Einfach mal innehalten: Lieder, Begegnung, Werkeln & Geschichten-Koje beim Kreativen Advent

Adventszeit in Lübeck. Das heißt erstmal: Es ist voll in der Stadt. Sehr voll sogar. Menschenmassen drängen sich in Bussen, auf den Straßen, Plätzen und Gehwegen der Altstadt. Sieben Tage pro Woche bis zum späten Abend vom 24.11. bis zum 30.12. Innehalten im Advent? Gar nicht so einfach in diesem geschäftigen Treiben.
Aber es gibt sie doch, die etwas anderen Orte und Zeiten, sogar mitten in der Altstadt.
Die St. Aegidien-Kirche hat am Samstag vor dem 29.11. nachmittags zum Kreativen Advent eingeladen. Da geht es nicht ums Kaufen und Konsumieren. Es gibt Musik zum Zuhören und Mitsingen. Es gibt kreative Werkel-Stände zum Gestalten von schönen Dingen aus wertgeschätzten Materialien wie Holz, Glas, Papier, z.T. auch als Recycling. Es gibt Zeit und Ruhe, den Kirchraum mit seinen vielen besonderen Zeugnissen der Vergangenheit neu und anders zu entdecken, sich inspirieren zu lassen. Und es gibt Gelegenheiten zu Gesprächen, vielleicht bei einer Tasse Kaffee und selbstgebackenem Kuchen.

In diesem Jahr gibt es auch eine Art Geschichten-Koje für Kamishibai: ein kleiner,  etwas geschützter Raum zwischen den Kirchenbänken mit Platz für ein, zwei, drei, vier oder fünf Kinder, die es sich auf warmen Kissen gemütlich machen. Größere Menschen können daneben in der Bank Platz nehmen. Still ist es hier nicht. Irgendwo wird laut gehämmert. Rennen, Rascheln und Stimmengemurmel überall.

Genau so soll es sein!
Erzählen im öffentlichen Raum heißt: Um uns herum summt das Leben mit allem, was dazu gehört. Die Zuhörenden finden sich eher nicht gezielt ein. Sie kommen zufällig vorbei, schauen neugierig um die Ecke, wollen wissen, was für ein Licht da zwischen den Kirchenbänken leuchtet. Wenn ein Kind eine Geschichte hören will, dann geht es los. Bald kommt ein weiteres Kind dazu, dann ein drittes, ein viertes, ein fünftes… Am Ende einer Geschichte ziehen einige weiter, andere wollen noch eine zweite Geschichte hören, wieder kommen welche neu dazu. Ein unaufgeregter Wechsel. Manche bleiben, bis alle vier Geschichten erzählt sind.

Fenster öffnen inmitten der Töne, Stimmen und Bewegungen des Lebens

Und wie vermutet: Die Konzentration wird von den vielen Hintergrundgeräuschen nicht beeinträchtigt. Wenn sich Kinder in so kleiner Runde persönlich angesprochen fühlen, dann sind sie ganz präsent, denken mit, stellen Vermutungen an, entdecken Erstaunliches auf den Bildern. So merken sie vielleicht: Geschichten gehören mitten hinein in die vielfältigen Töne, Stimmen und Bewegungen des Lebens – und öffnen doch immer wieder Fenster, um für einen Moment über das Alltägliche hinaus oder hinter die Dinge zu schauen…

In rund 100 Minuten habe ich an diesem Nachmittag in der Geschichten-Koje rund zehn Mal das Kamishibai für eine Geschichte geöffnet. Von den vier mitgebrachten Geschichten kamen einige häufiger zum Einsatz als andere. Weil sie an diesem Ort bei Kinder im Vor- und Grundschulalter besonders viel Resonanz finden: immer wieder „Benno Bär“ und gern auch „Postbote Willi“. Dazwischen ab und zu die „Heilige Nacht“ nach einer Legende von Selma Lagerlöf oder die Franziskus-Geschichte von der ersten Krippe im Wald.
Und wie immer: mit den Kindern, die gerade da sind, verändert sich jede Geschichte ein kleines bisschen. Weil grundsätzlich mit eigenen Worten frei und dialogisch erzählt wird und durch die Ideen und Gedanken der Kinder kleine Details oft neu an Bedeutung gewinnen.

Einfach mal innehalten, das heißt: sich für eine Weile spontan einlassen können auf ein Gespräch mit Bildern und Geschichten, dann  weiterziehen, Menschen treffen, an einem Kreativ-Stand was Neues ausprobieren und irgendwann vielleicht eine gute, manchmal auch überraschend andere Erfahrung mit nach Hause nehmen…

Susanne Brandt

Susanne.brandt

Bedenkt und entdeckt das Leben in Lübeck oder unterwegs - am liebsten zu Fuß und in der Begegnung mit anderen. Lernt, schreibt, singt, erzählt, teilt und lässt sich jeden Tag vom Möglichen überraschen. Weitere Informationen: https://de.wikipedia.org/wiki/Susanne_Brandt