Mit Meister Eckhart im Wald. Eine Entdeckung

Mit Meister Eckhart im Wald. Eine Entdeckung

Spaziergänge sind ja immer wieder für Überraschungen gut – auch auf vertrauten Wegen. 

Auch bei Nieselregen. 

Gestern zum Beispiel – da lese ich zwischen Buchenlaub und Gestrüpp auf einem Baumstumpf in sauberen Buchstaben aufs alte Holz geschrieben:

Gott ist da. Wo? Hier!

Nun gebe ich zu, dass ich keine Freundin von religiösen Slogans à la „Jesus liebt dich“ bin. Wer will das so genau wissen und behaupten?

Bei dieser Botschaft am Baum ist es mir anders gegangen. Weil sie spontan andere Fragen in mir geweckt hat:  Wer hat das geschrieben? Als Monolog? Als Dialog? Mit welcher Intention, mit welchem Bedürfnis und Anliegen ausgerechnet hier am Waldrand? Als Ausdruck für eine besondere Schöpfungsbeziehung? Oder einfach, weil der Baumstumpf da war, als der Satz ins Freie wollte und sollte?

Banal? Auch das ist mir kurz in den Sinn gekommen. 

Aber das änderte sich, als mir zur Schrift am Baum ein Zitat von Meister Eckhart einfiel: 

„Wo die Seele ist, da ist Gott, und wo Gott ist, da ist die Seele.“

Denn damit wechselten die Fragen ihre Richtung und brachten mich auf neue Gedanken:

Hat der Wald eine Seele? Und wenn Menschen in der Stille der Natur vielleicht eher einen Zugang zur eigenen Seele finden – fällt es dann leichter, eben das auch in Beziehung zu dieser Aussage zu begreifen?  Dieses „Gott ist da“ also nicht allgemein und irgendwie zu verstehen, auch nicht als Gestalt konkret definiert, sondern so, wie es gerade hier ist: als tiefe seelische Erfahrung, untrennbar verbunden mit dem eigenen Sein wie mit diesem lebendigen Ort unter freiem Himmel.

So gelesen tut sich – wenn man so will – mit dem kleinen Dialog am Baum der weite und faszinierende Raum der Mystik auf.  

Ob das die Absicht der oder des Schreibenden war?
Zumindest hat sie oder er riskiert, dass etwas mit der Aufschrift geschieht – in Gedanken, im Weitergehen, in der Natur, die an den Buchstaben nagen wird… Bald werden sie verwittert sein, mit hineingenommen in den Kreislauf vom Werden und Vergehen.

Daneben steckte übrigens noch eine Feder im Baumstumpf.
Die deute ich jetzt mal als Zeichen: Lasse den Buchstaben und all den Gedanken dazu ihre Leichtigkeit – wer weiß, wohin sie noch fliegen wollen.

Susanne Brandt

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