Man könnte meinen, der „Poetenweg“ in Rheinsberg hätte seinen Namen von Tucholsky oder Fontane, die hier vielleicht einst ihre Spaziergänge gemacht haben. Aber eine solche Erzählung wäre Legende. Vielmehr drückt der Name etwas von der Poesie dieser Wald-und Wasserlandschaft aus. Es geht also um Wechselbeziehungen zwischen Naturerleben und Sprachgestaltung in der Bewegung, etwa so, wie ich es hin und wieder als Freiluftpoesie zu beschreiben versuche. Und die Schönheit der Landschaft verhilft dieser Beziehung zu einer besonderen Nähe und Empathie.
Der Weg könnte davon erzählen, wie sich die Vertrautheit mit den lebendigen Dingen der Mitwelt durch Poesie vertieft. Gleichzeitig verweisen die Gesetzmäßigkeiten der Sprache auf die Verbundenheit im Ökosystem – und umgekehrt. Hier wie in der Sprache brauchen die Elemente einander.
Wir brauchen nicht nur Bibliotheken zum Denken
Eine ähnliche Erfahrung beschreibt auch Robert Macfarlane, einer der bekanntesten Vertreter des Nature Writings, in einem Interview im Blick auf sein Buch „Warum sind Flüsse Lebewesen?“: Er betont zunächst die Bedeutung von Wörtern und Namen in der Begegnung mit der lebendigen Mitwelt und sagt über sie: „Sie sind eine Möglichkeit, miteinander in Beziehung zu treten. Was jedoch wirklich zählt, ist die Syntax, die Beziehung zwischen den Dingen. Flüsse lehren uns Syntax. Ich möchte über die Syntax der Flüsse verstehen, wie alles miteinander verbunden ist (…). Ich hätte dieses Buch nicht schreiben können, ohne die Flüsse (…). Weil der Fluss nicht ein Objekt ist, sondern eine Art Person, ein Mitsubjekt. Ich habe mit Flüssen gedacht, ich meine das nicht trivial, das Denken in diesem Buch hätte nicht in einer Bibliothek geschehen können. Es musste geschehen, während ich mit Flüssen wanderte.“ (1)
Das gilt nicht weniger für diesen Wald als Netz von lebendigen Beziehungen, auch für diesen „Poetenweg“ also, der Gedanken und Texte in der Bewegung des Miteinanders entstehen lässt und der dabei ökologische wie sprachliche Verbindungen wechselseitig erfahrbar macht.
Rhythmen und Klänge des Lebendigen
Wobei für mich auch noch der verbindende Rhythmus von Sprache und Natur ganz elementar dazugehört. Denn dabei kann sich eine ganz besondere Erfahrung der vielfältigen Verflechtung entwickeln: Manchmal suche ich nach der Musik eines Ortes, die hier einst entstanden ist und lasse sie in Gedanken mit einfließen in den Rhythmus des Gehens, in die Klänge der Landschaft und in die neuen Wortverbindungen, die sich daraus ergeben. Hier in Rheinsberg kommen mir als stille Begleitung der Sprachmelodie z.B. Kompositionen von C.Ph.E. Bach aus der Mitte des 18. Jhd. in den Sinn – eine hoffnungsvolle Musik der zarten Empfindsamkeit…
Hier ist es still,
mitten im Ungeahnten
warten die Worte
leise auf ihre Zeit.
Baumgeflüster, Wiesenduft –
schon tanzen erste Zeilen
in ihrem Sommerkleid.
Macfarlane sagt gegen Ende des Interviews:
„Irgendwo im Buch schreibe ich, Hoffnung ist das Ding mit Flüssen, in Anlehnung an eine Zeile der amerikanischen Dichterin Emily Dickinson, in der sie sagt, Hoffnung ist das Ding mit Federn. Ich verbinde sie mit dem Gefühl der Hoffnung, weil Flüsse sich erholen. Sie sind sehr verwundbar, aber wenn man ihnen eine Chance gibt, strömt ihr Leben mit voller Kraft zurück.” (1)
Wenig Hoffnung auf baldige Heilung der verletzten Natur
Ich höre und lese das in einem Sommer, in dem sich nicht ausblenden lässt, dass uns die Natur und insbesondere Flüsse weltweit mit Bildern von Zerstörung, Leid und Verzweiflung – wie bei der Sturzflut in Nepal – oder großer Dürre – wie bei den Flüssen hierzulande und anderswo – konfrontieren. Da fällt es schwer, Flüsse mit Hoffnung zu verbinden. Ihre Verwundbarkeit und alles, was dadurch mit verletzt und zerstört wird, hat eine zu große Wucht, um auf eine baldige Zeit der Erholung zu hoffen. Denn unter den Folgen des Klimawandels verändern sich auch die Chancen der Regeneration. Und die Zeiträume, in denen eine solche Erholung vorstellbar wäre, sind größer als unsere kleine individuelle Lebensspanne. Da wirkt das für Umweltschutz und Verantwortung oft zitierte Bild von der Welt, die behütet in einer schützenden menschlichen Hand liegt, auf mich – ehrlich gesagt – eher kitschig und vermessen.
Eine anthropozentrische Weltsicht, die in dem Bild von der Weltkugel in der übergroßen menschlichen Hand zum Ausdruck kommt, verrät in meinen Augen eine fragwürdige Zuschreibung und Selbstüberschätzung – so sehr ich die damit verbundene Sehnsucht verstehen kann.
Wo lassen sich Bilder und Texte finden, in denen eine würdevolle Demut erkennbar werden darf und die sich trauen, auch von Ohnmacht zu erzählen, ohne die Schönheit des Lebendigen zu vergessen?
Teilhaben an der Grünkraft
Vielleicht legt da die Vorstellung von „Grünkraft“ bei Hildegard von Bingen eine Spur: Sie ist nicht dazu da, vorrangig die Wirkmacht der Menschen zu betonen und zu stärken. Vielmehr lässt sie die Menschen an der immerwährenden Kraft der lebendigen Erneuerung teilhaben, so dass wir die Beziehung zur Mitwelt sensibler wahrnehmen und ihr in schöpferischer Weise Aufmerksamkeit und Ausdruck schenken können. Das bleibt auch in der Ohnmacht nicht wirkungslos.
Auf dem „Poetenweg“ wie auf vielen anderen Wegen können wir dieser Grünkraft begegnen, uns von ihr bewegen lassen, ihrer Schönheit Gestalt und Stimme geben und so an jener Kraft Anteil nehmen, die wir angesichts der Realität von Bedrohung und Zerstörung zum Teilen, Handeln und Verwandeln brauchen – nicht gleich für die ganze Welt, aber überall dort, wo uns das Lebendige in seiner Vielfalt unmittelbar begegnet. Das wirkt weiter…
Quellenhinweis:
(1) Zitiert nach einem Interview bei „Sternstunde Philosophie“ im Oktober 2025 mit Robert Macfarlane zu seinem Buch „Warum sind Flüsse Lebewesen?“ (Ullstein-Verlag, 2025)
Susanne Brandt

