Damit der Tanz gelingt – Lernen, Kommunizieren und Gestalten mit “Begleitmusik”

Damit der Tanz gelingt – Lernen, Kommunizieren und Gestalten mit “Begleitmusik”

Ein Selbstversuch: Seit mehr als einem Jahr experimentiere ich mit verschiedenen Formen für digitales Lernen, Planen und Austauschen. Mehr als 20 verschiedene Gelegenheiten, Inhalte, Formate für digitales Lernen – Podcast, Zoom, verschiedene Collaboration Tools – habe ich in den letzten Monaten ausprobiert, vor allem in der teilnehmenden Rolle, aber ebenso mit moderierenden, koordinierenden und referierenden Aufgaben. Selbstkritisch habe ich mich dabei immer wieder gefragt, bei welchen Formaten und Gelegenheiten es gelungen ist, eine lebendige Beziehung zum Thema wie zu den Teilnehmenden aufzunehmen und kreative Energie zu entwickeln – und bei welchen weniger.

Parallel dazu konnte ich im vergangenen Jahr – vor allem im Sommer 2020 – eine ganze Reihe von Präsenzveranstaltungen erleben, drinnen wie draußen. Das ermöglicht mir nun interessante Vergleiche, wenn ich aus dem Abstand von mehreren Monaten frage:

Was ist hängengeblieben von den so vielfältigen Lern- und Austauschsituationen der zurückliegenden Monate? Was hat sich weiterentwickelt? Welche Impulse aus digitalen Lern- und Kommunikations-Situationen spüre ich noch ganz gegenwärtig? Was klingt davon bis heute nach?

 

Lernen und Entdecken mit “Begleitmusik”

 

Denke ich mit diesen Fragestellungen zurück an die erlebten Präsenzveranstaltungen, verknüpfen sich in meiner Erinnerung die Inhalte und Arbeitsergebnisse intensiv mit dem Wahrnehmen und Erleben von…

  • Blickwechsel und Bewegung mit Menschen
  • ungeplanten Randgesprächen in der Kaffeepause
  • gemeinsamen Mahlzeiten und Tischdiskussionen
  • Reisegedanken auf dem Hin- und Rückweg (per Bahn)
  • Atmosphäre der Räumlichkeiten
  • Wetter, Landschaft und Stadtbild des Ortes
  • persönliche Nacharbeiten nach Abschluss der Veranstaltung

Mein Eindruck: Je vielfältiger die „Begleitmusik“ (Bewegung, Begegnung, Bilder, räumliche Atmosphäre, wechselnde Situationen, Emotionen, vielfältige sinnliche Wahrnehmungen) war, desto intensiver hat sich alles das mit den dort diskutierten Themen und Gesprächen verknüpft, ist mir so lebendiger in Erinnerung geblieben und wirkt bis heute nach.

Allerdings: Eine vielfältige „Begleitmusik“ – das gelingt auch bei Präsenzveranstaltungen nicht in jeder Phase und bei jeder Methode so, dass ich mich dabei wohl und inspiriert fühle. Ich denke ebenso zurück an manche Moderationswand, die sich zu bestimmten Aufgabenstellungen schnell mit bunten Zettelchen füllte. Am Ende noch schnell ein Handy-Foto vom Ergebnis – und dann….?

Was mir davon in Erinnerung geblieben ist, sind die menschlichen Begegnungen und der oft gute Austausch mit dem wärmenden Kaffeebecher in der Hand, mit freundlichem Blickkontakt, mit vielen Farben und Nuancen in dem, was wir einander zu erzählen haben. Die bunten, rasch sortierten Zettel sind dagegen in der Erinnerung schnell verblasst.

 

Gute Erfahrungen mit intensiven Hör-Zeiten und inspirierenden Denk-Impulsen

 

Auch mit der Nutzung von digitalen Angeboten und Möglichkeiten, von denen ich viele neu in diesem Jahr entdeckt habe, verbinde ich eine ganze Reihe von positiven Erfahrungen und Erinnerungen.

Ich denke an….

  • spannende Podcast-Folgen (gern auch von einer Stunde und mehr), bei denen man sich intensiv Hörend in ein Thema hineindenken, die Augen schließen oder einfach aus dem Fenster ins Weite schauen kann
  • kurze und knackige Formate mit fundierten Informationen, Anleitungen oder inspirierenden Denk-Impulsen zu ausgewählten Themen
  • ZOOM-Austausch, möglichst im kleinen Kreis bzw. mit guter Moderation, so dass eine intensive Gesprächstiefe und Vertrautheit – auch über große räumliche Entfernungen – untereinander entsteht
  • Formate, die einen Wechsel aus kurzen digitalen Austauschphasen und freien analogen Erlebnis- oder Stillarbeitsphasen zur individuellen Gestaltung erlauben, für die man auch den Platz verlässt, sich bewegt, nach draußen geht, mit Menschen vor Ort Gespräche führt etc.

Bei vielen anderen digitalen Angeboten, an denen ich teilgenommen habe, merke ich aber auch, wie sehr mir die „Begleitmusik“ einer lebendigen Lernsituation mit ihren sinnlichen Ankern (Reisewege, Räumlichkeiten, Landschaften, Beziehungen, Begegnungen, Blickkontakt) fehlen – und die Nachklänge zu den Inhalten erstaunlich schnell verstummen.

 

“Der Prozess des kreativen Anverwandelns, aus dem Neues hervorgeht, ist angehalten”

 

Der Soziologe Hartmut Rosa spricht bei ähnlichen Erfahrungen von nötigen Irritationen und Umwegen. Bei einem taz-Interview im April 2021 beschreibt er dieses Phänomen so:

„Wir sehen jetzt, wie sehr wir das Irritierende, das Überraschende, die erfreuliche oder unerfreuliche soziale Interaktion brauchen, um aus unseren Routinen, auch den gedanklichen, herauskommen zu können. Dieser digitale Austausch, den wir jetzt machen, ist gut, um schnell Informationen auszutauschen. Aber Kultur, sagt Hans Blumenberg, entsteht durch das Gehen von Umwegen – und diese Umwege fehlen jetzt (…) Genau dieser Prozess des kreativen Anverwandelns, aus dem Neues hervorgeht, ist angehalten. Das betrifft nicht nur Universitätsstädte, sondern überhaupt diese Art von kreativen Begegnungen. Deshalb können neue Praktiken derzeit nicht entstehen, jedenfalls die kreativen, die aus intellektueller Interaktion hervorgehen, und deshalb fällt uns intellektuell nicht allzu viel ein.“

Kreative Anverwandlung – eben das ist mehr als die Anwendung von Möglichkeiten, sich via Whiteboard-Funktionen zu bestimmten Fragen zu verständigen, ohne eine solches Ordnen zugleich mit der Irritation des überraschenden Gesprächs, der ungeplanten Entdeckung, der nonverbalen Reaktionen zu verbinden. Besonders, wenn es darum geht, komplexe und vielschichtige Themen miteinander in den Blick zu nehmen und von verschiedenen Seiten zu betrachten, erschweren digitale kollaborative Tools oft das, was auch bei Präsenzveranstaltungen mit bunten Zettelchen an Moderationswänden nicht immer gut gelingt: die tiefergehende Wahrnehmung von widersprüchlichen Stimmen, Erwartungen und unterschiedlichen Perspektiven, das Hinterfragen und das langsame Erkennen, bevor die Gemengelage auf wenige Begriffe und Aussagen reduziert, sortiert und geordnet werden kann.

 

Energien, die durch den Gebrauch an Kraft gewinnen

 

Für eben diese Wahrnehmung fehlt im digitalen Raum oft die nonverbale „Begleitmusik“:

  • die Kommunikation der Teilnehmenden untereinander mit Blicken und Körpersprache
  • die Resonanz und Inspiration, ohne die kreative Planungsprozesse nicht wirklich Gestalt annehmen und weiterklingen können
  • das Nach-Denken im buchstäblichen Sinne, also die Offenheit für alles, was sich bei einer Präsenzveranstaltung außerhalb von Whiteboard und Pinwand an Ideen und Eindrücken im lebendigen Miteinander erst entwickeln kann.

Rosa thematisiert bei dem o.a. Interview auch den spürbaren Energieverlust, den viele durch die vermehrte Nutzung von digitalen Lern- und Austauschformen erleben. Und der mitunter dazu führt, dass auch dort, wo soziale Begegnungen unter bestimmen Bedingungen nun wieder zu verantworten sind, manchmal die Energie zu fehlen scheint, um diese mit Kreativität und Umsicht neu zu gestalten.

Verantwortlich für diesen Energieverlust ist nicht allein die einseitige und ermüdende Beanspruchung am Bildschirm, sondern – so Rosa: “Dieser Energieverlust kommt aus der fehlenden sozialen Interaktionsdichte (…) Es gibt soziale Ressourcen, die durch den Gebrauch wachsen und nicht weniger werden wie fossile Ressourcen. Der Wunsch und die Kraft zu sozialem Kontakt entsteht durch sozialen Kontakt.”

 

Aschenputtel-Prinzip für digital-analoge Strategien: Der Schuh muss zum Fuß passen

 

Wie also lässt sich hier eine Balance finden, bei der Energien neu in Bewegung kommen? In einer Veröffentlichung der Landesbibliothek Schleswig-Holstein zum „Aschenputtel-Prinzip“ bei digital-analogen Strategien für Kultureinrichtungen wird für den Strategieprozess von Institutionen mit dem Bild des Märchens m.E. treffend beschrieben:

Der Schuh muss zum Fuß passen, damit der Tanz gelingt. Es gilt also, immer wieder kritisch zu fragen: Wie passen die Inhalte und Ziele zu den digitalen Medien und Methoden, die zum Einsatz kommen?

Die Antwort darauf ist bei der gemeinsamen digital-analogen Strategieentwicklung im Team einer Institution anders zu suchen als bei einer individuellen Entscheidung für den eigenen Umgang mit den verschiedenen Möglichkeiten.

Aber für die gemeinsame wie für die persönliche Entscheidung lässt sich wohl gleichermaßen sagen: Wenn der Schuh nicht zum Fuß passt, riskieren wir eingeschränkte Beweglichkeit, Gefühle von Druck und Beengtheit – und verlieren so an Kreativität und Agilität.

 

Entscheidungen treffen und beweglich bleiben

 

Dabei entscheidet sich die Antwort auf die Frage, was wie mit welchem Ziel und Inhalt zusammenpasst, nicht nur im engeren Sinne am Bildschirm und bei der Wahl von diesen oder jenen Tools, sondern schließt das gesamt Setting mit ein:

Hier spielen zeitliche Abläufe, das Vorher und das Nachher, die Begrenzung der Gruppengröße, die jeweils vor Ort gewählte Arbeitsumgebung, Freiheiten bei der individuellen Gestaltung eigener Denkprozesse und der Wechsel von digitalen und analogen Arbeitsphasen eine wichtige Rolle.

Die Konsequenz aus dieser Erfahrung?

Für mich persönlich ist mit jedem Monat deutlicher geworden, wie wichtig es ist, begründete Entscheidungen bei der Wahl der jeweils passenden Lern- und Austauschformen zu treffen…

  • um angesichts des derzeitigen Überangebots an digitalen Formaten die eigene Zeit und Energie umso bewusster dort mit einzubringen, wo eine lebendige und gemeinsame Entfaltung und Weiterentwicklung von Ideen wirklich möglich scheint.
  • um bei der Gestaltung eigener digitaler bzw. analoger Angebote selbstkritisch herauszufinden, welcher „Schuh zum Fuß passt“. Wenn also der Fuß im „Tanz“ mit anderen eher freie Beweglichkeit, eine vielfältige „Begleitmusik“ und offene Entwicklungsspielräume sucht – dann wird das so mit rein digitalen Lernangeboten vermutlich nicht oder nur ansatzweise und eher oberflächlich gelingen.

Nun gilt es, kreativ und spielerisch auch weiterhin mit gut durchdachten Verbindung aus analogen und digitalen Elementen Erfahrungen zu sammeln und Umwege zu wagen – um nach und nach immer genauer herauszufinden, was ein lebendiges Lernen und gemeinsames Entwickeln wirklich in Bewegung hält.

 

Susanne Brandt

(Gedanken zu Corona im Mai 2021)

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