Europa und das Meer: Von Angesicht zu Angesicht

Mit seiner Blogparade im Sommer 2018 lud das Deutsche Historische Museum anlässlich der Ausstellung „Europa und das Meer“ unter dem Hashtag ‪#DHMMeer dazu ein, in Blogbeiträgen persönliche Beziehungen zum Meer in ihrer ganzen Vielfalt zu beschreiben. Geographisch gesehen ist Europa ein maritimer Kontinent: Keiner der anderen Erdteile hat mehr Berührungspunkte mit dem Meer gemessen an Küstenlänge und Gesamtgröße. Wie also erleben wir diese Berührung mit dem Meer – und wie werden wir der Verantwortung gerecht, die sich daraus ergibt?

Mich treibt dieses Thema um: Europa und das Meer. Viele Jahre lang war das für mich mit elementaren Lebenserfahrungen verbunden. Denn ich lebe am Meer. Seit Jahrzehnten schon. Hier in Europa. In zehn europäischen Ländern bin ich bereits an der Meeresküste entlang gewandert. Unzählige Male habe ich Zeichen in den Sand gemalt, die von der nächsten Welle überspült und unkenntlich gemacht worden sind. Ein Spiel im Rhythmus der Gezeiten.

Mit diesem Gesicht aber ist es anders! Weiterlesen

Hooger Halligsommer: Kein Wetter für Tauben

Foto: Susanne Brandt

Unruhige Zeiten im Juni des Jahres 2018. Das alte Bild der Arche als Zufluchtsort scheint an den Küsten Europas zu zerschellen. Und die Taube, die einst von ihrem Ausflug zum rettenden Land zurückgekehrt ist mit dem Zweig im Schnabel als Zeichen des Friedens – sie müsste heute wohl lange suchen, um landen zu dürfen. Oder: Um sich willkommen zu fühlen und Menschen zu finden, die am Meer unbeirrt Ausschau halten nach Frieden und Verbundenheit.

Mit seiner Blogparade (Laufzeit: 20. Juni bis 25. Juli 2018) lädt das Deutsche Historische Museum anlässlich der Ausstellung „Europa und das Meer“ unter dem Hashtag ‪#DHMMeer dazu ein, in Blogbeiträgen persönliche Beziehungen zum Meer in ihrer ganzen Vielfalt zu beschreiben. Geographisch gesehen ist Europa ein maritimer Kontinent: Keiner der anderen Erdteile hat mehr Berührungspunkte mit dem Meer gemessen an Küstenlänge und Gesamtgröße. Wie also erleben wir diese Berührung mit dem Meer – und wie werden wir der Verantwortung gerecht, die sich daraus ergibt? Weiterlesen

„Suche nach dem Lebendigen“ – die Anthologie “Von Fluchten und Wiederfluchten”

Manche Bücher sind wie Bibliotheken: Da fängt man nicht am Anfang des „Regals“ an zu lesen und arbeitet sich Titel für Titel weiter vor. Nein, meistens lässt man sich neugierig machen von einzelnen Geschichten, zieht hier eine heraus, liest dort die erste Seite an, liest sich fest, wandert weiter…So auch in der Anthologie „Von Fluchten und Wiederfluchten“, herausgegeben von Artur Nickel und kürzlich erschienen im Geest-Verlag:  Mehr als 500 Seiten fasst diese „kleine Bibliothek“, die dabei noch recht bequem ins Handgepäck passt.  Viele verschiedene Menschen und Initiativen haben daran mitgewirkt: Autorinnen und Autoren aus verschiedenen Ländern und Generationen, Grafiker, Unterstützer.

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Sonntagsmomente: Verwurzelung – ein Essay

Sprache lebt von Bildern. Genauer gesagt: Ihre Lebendigkeit offenbart sich durch verschiedene Blickwinkel und Hintergründe beim Denken und Deuten von Worten. Mit einem dieser Worte ist mir das kürzlich mal wieder neu bewusst geworden: Verwurzelung. Wer dabei zunächst an Stillstand und Sicherheit denkt, wird schnell merken: Verwurzelung hat eher mit Beweglichkeit und Beziehungen zu tun. Und auch mit Gefährdung. Das Wort begegnete mir in den letzten Wochen gleich drei mal auf unterschiedliche Weise. Ein guter Grund, um genauer hinzuschauen.

Verwurzelung als Bedürfnis der menschlichen Seele (Simone Weil)   

Zunächst im Urlaub beim Besuch einer Ausstellung der Friedensbibliothek in einem Text von Simone Weil – dort war zu lesen (was heute nicht ganz leicht zu verstehen ist ohne den Kontext jener Zeit, in der Simone Weil von der “Verwurzelung” quasi als ihr Vermächtnis schrieb):

Zitat Simone Weil / Ausstellung Friedensbibliothek

“Die Verwurzelung ist wohl das wichtigste und am meisten verkannte Bedürfnis der menschlichen Seele. Es zählt zu denen, die sich nur sehr schwer definieren lassen. Der Mensch hat eine Wurzel durch seinen wirklichen, aktiven und natürlichen Anteil am Dasein eines Gemeinwesens, in dem gewisse Schätze der Vergangenheit und gewisse Vorahnungen der Zukunft am Leben erhalten werden (…) Der Austausch von Einflüssen zwischen sehr verschiedenen Lebensräumen ist nicht weniger unentbehrlich als die Verwurzelung in der natürlichen Umgebung. Aber ein bestimmter Lebensraum darf einen äußeren Einfluss nicht als Beitrag empfangen, sondern als einen Antrieb zur intensiveren Gestaltung seines eigenen Lebens.”

Auszug aus: Simone Weil: »Die Verwurzelung. Vorspiel zu einer Erklärung der Pflichten dem Menschen gegenüber.« Aus dem Französischen von ­Marianne Schneider, © diaphanes, Zürich 2011 (erstmals 1949 posthum)

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Sonntagsmomente: Gesichter erzählen von Leben und Tod – gegen die Gewalt im Mittelmeer

“Ich lebe am Meer. Unzählige Male habe ich Zeichen in den Sand gemalt, die von der nächsten Welle überspült und unkenntlich gemacht worden sind. Ein Spiel im Rhythmus der Gezeiten.

Mit diesem Gesicht aber ist es anders!

Susanne Brandt: One face – one moment

Nur wenige Sekunden, dann waren auch seine Konturen fortgespült. Ich stand daneben und konnte das nicht verhindern. Kein Spiel – wenn ich daran denke, dass das für unzählige Menschen grausame Realität ist: auf der Flucht vom Meer fortgespült zu werden. Oder: Nicht verhindern zu können, das Menschen ertrinken oder es vielleicht doch zu können, aber mit Gewalt am Helfen gehindert zu werden.

Ein vergängliches Gesicht, in den Sand gemalt – eine hilflose Geste. Nein, auch eine Geste des Aufbegehrens GEGEN die Hilflosigkeit und FÜR das Leben! Weil lebensrettende Hilfe mitten auf dem Meer manchmal die einzige Chance ist, um Menschenrechte zu wahren. Weil diese Hilfe unterstützt und vor Angriffen und Behinderung geschützt werden muss! Weil es um jeden einzelnen Menschen geht – tausendfach. Niemals geht es um eine gesichtslose Masse, sondern immer um eine große Zahl von Menschen mit persönlichen Lebensgeschichten, die jedes Gesicht prägen.” /  Susanne Brandt

Der Hintergrund: Kunst im Angesicht des Todes

38.000 Menschen sind seit dem Jahr 2000 gestorben, als sie die europäische Seegrenze überqueren wollten – aus der Not geflohen mit der Hoffnung auf Sicherheit, Würde und Gerechtigkeit.

38.000 Bilder mit Gesichtern – damit regt das Kunstprojekt Mediterranean Faces  ein Nachdenken über dieses Sterben an: bei denen, die mit einem Bild dazu beitragen wie bei denen, die sich mit diesen Bildern die unvorstellbar große Zahl an Einzelschicksalen vergegenwärtigen können. Weiterlesen