Sehnsucht, Verwandlung und Eigensinn – eine literarische Reise entlang der Westküste Schwedens

Hafen an der Bohuslan-Küste / Foto: Susanne Brandt

Wie berühren und prägen Wald, Wasser und Meer die Menschen? Man kann es an sich selbst erfahren, aus Worten, Klängen und Bildern herauslesen, die Dichtende und Künstler aus verschiedenen Zeiten als Zeugnisse ihrer Kultur, ihres Denkens, Fühlens und Schaffens hinterlassen haben – schon vor 3000 Jahren…

Die südliche Schärenküste Schwedens ist eine besondere Landschaft, die solche Entdeckungen möglich macht – nicht nur durch ihre einzigartige Schönheit und Fülle an Begegnungen mit dem Wasser, sondern auch durch die Spuren der Dichtenden,  die einem hier begegnen.

Karin Boye, Ebba Lindqvist, Birger Sjöberg, Evert Taube… –

Poesie der Küste im Mai / Foto: Susanne Brandt

Poetinnen und Poeten der Küste

Beides scheint untrennbar miteinander verbunden: eine Natur, die in der Vielfalt und Weite an vielen Orten grenzenlos und (zumindest in der Vorsaison!) touristisch fast unberührt wirkt und eine Poesie, die hierin ihre Quelle findet: Frauen wie Karin Boye und Ebba Lindqvist sind zu nennen. Ebenso zwei Liederdichter in der Tradition von Carl Michael Bellmann: Birger Sjöberg und Evert Taube.

Und nicht zu vergessen: der so reiche Schatz an schwedischer Kinderliteratur, der – deutlich stärker als in vielen pädagogisch ambitionierten Bilderbüchern aus Deutschland – vor allem dem Eigensinn, der natürlichen Entdeckerlust und der Natur als freien Erfahrungsraum so viel Raum und Potential für Phantasie einräumt.

Es ist bedauerlich, dass die Gedichte der genannten Dichterinnen und Dichter fast gar nicht und von den Kinderbüchern kaum mehr als die Bestseller ins Deutsche übersetzt worden sind. Schwedisch müsste man können…dann ließe sich noch mehr von diesem Schatz heben. So bleibt es hier zunächst bei wenigen Links und Textbeispielen, die etwas spürbar werden lassen von der “Poesie des Wassers” in ihren Werken:

Ich beginne in Göteborg, wo die Fähre nach 3,5std. Überfahrt von Frederikshavn anlegt und somit von Flensburg aus eine kurze Anreise erlaubt: Karin Boye (1900 geb. in Göteborg – 1941 gest.), der vor der Göteborger Stadtbibliothek ein Denkmal gesetzt wurde, erkundet in vielen Gedichten das Meer als ein Raum, auf den man sich ganz und gar einlassen muss, um Erkenntnis und Verwandlung zu erfahren.

In ihrem Gedicht “Erkenntnis” heißt es:

Küste vor Göteborg / Foto: Susanne Brandt
…Doch wenn du wie ein Tropfen in das Meer fällst,
um aufgelöst zu werden,
bereit zur Verwandlung…

Quelle: http://www.karinboye.se/verk/dikter/dikter-tyska/erkenntnis.shtml

Wo kann man in Göteborg angenehm übernachten? Zum Beispiel direkt am Wasser auf der Nya Varvet. In unterschiedlichen Formen ist hier Historisches Wohnen auf dem denkmalgeschützten Gelände der Neuen Werft möglich, das seit dem 17. Jahrhundert verschiedene Nutzungen durch die Marine und den Schiffsbau erlebt hat. Ländliches Ambiente mit Holzhäusern und blühenden Apfelbäumen prägen den eher dörflichen Eindruck am Rande der Großstadt, die mit Wasserbussen schnell erreichbar ist.

Ein weiterer Dichter ist in Göteborg geboren: Evert Taube (1890-1976), jener in Schweden überaus populärerer volkstümlicher Liedermacher, der als Sohn eins Leuchttumwärters in den Schären vor Göteborg aufgewachsen ist und in seinen  Liedern das Meer, die Schärenküste und das Reisen besingt: http://schweden-forum.blogspot.se/2012/01/evert-taube-der-abenteuerlichste.html

Von Göteborg aus ist es nicht weit, die Bohuslan-Küste mit ihren vielen Schäreninseln zu bereisen. Hier ist die zweite “Dichterin des Meeres” aus dieser Region aufgewachsen: Ebba Lindqvist (1908-1995). Die wenigen Informationen über sie in deutscher Sprache sind hier zu finden: http://literatur-schweden.blogspot.se/2012/09/ebba-lindqvist-gedichte-vom-meer-und.html

Eine der ganz wenigen Gedichtübersetzung von ihr lautet:

Schärenküste bei Nösund / Foto: Susanne Brandt
Das Eine
 
Wie man vom Liebsten flieht,
es nicht vermögend, verzehrt zu werden und wieder und wieder erneuert,
So bin ich vom Meer geflohen.
Doch bald kommt die Zeit und ich muss dorthin zurückkehren.
Am Meer sitzend und wissend,
Dass es das einzige auf der Welt ist.
Und wie schließlich alles Leben vergeblich ist,
Wenn man allein lebt,
Ohne den Geliebten,
So weiß ich,
Dass ich diese sonnigen Tage im Wald
Und den Vogelgesang, dem ich lausche
Sofort aufgeben werde für eine sanfte Brise vom Meer.
 
Ebba Lindqvist

 

Wo kann man bequem und behaglich unterkommen, wenn man in der Vorsaison für einige Tage hier an der Küste Station machen möchte? www.nosundsgarden.com ist ein ruhiger, wiederum historischer Ort dafür: Bed & Breakfast oder Jugendherberge im alten Handelskontor des heute winzigen 91-Einwohner-Hafenortes auf der Insel Orust.

Insel Orust – stilles Kleinod mit Felsen und etwas verschlafenen Häfen

Von Nösund im Süden von Orust führen viele Wander- und Pilgerwege direkt am Wasser entlang oder hinauf auf die Klippen mit traumhaften Ausblicken. Ein bisschen einstellen (und möglichst vorsorgen) sollte man sich allerdings – vor allem außerhalb der Saison – auf sehr begrenzte Verpflegungsmöglichkeiten im Ort. Das 10 km entfernte Ellös wird zur Rettung, wenn nach dem guten Frühstück irgendwann der Hunger wiederkommt und das Knäckebrot alle ist. Eine Cafe- und Gaststättenkultur gibt es nur im Sommer für Touristen und Läden, Bäcker u.s.w. sind auf dem Lande rar.

Vielfältig sind dagegen die Möglichkeiten für Ausflüge in die Umgebung: zu den Orusthäfen Hällevikstrand oder Mollösund – oder auch als Tagesausflug nach Fjällbacka mit seinen imposanten Schluchten, zu den Felsenbildern in Tanum, per Schiff auf die autofreie Insel Käringön oder zum Wandern in den Wäldern rund um den riesigen Värnersee.

Schiffskajüte mit Klavier – die Kinderlieder der Alice Tegnér

Wasser und Wald spielen auch in den Kinderliedern der schwedischen Dichterin und Komponistin Alice Tegnér (1864-1943) eine große Rolle – wenn auch eher von der östlichen Küste Südschwedens inspiriert.  Erste Beispiele ihrer Kunst entstanden am Klavier in der Schiffskajüte ihres Vaters. Geboren wurde sie zwischen Wasser und Wald in Karlshamn. Kaum eine Übersetzung ihrer in Schweden so populären Lieder ist in Deutschland bekannt. Immerhin sieht man in ihrem Singen und Schreiben aus der kindlichen Perspektive bereits eine Verbindung zu Astrid Lindgrens Sicht “vom Kind aus”, die die schwedische Kinderliteratur bis heute in besonderer Weise prägt.

Wald am Värnersee / Foto: Susanne Brandt

Der Versuch einer Nachdichtung von “Mors Lilla Olle”

Mit einem Körbchen geht Olle-Klein
tief in den Wald und ist ganz allein.
Olle sucht Früchte und träumt vor sich hin:
„Schade, dass ich so alleine bin“.
 
 Brummeldibrummel, was kommt denn da?
Wer stampft und raschelt so sonderbar?
Ist das ein Hund? Nein, ein riesiges Tier!
Olle ruft: „Hej, komm und bleib bei mir“
 
Ob so ein Bär gerne Früchte frisst?
Olle ruft: „Hej – ach, wie schön Du bist“!
Schnell frisst der Bär Olles Körbchen ganz leer.
Groß ist der Hunger von Olles Bär!
 
Nur Olles Mama, die fürchtet sich.
So große Bären, die mag sie nicht.
“Hab keine Angst”, flüstert Olle ihr zu.
“Bären sind freundlich wie ich und du.”
 
Melodie: http://www.labbe.de/liederbaum/m/mors_lilla_olle_454.gif

Deutsche Nachdichtung von Susanne Brandt nach dem schwedischen Kinderlied „Mors Lilla Olle“ von Alice Tegner (1864-1943)

 

In Värnersborg wiederum war ein weiterer Liederdichter – ebenfalls in der Bellmann-Tradition stehend –  zu Hause: Birger Sjöberg (1885-1925). Die Brücke und die Skulptur im Seeuferpark von Värnersborg erinnern an die lyrisch erträumte Liebe seiner bis heute in Schweden populären Lieder: http://de.wikipedia.org/wiki/Birger_Sj%25C3%25B6berg

Beispiel für eine deutsche Übersetzung: http://www.anacreon.de/dichter/birger-sjoeberg.1.php

Poesie, Lieder, Tanz…

Tanzende bei Lars Sestervik / Foto: Susanne Brandt

Bei so viel volkstümlicher Sangeslust ist der Tanz nicht weit: natürlich bei einer der zahllosen Mittsommerfeste, aber ebenso auch in bildlichen Darstellungen wie in der Glasgalerie von Lars Sestervik in Svanesund an einem lauschigen Ort mit Wasserblick und Kaffee in der Orangerie – oder sogar (als frühe Belege aus der Bronzezeit) in Abbildungen auf Felsen dieser Region, die neben den Schiffen als Verbindung zur Welt immer auch die Magie des Tanzes als Verbindung der Menschen untereinander zeigen.

Felsenbilder zeigen Tanz vor 3000 Jahren / Foto: Susanne Brandt

Das Meer als Sehnsuchtsort, als Erfahrung von weiter Ferne und intensiver Vebundenheit, als Element, das keinen Bestand hat, immer Verwandlung und Bewegung mit sich bringt und gerade darin die Kulturen und Traditionen der Menschen seit Jahrtausenden prägt und begleitet – vielleicht macht das die Faszination dieser Landschaft aus!

Susanne Brandt