Trittsteine im Ungezähmten. Eine Lektüreempfehlung

Wem würde ich das Buch „Die Wildnis in uns“ von Torsten Schäfer besonders gern empfehlen? Den Reisenden in den Ländern des Nordens? Den Wildnis-Pädagog*innen? Den literarisch und sprachlich Interessierten mit Feinsinn für Wortwahl und „Nature Writing“? Den Kämpfenden für Rechte und Schutz der Mitwelt? Den spirituell Suchenden in der Begegnung mit Stille und Lebendigsein? Den Umherstreifenden in den Landschaften ihrer Biografie? Den Unerschrockenen wie den Ängstlichen beim Erleben der „echten Wildnis“ – wo immer wir diese zu finden meinen?

Sie alle werden – so vermute ich – beim Lesen Erstaunliches und Inspirierendes für sich entdecken. Denn es ist die besondere Stärke dieses Essays, den Lesenden und Mitdenkenden ganz verschiedene Perspektiven auf innere und äußere Landschaften zu öffnen, ohne sie zwingend zu klaren Schlussfolgerungen zu führen. Weiterdenken erwünscht! Und es ist eine besondere Kunst, die damit verbundenen Klippen und Ambivalenzen sprachlich differenziert wie wissenschaftlich fundiert auszuloten: Schönheit bestaunen ohne Beschönigung. Wildnis beschreiben ohne Abenteuerromantik. Und ganz besonders: der Feinheit von Sprache noch eine verändernde Kraft zutrauen.

Torsten Schäfer schöpft dabei aus vielfältigen Erfahrungen als Reisender, Wildnispädagoge, Hochschullehrer und  Journalist zu so überstrapaziert anmutenden Themen wie Klima und Nachhaltigkeit,  aber ebenso als Mensch, der sich schon früh mit der Landschaft seiner Kindheit im Odenwald verbunden wusste. In wechselnden Blickrichtungen erzählt er ohne Verklärung von seinen Eindrücken in der Landschaft und Alltagswelt der Sami in Schweden, Finnland und Norwegen, kehrt aber immer wieder auch zurück zu den Landschaften vor seiner Haustür mit besonderer Aufmerksamkeit für die Flüsse mit ihren tiefen Verletzungen und Gefährdungen. Und er verschweigt seine Trauer nicht beim Anblick sterbender Bäume und schwindender Arten.

Ein wesentlicher Gedanke, der das Buch durchzieht, ist das Eingebundensein in die Mitwelt. Was Lesende dabei erkennen und wohl nicht so schnell wieder vergessen mögen, ist eine Hinwendung zum Wir mit dem Bewusstsein für Geschwisterlichkeit statt einer dominanten Ich-Bezogenheit mit dem Ziel der Selbstoptimierung. Auch dabei weiß er, nüchterne Wissenschaft, Poesie und Intuition nicht etwa gegeneinander auszuspielen, sondern im Sinne einer umfassend verstandenen Ganzheitlichkeit zu verbinden.

Das fängt beim Sprachgebrauch an. Denn ein Aspekt des Essays, den man anderswo nur selten in dieser Vielschichtigkeit findet, ist der kritische Blick auf die Wortwahl, mit der wir uns vielleicht schon unmerklich angewöhnt haben, Distanzierung und Machtanspruch in der Beziehung zur Mitwelt auszudrücken. Oder positiv gesprochen: Vielleicht hilft uns die Besinnung auf vielfältige Wortwurzeln aus dem Leben der Pflanzen und Tiere, Berge und Gewässer in vertrauten Ortsnamen wie auch in Verben und Adjektiven, um neu und anders über diese ursprünglichen Bezüge nachzudenken, vielleicht einander sogar Geschichten davon zu erzählen. Ein reicher Schatz für kreative Schreibwerkstätten bietet dieser Ansatz auf jeden Fall.

Das durchaus auch kritisch zu betrachtende Thema der „Vermenschlichung“ in der einfühlsamen Beschreibung der Mitwelt schwingt an manchen Stellen mit. Mein persönlicher Leseeindruck dazu: Es geht hier vor allem um unverfügbare Resonanzerfahrungen, die sich entwickeln können, wenn das Gegenüber in der Mitwelt als „Subjekt“ und nicht als „Objekt“ empfunden wird. Dazu kann es gehören, dass wir uns buchstäblich „angesprochen“ fühlen, eine Sprache wahrnehmen. Im Unterschied dazu beginnt eine problematische „Vermenschlichung“ für mich mit einer festen Erwartung und Zuschreibung, bei der ich meine Interessen auf das Gegenüber zu übertragen versuche und somit instrumentalisiere. Davon ist das, was Torsten Schäfer hier als dialogische Beziehung beschreibt, weit entfernt.

Ganz am Ende seines Buches bietet er den Lesenden zehn Trittsteine an:

  • Vertrauen in die Wesen und Orte
  • Geben, teilen und danken
  • Gemeinschaft
  • Sich verorten, einheimisch werden
  • Vorfahren erinnern
  • Essen und ernten, pflanzen
  • Zyklen
  • Sprache
  • Stille und Zeit
  • Sich verwandeln

Damit können (nicht nur) unsere Gedanken weitergehen…

 

Susanne Brandt

 

Susanne.brandt

Bedenkt und entdeckt das Leben in Lübeck oder unterwegs - am liebsten zu Fuß und in der Begegnung mit anderen. Lernt, schreibt, singt, erzählt, teilt und lässt sich jeden Tag vom Möglichen überraschen. Weitere Informationen: https://de.wikipedia.org/wiki/Susanne_Brandt