Stadtspaziergänge: Knoten lösen

Morgenspaziergang durch Flensburg / Foto: Susanne Brandt

Schwer zu sagen, was aus den Wolken wird. Der Blick zum Himmel gehört zum Morgen wie der Becher Tee und die Frage: Sandalen oder feste Schuhe? Heute fällt die Entscheidung an der Haustür schnell. Ich bin spät dran und stapfe zügig die Straße bergauf.

Oben an der Ecke begegnet mir bereits der alte  Mann mit dem Dackel. Sonst treffe ich ihn immer erst einige hundert Meter weiter vor der Tür des Bäckerladens. Auf seine Pünktlichkeit ist Verlass. Auf meine nicht immer.

Der Bäckerladen ist um diese Zeit meistens voll. Im Winter schauen die Menschen von den Stehplätzen am Fenster nach draußen auf die Straße. Einige nicken mir zu, wenn ich vorbei komme. Weiterlesen

Waldworte des Tages: Spaziertanz am Meer

Am Strand von Aarö / Foto: Susanne Brandt

Das Dichten hab ich beim Gehen gelernt
mit offenen Sinnen:
 
Hier sehe ich dies, dort höre ich das,
dazwischen bleibt Luft zum Spinnen
am zarten Faden aus Bild und Klang.
 
Zuerst sind die Wortfasern viel zu lang.
 
Dann aber
schleicht sich ein Rhythmus ein
mit jedem Schritt.
 
Und wenn sich der Faden zur Saite spannt,
ein Lied anstimmt,
tanze ich mit.
 
Susanne Brandt

Waldworte des Tages: Der tägliche Weg


Der tägliche Weg in der Frühe
am Ufer entlang,
wo die Schiffe sich sanft
aus dem Schlaf schaukeln,
ins Sonnenlicht blinzeln nach kurzer Nacht.

Vorbei an den alten Hafenschuppen:
das Blau für die Träume,
das Rot steckt in Herz und Gedanken
ein Feuerchen an.

Und schließlich durch das Johannisviertel,
wo rings um die Kirche die Gräser tanzen
mit Anmut und Würde, rosenverwandt,

aus wilden Wurzeln ins Freie gefunden,
vielleicht mit der Weite des Himmels verbunden –

der tägliche Weg

Susanne Brandt, Flensburg im Juli 2013

 

Mit den Füßen denken. Eine Philosophie des Gehens

Es gibt unzählige Bücher über das Pilgern. Es gibt Wanderführer zu allen Regionen der Welt mit genauen Wegbeschreibungen. Es gibt esoterisch angehauchte Inspirationen zum meditativen Gehen. Und es gibt diverse Fitness-Ratgeber zum sportlichen Walken. Aber Gehen als eine Denkweise und literarische Erfahrung, die sich weder als religiöse noch als sportliche Übung versteht? Dazu kenne ich bislang nur ein Buch, das dem “Geheimnis des aufrechten Ganges” mit einer überraschenden Fülle an literarischen und philosophischen Quellen von Nietzsche bis Gandhi wirklich nachspürt:  Die Essay-Sammlung “Unterwegs” (franz.: Marcher, une philosophie), klug und vielschichtig bedacht und poetisch entfaltet von dem französischen Philosophen Frédéric Gros (ISBN 978-3-570-50120-7).

So gibt der Autor beispielsweise mit Nietzsche zu bedenken:

“Wir gehören nicht zu denen, die erst zwischen Büchern, auf den Anstoß von Büchern zu Gedanken kommen – unsre Gewohnheit ist, im Freien zu denken, gehend, springend, steigend, tanzend, am liebsten auf einsamen Bergen oder dicht am Meer, da wo selbst die Wege nachdenklich werden.”

Was dieses Buch so besonders macht, ist die Abkehr vom Gehen als Zweck für irgendwas: Weiterlesen