Warum ich gerne durchs Land reise…

Ich sitze im Zug und schaue aus dem Fenster. Ich bin unterwegs zu Seminaren im Westen und im Osten Deutschlands, bei denen ich Menschen, die sich haupt- und ehrenamtlich in Bibliotheken engagieren, etwas von meiner Freude an einer lebendigen Vielfalt weitergeben möchte. Es geht um  vielfältige Geschichten und Bilder, die wir in Bibliotheken miteinander erleben und gestalten können. Durch Seminarreisen im gesamten Bundesgebiet habe ich bereits viele Menschen kennen gelernt, die eine Menge zu dieser Vielfalt beitragen und weiterhin daran mitwirken werden. Was sie genau tun und möglich machen? Zum Beispiel Brücken bauen durch das gemeinsame Entdecken von Bildern. Oder etwas „zur Sprache bringen“ durch Geschichten. Oder einfach Gastfreundschaft üben in einladenden Räumen. Oder Alltag teilen im Dialog von Mensch zu Mensch. Oder aufeinander hören beim Singen und Klingen…
Bei meinen Seminaren erzähle ich von jahrelangen Erfahrungen in der Begegnung mit Menschen aus verschiedenen Ländern, Religionen und Kulturen. In meinem Rucksack sind Bilder, Lieder und Geschichten, viele Ideen und Anregungen zum Weiterdenken. Damit lässt sich was anfangen – kreativ, individuell, engagiert, flexibel und unkompliziert. An jedem Ort und mit jedem Menschen anders. Das habe ich wieder und wieder erfahren. Auch auf dieser Reise.

In manchen Kommentaren heißt es diese Tage nach der Wahl: Seit Sonntag ist Deutschland ein anderes Land. Eine rechtspopulistische Partei zieht in den Bundestag ein.
Ich frage mich, während ich durch dieses Land reise, nach Osten und nach Westen, nach Süden und nach Norden, auch dorthin, wo die AfD erschreckend hohe Werte erreicht hat: Was heißt das?
Ein anderes Land? Vollendete Tatsache nach der Wahl? Macht der Angstmacherei? Widerstand der Mutmacher? Es ist und bleibt das Land von Menschen, das durch Menschen jeden Tag mitgestaltet wird. Ein Land, dessen Gesicht davon geprägt wird, wie Menschen miteinander umgehen, wie Menschen es ermöglichen oder verhindern, dass andere Menschen Würde, Respekt, Mitgestaltungschancen und Gesprächsbereitschaft erfahren.
Ein Land, in dem gilt, was anderswo auch gilt: Wenn Menschen Würde, Respekt und Teilhabechancen nicht erfahren, wird es für sie schwerer, etwas zu lernen, sich weiterzuentwickeln und in Frieden mit sich und mit anderen zu leben.
Gemeinsame menschliche und kulturelle Erfahrungen und Begegnung können in diesem Sinne friedensstiftend wirken – und Bibliotheken können hierbei mit anderen zusammen nachhaltig eine wichtige Rolle spielen.
Insofern sind für mich Initiativen, die diesen Erfahrungsschatz teilen, wichtige Keimzellen einer sozialen Friedensarbeit „von unten“, die durch Menschen im Wachsen und in der Weiterentwicklung gefördert werden.
Um an einem kleinen Beispiel zu zeigen, was mit Angeboten in Bibliotheken wie z.B. „Dialog in Deutsch“ angestoßen werden kann: Ein Afghane, der neben der Arbeit endlich die Chance bekommt, mit ehrenamtlicher Hilfe in der Bibliothek sein Deutsch zu verbessern, verliert seine Angst, von anderen nicht verstanden zu werden. An einem Tag  hilft er nun einem anderen, der noch viel weniger Deutsch kann, bei der Wohnungssuche. An einem anderen Tag ermutigt er einen Jugendlichen aus seinem Land dazu, die Schule nicht abzubrechen, weil er merkt, wie wertvoll es ist, etwas lernen zu können….
So können einzelne Begegnungen manchmal erstaunliche Kreise ziehen und erreichen Erfolge, die nie sofort messbar sind, aber längst begonnen haben, sich zu vervielfältigen – wie alles, was nachhaltig wirksam ist.
Eine solche Friedensarbeit „von unten“ bleibt eine immerwährende politische, soziale und menschliche Herausforderung, die eine große Freiheit und Entfaltungskraft in sich trägt und sich nicht „bange machen lässt“.
Ein anderes Land? Was sich verändern soll und was nicht, wird auf vielerlei Weise durch die Menschen entschieden, die hier miteinander leben: durch Engagement und durch Interesse füreinander, durch Protest und durch fröhliches Anderssein, durch Zivilcourage und Friedenssehnsucht.
Ich schaue aus dem Fenster des fahrenden Zuges und bin neugierig darauf, wem ich am nächsten Ort begegnen werde.

Susanne Brandt