Medien-Tipp: Erzählen als Bedürfnis

Wenn ich in diesem Blog eine Stichwortsuche mit Begriffen wie “Geschichten” oder “Erzählen” auslöse, so ist die Zahl der Treffer groß. Genauer betrachtet geht es gerade in den Beiträgen der letzten Wochen und Monate besonders häufig um eben ein solches Deuten und Verstehen von Zusammenhängen, das mit dem Erzählen von Geschichten verbunden ist – nicht nur bei uns, sondern offenbar auch in anderen Teilen der Welt.  Denn Krisenzeiten waren und bleiben in besonderer Weise Erzählzeiten – selbst dann, wenn Kontaktbeschränkungen nicht an ein Treffen in gemütlicher Runde oder an einen Theaterbesuch denken lassen.

Geschichtenerzählen – das scheint etwas zu sein, was Menschen mit großer Ausdauer, bewusst oder unbewusst, über lange Zeiträume mal spielerisch, mal gedrängt von schwer lösbaren Fragen betreiben und dabei aus einem riesigen Vorrat an mythischen und magischen Bildern schöpfen können.

Dass die Rose eben nicht allein als Teil einer exakt bestimmbaren Botanik gesehen wird und die Stille mehr auslöst als ein Nachdenken über messbare Schwingungen in der Physik – alles das verdanken wir dem reichen Erfahrungsschatz an erzählten Geschichten und Märchen.

Entdeckungsreise zum Urgrund des Erzählens

Was wäre mit unseren Gedanken, unseren Vorstellungen von der Welt und unserer Suche nach Orientierung oder Vergewisserungen ohne Geschichten? Es scheint sich beim Erzählen tatsächlich um so etwas wie ein elementares Bedürfnis zu handeln.

Christian Peitz nimmt die Lesenden mit seinem neuen Buch “Wenn Engel Plätzchen backen” mit auf eine solche Entdeckungsreise zum Urgrund des Erzählens in der Geschichte der Menschheit wie in der Lebensgeschichte eines jeden einzelnen Menschen. Er geht dazu weit zurück in die Entwicklung des Denkens – Jahrtausende vor unserer Zeitrechnung – und vergleicht Strukturen des Bewusstseins in der Phylogenese und Ontogenese.

Dabei gelingt ihm bei aller Komplexität des Themas immer wieder eine Anknüpfung an persönliche Erfahrungen, indem er zu jedem Abschnitt Reflexionsfragen für die Biogrfiearbeit anbietet und es durchgängig schafft, das Thema gut nachvollziehbar zu strukturieren: etwa durch die Darstellung von fünf Funktionen des Erzählens, durch die Herausarbeitung von Grundstrukturen (z.B. der Heldenreise) im Märchen und durch eine hilfreichen Differenzierung nach verschiedenen literarischen Formen sowie Ansätzen, nach denen sich die Welt beschreiben lässt.

Alte Steine und junges Grün

Bezüge zu einem breiten Spektrum an europäischer wie außereuropäischer Fachliteratur zum Thema, ergänzt mit treffend ausgewählten Zitaten von Khalil Gibran, Schiller oder Novalis, bilden ein tragfähiges Fundament für seine Ausführungen und öffnen Perspektiven zum Weiterlesen.

Sympathisch ist, dass das letzte Kapitel einen Ausblick zeigt und mit einem Fragezeichen endet. Denn zur langen Geschichte des Geschichtenerzählens gehört es auch, dass sie immer wieder neu im Licht der aktuellen Lebenswirklichkeit bedacht werden muss – durch Menschen, die erzählen.

Ich persönlich bin nach der Lektüre mit dem Buch in den Garten gegangen und habe ihm – für das Foto dieses Beitrags – einen Platz zwischen frischem Grün auf alten Steinen gegeben. Und ich ahne schon, dass auch bei dieser Entscheidung bestimmt Geschichten mit im Spiel waren…

Susanne Brandt

Peitz, Christian: Wenn Engel Plätzchen backen. Wie Erzählungen und Bilder die Welt erklären. Lüdinghausen: TimpeTe, 2020

www.geschichtendenker.de

Tipp: Weitere Bücher von Christian Peitz, die in diesem Blog vorgestellt werden, lassen sich mittels Suchfunktion mit seinem Namen finden.