„Sag mir, was hast du vor mit deinem wilden, kostbaren Leben“… – irgendwie eine interessante Frage für den Anfang eines neuen Jahres. Und klappe ich die so betitelte Sammlung mit Gedichten der amerikanischen Lyrikerin Mary Oliver auf, dann ahne ich beim Lesen auch, warum: Weil die Frage nicht auf eine Vor-Schau hinausläuft, sondern bei aller Dynamik und Aufbruchstimmung vielmehr zum Kern des Lebendigen zurückführt.
Das nährt das Vertrauen in die elementaren Kostbarkeiten der Schöpfung – so, wie die Dichterin es vermutlich selbst erfahren hat: Unaufgeregt lauschte sie bei ihren täglichen langen Spaziergängen in die Welt hinein. Was sie vom Entstehungsprozess ihrer Gedichte preisgibt, klingt unspektakulär. Ohne Pathos lässt sie den Fluss und die Steine erzählen, nimmt sich selbst eher zurück und gehört doch ganz und gar mit hinein in das Lebenswunder, in die Stille, in das, was sie Gott nennt. Alles in allem…
„Du bist kostbar“
So lautet das Motto für den Deutschen Evangelischen Kirchentag 2027. Und wie vor jedem Kirchentag, so trafen sich auch am Anfang dieses Jahres rund 30 kreative Menschen zwischen U30 und Ü70 in der Werkstatt für neue Kirchentags-Lieder, neugierig auf menschliche, musikalische und sprachliche Begegnungen in ihrer ganzen Vielfalt.
Die Musikakademie im bayrischen Hammelburg öffnet hierfür große Freiräume, in denen zwischen intensiver Einzelarbeit und lebendigen Gruppenprozessen Erstaunliches möglich wird.
Und Bibeltexte, die dazu inspirieren, verschiedene Aspekte vom „Kostbaren“ auszuloten, sind spannende Begleiter: manchmal sperrig, kühn, verstörend, dann wieder ermutigend und dem Leben mit Poesie und Freude am Schönen zugewandt.
Entdeckungen auf Nebenwegen
Ich persönlich suche den Schlüssel für kreative Zugänge zu solchen Texten und Themen beim eigenen Schreiben gern auf Nebenwegen. Denn diese führen manchmal zu ungeahnten Ausblicken oder zu geheimnisvollen Orten für tiefere Einblicke – wie eben auf der Spur der Poesie, Spiritualität und Naturverbundenheit in den Gedichten von Mary Oliver mit ihrer Nähe zur Mystik.
Vor allem aber ist dieses „Du bist kostbar“ bei Liederwerkstätten ein Ausdruck des Staunens über das Sosein der Menschen, mit denen hier so viel Neues entsteht: Eine Melodie weckt Worte und Worte wecken wiederum andere, vielleicht unerhörte Töne und Bilder. Das verändert so viel.
Ach ja: Was ich vorhabe mit meinem wilden, kostbaren Leben?
Auch das: Nicht aufhören, an das Überraschende und Kostbare von lebendigen Begegnungen zu glauben und sich schöpferisch immer wieder staunend darauf einzulassen – beim stillen Gespräch mit Flüssen und Wäldern ebenso wie beim vielstimmigen Singen, Denken und Diskutieren mit anderen Menschen.
Susanne Brandt
Zum Weiterlesen: Andacht Alles in allem


