Ansehen statt Abschottung – zum Welttag der Migranten und Flüchtlinge

Bild: Klaus Metje

Das Ansehen
wollten dir viele nehmen
Hagar, du Wanderin
wüstenweit vielen voraus

manchmal
drehst du dich um zu uns

sprichst mit den Augen
der so oft Verkannten
selten Genannten
Erstaunliches aus

Susanne Brandt

 

Text aus: Zugetextet.com, Nr.2 /2016 zum Thema “Flucht”

Jeweils am 3. Sonntag im Januar findet der Welttag der Migranten und Flüchtlinge statt. Dieser kirchliche Gedenktag wurde 1914 von Papst Benedikt XV. mit dem Dekret Ethnografica studia ausgerufen. Anlass war der Eindruck des Ersten Weltkrieges. Der Tag ist nicht mit dem seit 2001 jährlich stattfindenden Weltflüchtlingstag am 20. Juni zu verwechseln, der von den Vereinten Nationen ausgerufen wurde.

“Mit Hagars Augen” – so der Titel des einleitenden Gedichtes zu diesem Tag  – steht für die Blicke, für die persönlichen Erfahrungen und Perspektiven vieler einzelner Menschen, die an den Grenzen, auf Fluchtwegen, in Lagern nah und fern und mitten in unserem Alltag mit ihren elementaren Lebensbedürfnissen auf Würde und Anerkennung hoffen. Während in der öffentlichen Diskussion die individuellen Situationen und Sichtweisen einzelner Menschen hinter den Berechnungen zu Obergrenzen und Quoten, hinter Abschreckungsmaßnahmen und Verdrängung leicht aus dem Blick geraten, können wir uns hier der unmittelbaren Begegnung kaum entziehen.

Ansehen wird in der gegenseitigen Wahrnehmung geschenkt – und durch Abschottung verwehrt.

Ansehen geht mit einem genauen Blick für Menschen und Situationen wie auch mit Differenzierungsfähigkeit einher, während das Rechenspiel mit bezifferbaren Obergrenzen für Zuwanderung und Familiennachzug davon so erstmal nichts erkennen lässt. Wo die am Verhandlungstisch ausgeknobelten Zahlen auf eine heute noch gar nicht absehbare Situation angewendet werden sollen, kommt es einem so vor, als ginge es darum, eine gesichtslose Masse irgendwie “handhabbar” zu machen.
Verstöße gegen das Menschenrecht werden dabei billigend in Kauf genommen und eine Kalkulierbarkeit vorgetäuscht, die sich in der Realität gewiss nicht so geschmeidig umsetzen lässt.

Susanne Brandt