Von den Flüssen lernen: Kulturelle Verständigung durch Kunst und Naturerfahrung

„Was im Fluss des Lebens trägt – Vertrauen stärken durch Natur- und Kulturerfahrungen“ – so lautet das Jahresthema hier auf www.waldworte.eu, dem ich 2026 mit Beiträgen aus wechselnden Perspektiven regelmäßig nachspüren möchte. Das geschieht heute im Blick auf ein Kunstprojekt und eine Ausstellung zur kulturellen Verständigung, das 2025/2026 hier in Lübeck viele interessante Impulse eingebracht hat in das Leben der Stadt am Fluss:

Im Sommer 2025 schuf der Künstler David Seven Deers, Angehöriger der Coast Salish Nation, im Domhof ein einzigartiges Werk als Geschenk an Lübeck : „The Spirit Canoe“ – ein 7 Tonnen schwerer Findling mit spirituellem Kanu-Relief. Als Ort der Verbindung, Reflexion und kulturellen Verständigung wird es weit über den Prozess der Entstehung und der begleitenden Ausstellung hinaus  weiterwirken.

Die Coast Salish sind indigene Völker der pazifischen Nordwestküste Nordamerikas. Ihre Kunst ist tief verwurzelt in spirituelle Traditionen und erzählt Geschichten von Verbindung, Reise und kultureller Identität. David Seven Deers wünscht sich für sich als Selbstbezeichnung den Begriff Indianer. Es gehört zum zentralen Anliegen der begleitenden Ausstellung „Fantasie und Vielfalt. Nordamerika in der Sammlung Kulturen der Welt“ des Museums für Natur und Umwelt, möglichst viele Indigene selbst zu Wort kommen zu lassen, anstatt über sie zu sprechen. Auch die differenziert und ambivalent zu betrachtende Frage vom Gebrauch der Bezeichnung „Indianer“ wird dort thematisiert. David Seven Deers war an der Kuration der Ausstellung mit beteiligt.

Die Ausstellung ergänzt den Entstehungsprozess und die Auseinandersetzung mit „The Spirit Canoe“ und lädt zugleich zu eigenen kreativen Zugängen ein. So vermittelte die Lübecker Künstlerin Frauke Borchers Einblicke in die Formline Art (Formlinienkunst) indigener Kulturen, um einerseits das Verständnis für die Bildersprache der Ausstellung zu vertiefen und andererseits daraus Inspiration für das eigene künstlerische Gestalten zu schöpfen.

Inspirationskraft durch Formline Art (auch) für Nature Journaling

Für mich persönlich ist dieser Zugang insofern spannend, als dass es bei den Motiven vor allem um Darstellungen von Tieren, Elementen in der Schöpfung und Vorstellungen in ganzheitlicher Verbundenheit zur Mitwelt geht. Daraus ergibt sich die Frage, ob und wie uns die Formline Art indigener Kulturen dazu anregen kann, auch beim Nature Journaling auf Wahrnehmungen in der Natur mit einer anderen Bildsprache zu antworten.

Folgende Gestaltungsmerkmale sind dabei besonders von Bedeutung:

  • Wahrgenommene Formen aus der Natur werden vom Umriss her in einer durchgehenden Linie erfasst. Zur freien Flächengestaltung werden weitere Formlinienelemente mit klarer Kontur integriert,  d.h. Übergänge und  Beziehungen grafisch gestaltet.
  • Fein durchdachte Kompositionen aus Linien, Flächen und Negativ-Räumen (wie „rausgeschnitzt“) bewirken dabei in der Zweidimensionalität eine Rhythmisierung des Bildes und erzeugen Spannungen.
  • Durch Reduktion auf das Wesentliche wird eine Betonung charakteristischer Merkmale der Tiere erreicht.

Sich davon zu Darstellungen von Natureindrücken inspirieren zu lassen, bedeutet also zunächst eine Auseinandersetzung mit der eigenen Beziehung zur Mitwelt, die in Bildern immer wieder anders Ausdruck findet. Dabei kann eine Inspiration durch die Formlinienkunst neue Zugänge zur Natur und Mitwelt öffnen. Es geht also nicht vorrangig um ein folkloristisches Imitieren der Formen- und Liniensprache indigener Kulturen, sondern vielmehr um ein tieferes Lernen und Variieren, motiviert durch das Anliegen der Verbundenheit und Verständigung im Blick auf die gemeinsam bewohnte Schöpfung.

Wie lässt sich das im kreativen Prozess erfahren? Befreit von dem Anspruch, möglichst „naturgetreu“ zu zeichnen, führt die Formlinienkunst dazu, sich auf das Wesentliche zu konzentrierten, bewusst zu reduzieren, Leerstellen zu lassen und dem Geflecht an Beziehungen zwischen den Wesen und Elementen der Welt mehr Aufmerksamkeit und Gestaltungsfreiheit zu schenken.  Die Formvorgabe wird aus der Betrachtung der Natur gewonnen – wie wir es beim Nature Journaling erleben – aber die Ausgestaltung orientiert sich zugleich an inneren Vorstellungen, spirituellen Erfahrungen und Mythen vom Zusammenwirken in der Welt.

Eigene Skizze aus dem Zeichen-Workshop:

Sich besinnen auf den Fluss des Lebens

Zurück zu „The Spirit Canoe“, das David Seven Deers selbst nicht als Kunstwerk, sondern als Gebet versteht: Seiner Symbolik nach beschreibt das „Kanu“ eine Reise auf dem Fluss des Lebens zwischen Welten und Kulturen. In der Coast Salish Tradition repräsentiert das Kanu die Verbindung zu den Ahnen und die spirituelle Reise zwischen verschiedenen Ebenen der Existenz. Dabei erinnert uns das Wasser an die Bedeutung der Verbindung und des Austauschs. Wie Lübeck als Stadt am Fluss historisch durch das Wasser mit der Welt verbunden war und bleibt, so verbindet das Wasser auch die Küstenvölker der pazifischen Nordwestküste. Die dazu dargestellten Tiere tragen jeweils eine spirituelle Bedeutung, wobei der Rabe in der Mythologie eine besondere Rolle spielt.

Mehr dazu hier: Die Skulptur – The Spirit Canoe | The Spirit Canoe | David Seven Deers

Susanne Brandt

Susanne.brandt

Bedenkt und entdeckt das Leben in Lübeck oder unterwegs - am liebsten zu Fuß und in der Begegnung mit anderen. Lernt, schreibt, singt, erzählt, teilt und lässt sich jeden Tag vom Möglichen überraschen. Weitere Informationen: https://de.wikipedia.org/wiki/Susanne_Brandt