbar verbunden ist: das Wasser in seiner Reinheit als lebensspendendes Element, die floralen Ornamente als Ausdruck von Fruchtbarkeit, die Musik…
Und ich es lese nach: Tscherkessen waren ursprünglich im Osten des Schwarzen Meeres mit dem Fluss Kuban im Norden und Georgien im Süden beheimatet. Musik gehört bis heute zu den besonderen Ausdrucksformen ihrer Kultur. Die vielfältigen Instrumente, traditionellen Gesänge und energetischen Tänze erzählen Geschichten von Mut, Wanderung und Gemeinschaft.
Im russisch-kaukasischen Krieg (1817-1864) erlitten die Tscherkessen durch die russische Invasion einen Völkermord und eine massive Vertreibung, bei der viele im Schwarzen Meer ertranken. Heute leben die Tscherkessen jeweils als Minderheiten verstreut vor allem in der Türkei, in Jordanien, in Balkanländern, einige in Deutschland, in Holland, in den USA oder in den autonomen Republiken der Kaukasus-Region.
Mehr Infos: https://www.tscherkessen-koeln.de/tscherkessen
Entlang der Seidenstraße
Auf welchem Weg ist dieser verzierte Wasserbehälter nach Lübeck gekommen? Als Teil einer neuen Ausstellung im St. Annen Museum gehört er zu den Zeugnissen von Kulturen entlang der sogenannten Seidenstraße.
Die Zeichnung, mit der ich versucht habe, dieses eine Motiv besonders in den Blick zu nehmen und in einer anderen Gestaltungsform umzusetzen, entstand im Rahmen von Zeichenstudien, wie sie begleitet von der Künstlerin Frauke Borchers regelmäßig im Museum angeboten werden. Bereits zum zweiten Mal habe ich in dieser Weise nach einem Weg gesucht, um über das genaue Hinschauen und kreative Nachempfinden einen besonderen Zugang zur Thematik der jeweiligen Ausstellung zu ertasten – mit Respekt vor dem Unbekannten, wohl wissend, dass viele Fragen dabei offen bleiben.
Beim Zeichnen und Nachdenken über die Bedeutung des Wassers für die wechselvolle Geschichte und Identität der Tscherkessen glaube ich zu erkennen: Ob Hoffnung oder Verzweiflung, Lebensfreude oder Tod – das Wasser bleibt unverfügbar. Gerade deshalb geht es uns als Menschen so nahe.
Und auch Musik geht unter die Haut, wenn Trauer wie Leichtigkeit mit ihrer ganzen emotionalen Wucht und Ambivalenz ihren freien Ausdruck darin suchen und finden.
Das gilt es, nicht zu vergessen, sondern als Erfahrung weiterzugeben.
So ist die Kalebasse mit ihrer Bildersprache vermutlich schon durch unzählige Hände gewandert, wurde mit Wasser gefüllt und mit Durst geleert…
Das Band, das sich mit wellig-fließender Kontur um das bauchige Gefäß legt – es nimmt kein Ende…
Susanne Brandt


