Sieben Versuche, ein Geheimnis zu beschreiben

Mystery? Mystery meint im Englischen etwas anderes als „secret“ und lässt sich allein mit „Mysterium“ nicht treffend ins Deutsche übersetzen. Gut, wenn man in einer Sprache durch verschiedene Begriffe verschiedene Bedeutungen ausdrücken kann. Im Deutschen ist das Wort „Geheimnis“ mehrdeutig und mitunter inflationär in Gebrauch. Es lohnt sich also, jeweils genau zu schauen, was mit Geheimnis gerade gemeint – oder bezweckt – wird.

Mystery – so lautet die englische Übersetzung eines tschechischen Bilderbuches der Künstlerin Martina Špinková aus Prag. Ich mag das Buch sehr, weil es mit Bildern und Texten in ganz besonderer Weise von Geheimnissen erzählt. Gleichzeitig habe ich mich gefragt: Fallen mir ähnlich vielschichtige Bilderbücher zu geheimnisvollen Phänomenen in deutscher Sprache ein?

Bei der Suche in der eigenen Hausbibliothek sind mir drei Bilderbücher in die Hände gefallen, die für mich jeweils ganz unterschiedlich mit solchen Geheimnissen zu tun haben. Auch wenn der jeweilige Titel das so nicht ankündigt. Andere Bücher mit Geheimnis im Titel wiederum beinhalten etwas ganz anderes.

Ein spannendes Thema! Es lohnt sich also, zunächst auszuloten, in welchem Sinne es hier um Geheimnisse gehen soll. Erst danach lässt sich verdeutlichen, warum eben solche Geheimnisse für Naturerleben und Weltwissen so bedeutsam sind.

Sieben Versuche, ein Geheimnis zu beschreiben

  • Ein Geheimnis ist kein Rätsel, das gelöst werden soll. Zu seinem Wesen gehört es, dass es in seiner Offenheit unverfügbar bleibt und zu den elementaren Fragen des Lebens führt: Was trägt und bewegt? Was stiftet Sinn? Was verbindet uns?
  • Ein Geheimnis zeigt sich eher still und unauffällig. Es ist nicht zu verwechseln mit Spuk, mysteriösen oder spiritistischen „Wundern“.
  • Ein Geheimnis vermittelt kein Geheimwissen, mit dem sich „Auserwählte“ von anderen abgrenzen. Da es nie jemandem „gehört“, kann alles in der Welt am Geheimnis teilhaben.
  • Ein Geheimnis entzieht sich jedem Zweck. Oft wird das Wort jedoch – auch bei Buchtiteln – eher irreführend  eingesetzt, um Neugier und Spannung zu wecken. Selten geht es bei dem Inhalt dann aber wirklich um Geheimnisse im umfassenden Sinne, sondern eher um rätselhafte oder außergewöhnliche Phänomene, die auf Klärung oder Bewunderung ausgerichtet sind.
  • Ein Geheimnis hält sich nicht versteckt, um anderen bewusst vorenthalten oder irgendwann aufgedeckt zu werden. Es ist einfach da, mitten im Leben und für alle zugänglich, die dafür sensibel und zugleich bereit sind, dem Geheimnis sein Geheimnis zu lassen
  • Ein Geheimnis ist nicht das Gegenteil von Wissen, sondern Teil einer umfassenden Weisheit und Erkenntnis von den Zusammenhängen des Lebens.
  • Ein Geheimnis ist das, was im unergründlich und unbegreiflich Letzten bleibt. Wer darin das Geheimnis der Liebe ahnt, nennt dieses Geheimnis vielleicht Gott.

 

Warum zum Natur- und Weltwissen auch Geheimnisse gehören – und wie wir von ihnen erzählen können

Wenn es stimmt, dass das Geheimnis Teil einer umfassenden Weisheit und Erkenntnis von den Zusammenhängen des Lebens ist und als solches mit dem Wissen Hand in Hand geht, dann stellt sich die Frage: Wie erfahren die Kinder davon?

Die Antwort lautet zunächst: durch Entdecken und Beschreiben von dem, was da ist. Beim unmittelbaren Erleben von Phänomenen in der Natur kann Geheimnisvolles vielfältig zur Sprache kommen.

Ein Beispiel: das „Meeresrauschen in der Muschel“

Wenn wir uns ein Muschel- oder Schneckenhaus am Strand ans Ohr halten, hören wir mitunter ein Rauschen. Rauscht da auf geheimnisvolle Weise das Meer in der Muschel und können wir so das Meeresrauschen mit nach Hause nehmen?

Ja und nein: Tatsächlich sind es die Schallwellen der Umgebung, die durch das Gehäuse als Rauschen wahrgenommen und verändert werden. Direkt am Meer ist also auch das unmittelbare Meeresrauschen mit daran beteiligt. Eine entscheidende Rolle spielt aber zugleich die Beschaffenheit des Hohlraums mit seiner individuellen Form und Größe. Und dieses Gehäuse wiederum ist mit geprägt von Einflüssen seines Lebensraumes im Meer.

Das „Geheimnis“ des Rauschens liegt also im erstaunlichen Zusammenspiel der vielen verschiedenen Einflüsse von Umgebung und Lebensraum, die sich für unser Ohr zu einem Geräusch verbinden.

Für die einzelnen Faktoren, die dabei zusammenwirken, gibt es naturwissenschaftliche Erklärungen. Gleichzeitig ist es nicht „falsch“,  beim Lauschen am Gehäuse fern ab vom Meer immer wieder ans Meer mit seinem Wellenspiel zu denken. Denn nur dort konnte das Muschel- oder Schneckenhaus zu jener Form finden, die jetzt die Umgebungsgeräusche auf einzigartige Weise in ein Rauschen verwandelt. Die Entstehung des Rauschens bleibt bei allem Wissen um die dabei wirksamen Vorgänge unverfügbar, da wir weder auf alle Umgebungsgeräusche noch auf die Entwicklung der Muschel- oder Schneckenform direkt Einfluss nehmen können.

Das Rauschen als „Geheimnis“ wahrzunehmen, widerspricht daher nicht der Erklärung, sondern erweitert vielmehr das Verständnis und sensibilisiert für das feine Zusammenspiel in lebendigen Prozessen.

Daran wird deutlich: Von Geheimnissen zu sprechen, öffnet Raum für philosophische, spirituelle oder ethische Zugänge zu den Phänomenen des Lebens. Und diese wiederum vertiefen die emotionale Verbundenheit mit dem Leben, was Auswirkungen auf unser Handeln und Entscheiden im Blick auf die Mitwelt haben kann.

Neben dem unmittelbaren Erleben in der Natur tragen also Bilderbücher und Geschichten, die von Geheimnissen in diesem Sinne erzählen, dazu bei, dass Kinder sich mit dem Geheimnisvollen vertraut machen – gerade auch dann, wenn das Wort gar nicht ausdrücklich vorkommt, wohl aber seine Bedeutung im Erzählen durchleuchtet.

Das gilt für diese vier Buchbeispiele – und gewiss noch für viele mehr:

Einblicke in eine poetisch-musikalische Annäherung an das Bilderbuch „Mystery“ sind hier zu finden: 

Geheimnis. Eine Annäherung

Liedblatt Geheimnis

Susanne.brandt

Bedenkt und entdeckt das Leben in Lübeck oder unterwegs - am liebsten zu Fuß und in der Begegnung mit anderen. Lernt, schreibt, singt, erzählt, teilt und lässt sich jeden Tag vom Möglichen überraschen. Weitere Informationen: https://de.wikipedia.org/wiki/Susanne_Brandt