„Unter der Haut“ – fünf Entdeckungen zu Weihnachten – Folge 4

„Unter der Haut“ – fünf Entdeckungen zu Weihnachten – Folge 4

„Unter der Haut“ – fünf Entdeckungen zu Weihnachten, inspiriert von Figuren des Bildhauers Johannes Caspersen. So der Titel einer kleinen Serie von Beiträgen, die mit dem 24. Dezember 2020 anlässlich der neuen Krippe in der St. Petri-Kirche zu Flensburg ihren Anfang nimmt und Tag für Tag fortgesetzt wird.

 

Folge 4: Geschöpflich sein – das Kind

 

Das schlafende Kind, Jesus, schaut nur mit dem Gesicht aus dem Baumstamm hervor. Fast so als wäre es aus dem Baum herausgewachsen – auf den ersten Blick gar nicht so eindeutig zu erkennen: Ist es tot oder lebendig? Kein holder Knabe im lockigen Haar also, der seiner Mutter fröhlich die Arme entgegenstreckt.

Was sich für mich mit dieser Darstellung besonders intensiv mitteilt, ist seine Geschöpflichkeit, seine Verbundenheit mit der Schöpfung wie seine Verletzlichkeit: geboren und lebendig als sterbliches Wesen.

 

Geschöpfliches Dasein ist erschöpflich

 

Geschöpflich sein – das legt den Grund für die unantastbare Würde des Menschen wie für die Unverfügbarkeit des Daseins. Dazu gehören auch die Freiheit und Verantwortung, dieses Leben zu gestalten. Geschöpfliches Dasein ist zugleich erschöpflich. Lebenszeit und Ressourcen sind endlich und mit dieser begrenzten Quantität gewinnt die Qualität, auf die wir gestalterisch Einfluss nehmen können, an Bedeutung.

Geschöpflich sein – das bedeutet nicht, die Nutzbarmachung von Natur und Ressourcen immer weiter auszudehnen und fortschrittsgläubig einen uneingeschränkten Wachstumsoptimismus zum Maß aller Dinge zu machen. Vielmehr ergibt sich die eigene Verantwortung für würdige Lebensbedingungen aus dem Bewusstsein um die Endlichkeit.

 

„Ich steh an deiner Krippen hier…“

 

Weihnachten 2020: „Ich steh an deiner Krippen hier“ – und ich erkenne vor Jesu Kindergesicht, das hier im Stamm der Pappel aus der Marienhölzung ruht, eine doppelte Beziehung im geschöpflichen Dasein: einerseits im Verhältnis zu Gott als Anteil in allem wie im Verhältnis aller Geschöpfe untereinander.

Geschöpflich sein – das ist immer ein Beziehungsgeschehen. Das eigene begrenzte, aber buchstäblich wesentliche Mitwirken daran bleibt individuell und wirkt zugleich in Verbundenheit mit der gesamten Schöpfung und mit der Liebe, die zum Wesen Gottes gehört.

Das liebende Wesen Gottes – so die christliche Hoffnung – nimmt also Anteil am Leben der Geschöpfe selbst: unterschiedlich zueinander und doch von innen her verbunden miteinander. Im geschöpflichen Sein wird die Endlichkeit und Verletzlichkeit der Geschöpfe nicht aufgehoben. Aus der christlichen Hoffnung heraus aber erschließt sich dabei zugleich eine Dimension der bleibenden Verbundenheit mit Gottes Liebe.

Eine Beziehungsgeschichte – diese Weihnachtsgeschichte.

 

Susanne Brandt

 

Zur Einführung in diese Reihe:

https://waldworte.eu/2020/12/23/unter-der-haut-fuenf-entdeckungen-zu-weihnachten-folge-1/

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