Sonntagsmomente: Von der Stille lernen

Die Stille hat es schwer. Denn wir suchen und fragen eher nach etwas anderem: Was wäre, wenn unser Protest ausbliebe? Wenn wir zu lange schweigen und nicht gut sind in Schlagfertigkeit? Wenn wir das Erklären und Diskutieren, das Mahnen und Widersprechen für eine Weile zur Ruhe kommen lassen?

Die Stille hat es schwer. Denn sie erinnert uns an unsere Grenzen. Sie macht uns bewusst, dass nicht wir es sind, die das letzte Wort haben. Sie führt uns das Unverfügbare vor Augen, all das, was nicht von uns geschaffen und herbeigeredet werden kann – und konfrontiert uns manchmal mit unserer Selbstüberschätzung.

Die Stille hat es schwer. Denn oft fürchten wir uns vor ihr, fürchten das Gefühl der Machtlosigkeit in der Rolle der Schauenden und Staunenden.

Die Stille hat es schwer, solange wir die Welt in Schwarz und Weiß, in Richtig und Falsch, in Machtvoll und Bedürftig, in Entweder Oder einteilen. Denn schnell werden die Töne schrill, wenn wir versuchen, das Leben allein nach unserer Pfeife tanzen zu lassen.

Die Stille ist dort zuhause, wo der Baum ein Baum sein kann – so krumm und facettenreich wie er ist: mit unzähligen Verästelungen, mit jungen Trieben und alten Narben. Mit Schönheit und Schorf.

Die Stille hat Geduld mit uns, wenn wir aus ihrer Quelle den Respekt, die Liebe und die Fantasie für Worte schöpfen, wenn wir dabei auf die Sprache der Mitwelt achten, die Nuancen zwischen uns wahrnehmen, aufeinander hören, voneinander lernen – und anfangen zu erzählen.

Susanne Brandt

Susanne.brandt

Bedenkt und entdeckt das Leben in Flensburg oder unterwegs - am liebsten zu Fuß und in der Begegnung mit anderen. Lernt, schreibt, singt, erzählt, teilt und lässt sich jeden Tag vom Möglichen überraschen. Weitere Informationen: https://de.wikipedia.org/wiki/Susanne_Brandt