Vor wenigen Tagen in Prag: Beim Spaziergang durch einen blühenden Klostergarten am Rande der Stadt entdeckte ich diese Skulptur mit dem Titel „Gethsemane“. Was das Foto nicht so deutlich zeigt: Aus einem alten, an diesem Ort noch tief verwurzelten Baumstumpf wurde das Gesicht herausgeschnitzt – nicht nur dieses eine, sondern auch noch andere, dazu verschlungene Körper, die sich um den Baum herum winden.
Die tiefe Ruhe, die von den schlafenden Gesichtern ausgeht, rührt mich an. Auf intensive Weise scheint der Schlaf hier inmitten des gerade aus der Winterruhe erwachenden Gartens mit dem alten Baum und dem jungen Blühen untrennbar verflochten. Das Stichwort „Gethsemane“ aber lockt zugleich eine andere Lesart des Schlafes in Erinnerung: Wachen und beten sollten die Jünger mit Jesus in seiner schweren Stunde. Sie aber schlafen einfach ein.
Verrat? Gleichgültigkeit?
Viele Gemälde interpretieren die Dramatik und Dunkelheit dieser Nacht in ähnlicher Weise. Hier draußen im Grünen jedoch scheint sich die Bedeutung des Schlafes nochmal anders zu zeigen – ohne dabei das Beunruhigende im Weltgeschehen auszublenden. Auch medizinisches Wissen um die besondere Wirkung von Schlaf- und Ruhezeiten für das seelische und körperliche Gleichgewicht, das für ein gutes Miteinander so wichtig ist, darf sich mit einmischen in dieses Gartenerlebnis.
Wir kennen das Geheimnis des Schlafes damals im Garten Gethsemane nicht. Die biblische Geschichte drückt mit der Schlaf-Szene etwas aus – und lässt zugleich vieles offen.
Der alte Baum mit den Schlafenden im Klostergarten am Stadtrand von Prag macht es auf seine Weise: Er erzählt – nicht allein mit den geschnitzten Konturen, sondern auch mit den vielfältigen Gartenimpressionen drumherum. Das verändert die Perspektive auf das Geschehen – und weckt die Vorstellung von einer überraschenden Verbundenheit: Gethsemane
Susanne Brandt


