„Unter der Haut“ – fünf Entdeckungen zu Weihnachten – Folge 1

„Unter der Haut“ – fünf Entdeckungen zu Weihnachten – Folge 1

„Unter der Haut“ – fünf Entdeckungen zu Weihnachten, inspiriert von Figuren des Bildhauers Johannes Caspersen. So der Titel einer kleinen Serie von Beiträgen, die mit dem 24. Dezember 2020 anlässlich der neuen Krippe in der St. Petri-Kirche zu Flensburg ihren Anfang nimmt und Tag für Tag fortgesetzt wird.

 

Folge 1: Verwandlung erfahren – vom Baum zur Begegnung

 

Das geht mir „unter die Haut“ – so heißt es, wenn uns etwas innerlich aufwühlt. Vermutlich haben das viele in diesem Jahr in unterschiedlicher Weise erlebt: aufgewühlt zu sein von Verunsicherung, von Zorn und Streit, von Angst und Trauer, von dem Ringen um die richtige Entscheidung, von der Ratlosigkeit im Dilemma, von der Erfahrung der Verletzlichkeit oder auch von der spürbaren Vitalität beim Erleben einer erstaunlichen Transformation, die in diesem Jahr in mancher Hinsicht ebenso ihren Anfang genommen hat.

Wenn uns etwas „unter die Haut“ geht, wird etwas Einschneidendes erfahrbar – im bedrohlichen wie im heilsamen Sinne. Es kommt etwas ans Licht. Die Haut bietet Schutz und Abgrenzung, aber auch eine gewisse Durchlässigkeit.

Beides brauchen wir, gerade in Krisen- und Konfliktsituationen: Da sind klare Abgrenzungen manchmal ebenso nötig wie die Empfindsamkeit für das, was Menschen umtreibt. Wir brauchen eine Haltung und Umsicht, mit der wir nicht allein unsere eigene Haut zu retten versuchen. Und wir brauchen vor allem Demut, um uns auch weiterhin aufmerksam in diesem schwierigen Lernprozess von Forschung und Entwicklung zu bewegen, um mit dem Unverfügbaren zu leben und gleichzeitig die vielen kleinen, aber möglichen Schritte der Verwandlungen zu wagen.

 

Ungeübt im Umgang mit Verunsicherungen

 

Leicht zu erkennen: Ich denke an die Erfahrungen mit der Pandemie in 2020. Aber nicht nur daran. Mir geht zugleich die Not der Geflüchteten unter die Haut, die schon viel zu lange in Lagern ausharren müssen. Ich weiß um die Grausamkeit von Kriegen und Menschenrechtsverletzungen in so vielen Teilen der Welt. Und ich blende nicht aus, dass den Menschen durch die Klimakrise noch weitaus schwerwiegendere Einbrüche in die Lebensgrundlagen bevorstehen könnten.

Dass wir in Europa in diesem Jahr unsere Gefährdung durch die Pandemie so einschneidend zu spüren bekommen, liegt auch daran, dass wir so ungeübt sind im Umgang mit solchen Verunsicherungen und Ambivalenzen. Wir spüren – anders als in krisenerprobteren Ländern – eine für unseren hochgradig abgesicherten Lebensstandard irritierende Bedrohung. Besonders das wühlt uns auf, in mancher Hinsicht vielleicht sogar mehr als die Krankheit und ihre Folgen selbst.

 

Berührende Begegnungen – auf vielfältigen Wegen

 

Derzeit hindern uns die Abstandsregeln zum Schutz vor Infektionen bei vielen Gelegenheiten daran, einander buchstäblich „hautnah“ zu kommen. Auch das ist in diesem Jahr ein oft schmerzlich empfundener Verlust an Sinnlichkeit. Aber dass uns etwas „unter die Haut geht“ – das geschieht dennoch: mit Worten, Gesten, Musik, Bildern, Naturerfahrungen und Zeit füreinander, bei gemeinsamen Spaziergängen im Freien oder durch Austausch und Beistand über Entfernungen und physische Kontakteinschränkungen hinweg – dank der vielfältigen und leicht zugänglichen digitalen Hilfsmittel dafür. Alles das ist und bleibt möglich, bleibt berührend und hat in den vergangenen Monaten oft eine besondere Intensität erreicht.

Als ich in den Wochen vor Weihnachten gemeinsam mit Menschen aus verschiedenen Ländern – dank eben dieser digitalen Hilfsmittel – darüber nachgedacht habe, was uns in unserem Leben und ganz besonders in diesem Jahr berührt, da habe ich bei vielen Geschichten und Erinnerungen gespürt, was Menschen überall auf der Welt „unter die Haut geht“: Mitgefühl, Achtsamkeit, Solidarität und die manchmal so unerwartete Hilfe in der Not. Ein Wort, das wir in der deutschen Sprache dafür haben und sinngemäß in allen Kulturen und Religionen zu leben versuchen, heißt Barmherzigkeit.

 

Unter der Haut des Pappelstamms – ein Baum erzählt

 

Nun stehe ich in der St. Petri Kirche im Flensburger Norden vor den lebensgroßen Krippenfiguren des Bildhauers Johannes Caspersen:

Aus einem Pappelstamm hat er die Figuren der „Heiligen Familie“ geschaffen: Maria, Josef und das Kind. Er ist also auch dem Baum „unter die Haut“ gegangen, hat Formen aus dem hellen weichen Holz geschält und so ans Licht geholt, was bislang unter der schützenden Rinde als Material und Möglichkeit verborgen war.

Ich stelle mir die Pappel vor: ein schnellwachsender Baum, der gern als Windschutz und zur Stabilisierung von Böschungen angepflanzt wird. Mit seinen aufwärtsstrebenden Zweigen wird er mitunter als Sinnbild für Sehnsucht und Hoffnung angesehen. Selbst abgebrochene Zweige  sind in der Lage, wieder auszuschlagen.

Aber in der Mythologie werden der Pappel auch Verbindungen zur Unterwelt zugeschrieben. Das Zittern ihrer Blätter lässt an Angst und Schmerz denken. Zugleich gilt die Pappel als weich, aber unbeugsam. Sie verkrümmt sich nicht. Es lassen sich also – wenn man so will – Ambivalenzen schon in der Natur des Baumes ausmachen: Hoffnung und Angst, Widerstandskraft ohne Härte.

 

Erstaunliche Transformation 

 

Und hier nun diese Verwandlung durch den Künstler:

Die Figuren, mit ihren Ecken und Kanten, Verwundungen und Schönheiten hervorgetreten aus dem Stamm der Pappel, erzählen etwas von einer wundersamen Transformation, jede auf ihre Weise. Sie erzählen davon am Ende eines Jahres, das uns gezeigt hat, wie und wo tiefgreifende Veränderungen in unserer Gesellschaft begonnen haben oder dringend beginnen müssen: im Miteinander, für Chancengerechtigkeit und Gemeinwohl, bei der Wertschätzung für Kunst und Kultur wie für Pflege und Gesundheit von Körper und Seele.

Dass die Figuren mich und sicher auch andere Menschen so intensiv und sinnlich ansprechen, gehört zu den besonderen Erlebnissen des „anderen“ Weihnachtsfestes 2020: Vom Baum zur Begegnung – so erlebe ich diese Transformation. Denn mit den Figuren begegnet mir etwas zutiefst Menschliches, wie es mir gerade in diesem Jahr auf vielfältige Weise begegnet ist und hier nun in der Konstellation dieser Figurengruppe mit seinen verschiedenen Aspekten so bemerkenswert vor Augen tritt:

  • Verwandlung erfahren – vom Baum zur Begegnung
  • Hoffnung wagen – Maria
  • Zweifel aushalten – Josef
  • Geschöpflich sein – das Kind
  • Sich verbinden – beweglich bleiben

Ich werde die Figuren an den kommenden Tagen häufiger besuchen und noch so manche Facette daran entdecken. Ich hoffe, dass Menschen die Gelegenheit nutzen können und werden, die Sprache der Figuren in der besonderen Atmosphäre des Kirchraums zu erleben…oder sich von den Fotos inspirieren zu lassen.

 

Susanne Brandt

Kommentare sind geschlossen.