Das Leben – ein Fluss? Die Metapher mag vielleicht etwas schlicht und populär anmuten.
Gerade deshalb regt sie dazu an, genauer hinzuschauen: Wo begegnet uns das Bild in welchem Kontext? Was gibt es dabei „unter der Wasseroberfläche“ zu entdecken? Und welchen Einfluss könnte das auf die Gestaltung von BNE und kultureller Bildung nehmen?
Diese und andere Fragen werden mich im Jahr 2026 als Jahresthema „Was im Fluss des Lebens trägt – Vertrauen stärken durch Natur- und Kulturerfahrungen“ begleiten – aus immer wieder anderen Perspektiven betrachtet.
Sie begleiten mich eigentlich schon seit längerer Zeit. Aber die aktuell so bedrängenden Sorgen um Klima, gesellschaftlichen Zusammenhalt und Weltfrieden lassen umso dringlicher nach Hintergründen und Tiefenschichten fragen.
Ich beginne diese Erkundungsreise durch die Welt der Flüsse mit einer Metapher des israelisch-amerikanischen Soziologen Aaron Antonovsky (1923-1994) mit dem von ihm begründeten Konzept für die Entwicklung von Gesundheit, der sog. „Salutogenese“
Der Fluss als ambivalentes Bild in der Salutogenese
Auch Antonovsky beschreibt in seinen Schriften den Fluss, philosophisch betrachtet, als Strom des Lebens. Nicht der sicher vorherbestimmte Weg am Ufer entspricht demnach der Lebensrealität, sondern vielmehr die wechselvollen Eigenschaften des bewegten Wassers: Es gibt Flussgabelungen, die mal eine leichte Strömung bewirken und dann wieder in gefährliche Stromschnellen und Strudel führen. Es stellt sich also die Frage: Wie kommt man, wo immer man sich im Fluss befindet, mit den wechselnden Einflüssen von historischen, soziokulturellen, ökologischen und physikalischen Umweltbedingungen zurecht?
Das Bild vom Fluss, auf dem wir uns imaginär schwimmend bewegen, mag in mancher Hinsicht zu hinterfragen sein: Geht es wirklich (nur) darum, ein guter Schwimmer zu werden (was als Selbstoptimierung missverstanden werden könnte)? Braucht es nicht vielmehr eine erweiterte Erfahrung an Möglichkeiten, bei der uns der Fluss vor allem an das Verbundensein in einer Welt erinnert, die uns auch in Krisen nicht „untergehen“, sondern an der wechselvollen Geschichte des Lebens teilhaben lässt – mit Hoffnung auf vielgestaltige Verwandlungsmöglichkeiten, von denen der Fluss erzählt? Die Anschlussfähigkeit an das Kohärenzgefühl wäre mit einer so erweiterten Bilddeutung m.E. schlüssiger.
Wie auch immer – das Bild vom Fluss ergänzt anschaulich und dynamisch das bei Antonovsky zentrale Verständnis von Gesundheit-Krankheit als ein ständiges Kontinuum, das besagt: Entscheidend ist nicht die Verortung in dem einen oder anderen Zustand, wie es einerseits eine Pathogenese nahelegt, die vorrangig Krankheiten in den Blick nimmt oder – auf der anderen Seite – ein Optimierungstrend, der alles daransetzt, Gesundheit durch eigene Leistung bestmöglich zu sichern und zu steigern.
Vielmehr bewegen wir uns im gesamten Leben variabel zwischen den Polen Gesundheit und Krankheit. Die Übergänge sind sozusagen fließend, einerseits veränderbar aber immer auch äußeren Bedingungen ausgesetzt.
Beweglichkeit bei wechselnden Anforderungen
Die Fähigkeit, sich mit und in den wechselnden Anforderungen zu bewegen, entspricht einer Persönlichkeitseigenschaft, die Antonovsky als Kohärenzgefühl bezeichnet – mit den folgenden drei Komponenten:
- Gefühl von Verstehbarkeit: Ich bin dem, was geschieht, nicht chaotisch, willkürlich, zufällig und unerklärlich ausgesetzt.
- Gefühl von Handhabbarkeit: Ich vertraue bei mir und anderen auf die Möglichkeit, positive Veränderungen zu bewirken.
- Gefühl von Sinnhaftigkeit: Leben ist für mich durch Sinn und Bedeutung geprägt – auch in schwierigen Zeiten.
In Anknüpfung an das Modell nach Antonovsky stellt sich in der neueren Forschung auch die Frage nach einem kollektiven Kohärenzgefühl, das über das individuelle hinausweist.
Denn das Grundmodell der Salutogenese ist insofern erweiterungsbedürftig, als dass das Kohärenzgefühl immer in Wechselwirkung zu betrachten ist, d.h. in der Beziehung zur Mitwelt, zu soziokulturellen Aktivitäten und sozioökonomischen Faktoren.
Es wäre also interessant, auch Ansätze für BNE und kultureller Bildung dahingehend zu befragen, ob und durch was sich dabei Sinnstiftung, Verstehen und Handlungsfähigkeit gut entfalten können – und zwar nicht allein als Stärkung für Einzelne, sondern immer auch im gesellschaftlichen bzw. ökologischen Kontext und im Blick auf das Wohlergehen der Mitwelt.
Denn auch in ihr erleben wir ein Kontinuum mit verletzten und heilenden Bereichen. Und mit der Bereitschaft, das feine Zusammenspiel zu entdecken, zu begreifen und gut damit umzugehen, lässt sich auch dann Sinn erfahren, wenn unsere Einflussmöglichkeiten begrenzt bleiben.
Salutogenese gleich Resilienz?
Es mag naheliegen, das Modell der Salutogenese gleichzusetzen mit dem vor allem populärwissenschaftlich weitverbreiteten Begriff der Resilienz als psychische Widerstandskraft gegen Überbelastungen. Allerdings beschreibt das Konzept der Resilienz keine umfassende bio-psycho-soziale Theorie und wird eher als Ziel und Ergebnis denn als Prozess dargestellt. Im Unterschied dazu läuft die nach dem salutogenetischen Verständnis beschriebene Beweglichkeit im Wechselspiel verschiedener Einflüsse oder – um im Bild des Flusses zu bleiben – inmitten der sanften Strömungen und wilden Strudel nicht auf einen Zustand hinaus, sondern bleibt ein kontinuierlicher Prozess der beweglichen Auseinandersetzung.
Fazit:
Bei der Salutogenese handelt es sich nicht um ein mechanisch optimierbares Modell, bei dem ein „Regler“ zwischen den Polen einfach hin- und hergeschoben werden kann.
Das Bild des Flusses bleibt ambivalent: Es stärkt Zuversicht und Vertrauen in Veränderungsmöglichkeiten bei gleichzeitiger Bewusstheit für die Gefährdungen, denen wir ausgesetzt bleiben.
Damit beschreibt die Salutogenes kein naives „positives Denken“ und keine Selbsterlösung, sondern bleibt gekoppelt an Möglichkeiten von Sinn, Erkenntnis und Handlungsfähigkeit, ohne dass diese jemals „alles“ erfassen, verändern oder gar „retten“ können.
Die Mitwelt als lebendiger Organismus
Die Mitwelt mit diversen Einflussfaktoren und Wechselwirkungen in diesem Prozess ist dabei kein Objekt oder eine Sache, sondern vielmehr ein lebendiger Organismus, in den wir mit hineingehören und uns darin bewegen, das bedeutet:
- Die Orientierung am Kohärenzgefühl lässt sich auf das persönliche Wohlergehen wie auf die Auseinandersetzung mit dem Wohlergehen von Mitwelt und Gemeinschaft übertragen.
- Verstehbarkeit, Handhabbarkeit und Sinnhaftigkeit lassen sich im Kleinen wie im Großen durch kulturelle wie naturverbundene Erfahrungen als Kontinuum gestalten.
- Das wirkt sich aus auf überwältigende Ohnmachtsgefühle im Blick auf die Verletzlichkeit von Frieden und Klima wie im Umgang mit den damit verbundenen Ängsten und Sinnfragen: Schon im Kleinen kann sich vom Ansatz her entfalten und zeigen, was auch im Großen stimmig wäre. Das stärkt unsere Beweglichkeit und das Vertrauen in Sinn und Handlungsfähigkeit selbst dann, wenn unsere Grenzen spürbar bleiben und die weitreichende Wirksamkeit ausbleibt.
Zur Vertiefung:
Zitierhinweis: Faltermaier, T. (2023). Salutogenese. In: Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) (Hrsg.). Leitbegriffe der Gesundheitsförderung und Prävention. Glossar zu Konzepten, Strategien und Methoden.


