Themen und Variationen zum Erzählen von und mit Hans Christian Andersen

Blattläuse, Schnecken, Hundsblumen, Seifenblasen – es sind die eher unscheinbaren, oft missachteten und unterschätzen Dinge und Wesen am Wegrand des Alltags, die in den Märchen und Geschichten von Hans Christian Andersen eine besondere Aufmerksamkeit und Würdigung erfahren. Entdeckt hat er sie als Spaziergänger, als Reisender mit feinen Sinnen für das Kleine und Zarte, als stiller Beobachter und Zuhörender.

Das ist zumindest eine Lesart, mit der man sich seinem Gesamtwerk aus Märchen, Geschichten, Briefen und Erinnerungen nähern kann. Gewiss gibt es noch andere Lesarten. Aber seit ich versuche, eine Auswahl seiner Geschichten und Gedanken vor allem für jüngere Kinder im Vor- und Grundschulalter kreativ und inspirierend zu erschließen, stoße ich über diesen Zugang immer wieder auf interessante Facetten.
Dabei geht es nicht allein darum, Kinder mit den Geschichten beim Vorlesen oder freien Nacherzählen vertraut zu machen. Immer schwingt auch die Frage mit: Was erfahren schon jüngere Kinder durch Andersens Erzählen über seine Spielarten des Erzählens damals, was inspiriert sie vielleicht für das eigene Erzählen heute, das sich immer und überall im Alltag anregen und entfalten lässt?

Kombinieren und Fabulieren mit kleinen Dingen

Andersen selbst hat sich gelegentlich zu dieser Frage in Briefen geäußert, hat auf seine Gewohnheit verwiesen, die Figuren zunächst im Scherenschnitt mit Papier und Schere zu entwickeln, hat von seiner Liebe zum Puppenspiel wie zum Theater berichtet, von seinen Wegen zu Fuß durch die Straßen oder per Kutsche durch viele Länder Europas.

In seinen Lebenserinnerungen finden sich Beschreibungen seiner Kindheit, die ahnen lassen, wie schon die kleinste Beobachtung auf dem Hof oder in der Stube seine Erzähllust und Fantasie entfachen und zum Ausgangspunkt einer neuen, einer eigenen Geschichte werden konnte.
Er hat sich dabei frei an Motiven aus dänischen und deutschen Volksmärchen bedient, hat sie in seine Geschichten eingebaut, mit Erfahrungen des – keineswegs nur idyllisch erlebten – Alltags verbunden und vor allem den Kindern eine für die damalige Zeit ungewohnt deutliche Stimme und Aufmerksamkeit gegeben.

Kindern eine Stimme geben und soziale Missstände entlarven

Es lag ihm am Herzen, Kinder als vollwertige Geschöpfe wahrzunehmen, als starke und eigenwillige Persönlichkeiten zu achten. Überhaupt sind es eher die Außenseiter und Unangepassten, auf die er seine Aufmerksamkeit richtet – gern auch kritisch im Blick auf Standesdünkel und bürgerliche Privilegien. So kommen viele seiner Werke keineswegs nur beschaulich und niedlich daher, denkt man zum Beispiel an die entlarvende Macht kindlicher Erkenntnis in “Des Kaisers neuen Kleider”.

Für mich liegt in dieser Haltung Andersens zum Erzählen wie zum Beschreiben der Dinge ein Schlüssel zum kreativen Umgang mit seinen Geschichten heute:
Es handelt sich um Kunstmärchen, die uns zugleich die Kunst vor Augen führen, mit überlieferten Motiven und neuen Ideen zu spielen. In diesem Sinne lassen sie auch heute Variationen im Sinne dieser Kunst zu.
Sie laden dazu ein, auf die Stimmen und Einfälle der Kinder zu hören. Das bedeutet auch: Sie öffnen den Kindern gerade heute viele neue Möglichkeiten, ihre eigenen Ideen und Vorstellungen mit den alten Geschichten zu verbinden, Variationen zu erfinden und mit neuen Wendungen in andere Richtungen zu denken.
Sie schöpfen ihren Bildervorrat aus dem Alltag, der Natur, den Spielsachen, den Beobachtungen am Wegrand und sind so von großer inspirierender Kraft für das alltägliche Erzählen heute.

Erzählen kreativ mit Kindern heute – 7 Beispieltexte

An hier für die Praxis in Kita, Grundschule und Büchereien ausgearbeiteten und als Dateien hinterlegten Beispielen lässt sich das gut nachvollziehen, kreativ erproben und mit Kindern spielerisch weiterentwickeln:

Die kleinen Grünen

Der Traum des kleinen Tuk – mit Variationen

Es  gibt einen Unterschied

Die glückliche Familie – mit Variationen

Auch regen Motive aus seinen Briefen, Erinnerungen und Geschichten nicht selten dazu an, seinen poetischen Faden als Inspiration aufzunehmen, mit neuen Farben und Formen zu verbinden – wie bei

Inspiration – Die Blumen der kleinen Ida
Inspiration – Der Dichter unterm Dach
Inspiration – Manchmal gehe ich am Abend

Ich kann mich an viele berührende und überraschende Situationen erinnern, bei denen Kinder sich durch diese Texte und Variationen – inspirierend und lebendig vermittelt – für Fragen zum Leben des Dichters vor 200 Jahren, zugleich aber auch zu eigenen Möglichkeiten des Erzählens, zu spielerischen Variationen mit Sprache und originellen Einfällen anregen ließen.

Von Andersen lernen heißt: Wert, Würde und Eigensinn der kleinen Dinge und Wesen zu achten. Und im Spiel mit Bildern und Motiven den Anfang für immer wieder neue Geschichten zu entdecken.

Susanne Brandt, Fünen im September 2020