Sonntagsmomente: Mein Leben ist wie leise See

Mein Leben ist wie leise See:BALI
Wohnt in den Uferhäusern das Weh,
wagt sich nicht aus den Höfen.
Nur manchmal zittert ein Nahn und Fliehn:
aufgestörte Wünsche ziehn
darüber wie silberne Möven.

Und dann ist alles wieder still. . .
Und weißt du was mein Leben will,
hast du es schon verstanden?
Wie eine Welle im Morgenmeer
will es, rauschend und muschelschwer,
an deiner Seele landen.

Rainer Maria Rilke

Schne-ensembleCD-Tipp: Lyrik-Vertonungen des Schne-Ensembles, darunter auch eine Fassung zu diesem Text, alle weiteren Infos: http://www.schne-ensemble.de

Waldworte des Tages: Der Abend ist mein Buch

Juliabend / Foto: Susanne Brandt

Der Abend ist mein Buch. Ihm prangen
die Deckel purpurn in Damast;
ich löse seine goldnen Spangen
mit kühlen Händen, ohne Hast.

Und lese seine erste Seite,
beglückt durch den vertrauten Ton, –
und lese leiser seine zweite,
und seine dritte träum ich schon.

Rainer Maria Rilke, 1897

Waldworte des Tages: Fragen l(i)eben…

Foto: Susanne Brandt

„Man muss den Dingen die eigene, stille, ungestörte Entwicklung lassen, die tief von innen kommt
und durch nichts gedrängt
oder beschleunigt werden kann;
alles ist Austragen – und dann Gebären …

Reifen wie der Baum, der seine Säfte nicht drängt
und getrost in den Stürmen
des Frühlings steht,
ohne Angst,
dass dahinter kein Sommer
kommen könnte.
Er kommt doch ! Weiterlesen

Von Wegwarten und Seitenwegen. Prager Impressionen

„Buchstaben / von Rilkes Hand gesetzt / und wieder nachgezogen / von denen / die mit Sprache / seitab der Satzgedränge / umzugehen versuchen / vorsichtige Pflanzer / der Hoffnung auf Frucht / nützlich / bis zur Wurzel“ – so beschreibt die Dichterin Inge Meidinger-Geise 1986 die Existenz jener bibliophilen „Wegwarten“-Hefte, die ähnlich wie die namensgebende Feldfrucht mit unaufgeregter Beständigkeit und stiller Schönheit eher am Rande verwurzelt sind. Kurz vor unserer Reise nach Böhmen und Prag drückte mir eine Gefährtin aus der TextautorInnen- und KomponistInnengruppe TAKT überraschend eine Ausgabe der „Wegwarten. Eine literarische Zeitschrift für Einzelne“ in die Hand. 1896 – so die Geschichte – soll Rainer Maria Rilke dieses kleine Gesamtkunstwerk mit sorgfältig gestalteten Titelgrafiken und ausgewählter Dichtung erstmals in Prag herausgegeben haben. Dass es bis heute Menschen gibt, die an diese bewusst nicht-kommerzielle Tradition der „unverkäuflichen Hefte zum Weitergeben unter Freunden“ anknüpfen, um so bewusst den oft unscheinbaren Seitenwegen und Wegrandpflanzen der Kunst und Literatur weiterhin unaufdringlich Raum zu schenken, ahnte ich bis dahin nicht. Weiterlesen