Bildung für Frieden, Menschenrechte und nachhaltige Entwicklung

Ein komplexes Thema begreifbar machen – wie lässt sich Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) von seinem wesentlichen Kern her beschreiben?

Am Vorabend des BNE-Netzwerktreffens 2023 in Schwerin formulierte Prof. Dr. Christoph Wulf von der Deutschen UNESCO-Kommission in seinen einführenden Impulsen kurze und prägnant Gedanken dazu: 

Wesentlich ist die Reduzierung von Gewalt – gegen Menschen, gegen die Natur, gegen uns selbst. Wesentlich ist ein Verständnis von Leben und Verantwortung als Weltbürgerinnen und Weltbürger. Und in allem stellt sich die Frage, wie kulturelle Praktiken – auch jene, die zum immateriellen Kulturerbe gehören – zur Nachhaltigkeit beitragen können.

Diese drei Gedanken zogen sich für mich durch das gesamte Treffen und schlagen zugleich eine Brücke zu einem anderen Ereignis, das am 9. November zeitgleich in Paris stattgefunden hat.

Dort tagte die UNESCO-Generalversammlung und brachte an diesem Tag als internationale Gemeinschaft einstimmig ein bemerkenswertes Völkerrecht zur Zukunft der Bildung für Frieden, Menschenrechte und nachhaltige Entwicklung auf den Weg:

https://www.unesco.de/bildung/bildung/unesco-verabschiedet-neue-weltbildungsempfehlung

Das neue Grundsatzpapier erneuert nach rund 50 Jahren die Weltbildungsempfehlung von  1974, gilt als Fahrplan für die Bildungspolitik im 21. Jahrhundert und formuliert Leitlinien für die Ausgestaltung von Bildungssystemen und -inhalten weltweit. Es enthält einen zwischen allen Staaten der Welt vereinbarten Kanon von zwölf Kompetenzen, die Bildung vermitteln soll – wie hier kurz zusammengefasst:

  • Analytisches und kritisches Denken
  • Fähigkeit, als Akteure des Wandels für eine nachhaltige Zukunft zu agieren
  • Fähigkeit, die gleiche Würde und Rechte aller Menschen zu verstehen, wertzuschätzen und zu respektieren
  • Fähigkeit, die eigenen persönlichen Werte, Wahrnehmungen und Handlungen anzuerkennen und kritisch zu reflektieren
  • Gefühl der Verbundenheit und Zugehörigkeit zu einer gemeinsamen und vielfältigen Menschheit und dem Planeten Erde
  • Empowerment, Entscheidungsfreiheit und Resilienz
  • Fähigkeit, Entscheidungen zu treffen, indem verfügbare Informationen aus verschiedenen und zuverlässigen Quellen genutzt werden
  • Fähigkeit, Gefühle und Meinungen konstruktiv zu kommunizieren und sich auf partizipative Planung und gemeinsame Problemlösung einzulassen
  • Kreative Fähigkeiten, mit denen neue Ideen in Taten umgesetzt werden können;
  • Fähigkeit, ethisch und verantwortungsbewusst zu handeln und sich uneingeschränkt am bürgerlichen und sozialen Leben im digitalen Zeitalter und in einem lokalen, nationalen und globalen Kontext zu beteiligen;
  • Fähigkeit, auf friedliche, konstruktive und verhandelte Weise mit Konflikten umzugehen 
  • Medien- und Informationskompetenz, Kommunikations- und digitale Fähigkeiten

„Die UNESCO-Generalkonferenz hat eine richtungsweisende Entscheidung getroffen“, erklärt die Präsidentin der Deutschen UNESCO-Kommission Maria Böhmer. „Die neue Weltbildungsempfehlung trägt den komplexen Herausforderungen Rechnung, mit denen die Menschheit im 21. Jahrhundert konfrontiert ist. Bildung muss heute weit mehr leisten, als die Vermittlung von Wissen allein. Es geht um Kompetenzen, Haltung und Werte. Das Dokument ist ein Bekenntnis der Weltgemeinschaft zu individueller Entwicklung und Freiheit, kritischem Denken und globaler Verantwortung. Ein wachsender Teil der Weltbevölkerung lebt unter autoritären Regimen. Angesichts dieser Entwicklung ist der Konsens für eine Bildung, die das Individuum in den Mittelpunkt stellt, ein wichtiger Schritt. Ich hoffe, dass dieser Beschluss schon bald Früchte trägt!“

Im Zentrum der neuen UNESCO-Empfehlung steht das moderne, umfassende Friedensverständnis. Frieden ist demnach nicht nur die Abwesenheit von Krieg und unmittelbarer Gewalt, sondern ein Prozess, in dem Menschen zusammenwirken, um gerechte und inklusive Gesellschaften zu schaffen. Aufgabe der Bildung ist nach dem neuen Völkerrecht, allen Menschen dieses Verständnis und das Handwerkszeug zu vermitteln, Frieden zu leben. 

Zudem betonen die UNESCO-Mitgliedstaaten die wichtige Rolle von Bildung für nachhaltige Entwicklung. In einer vernetzten Welt sei es immer wichtiger, zu verstehen, wie lokale und nationale Entscheidungen das Leben in anderen Teilen der Erde beeinflussen. Bildung müsse Gemeinsinn und Empathie ebenso fördern wie Toleranz und Respekt.

Kriege und Konflikte, aber auch die Auswirkungen der Klimakrise beeinträchtigen das Leben von Menschen heute immer stärker. Daher muss Bildung laut der Empfehlung Kompetenzen und Wissen um die wechselseitige Abhängigkeit von Gesellschaften, über die Endlichkeit natürlicher Ressourcen und den Schutz von Ökosystemen vermitteln. Dafür sei es notwendig, Ansätze wie Friedens- und Menschenrechtsbildung, aber auch Bildung für Nachhaltigkeit stärker zusammenzuführen.

Darüber hinaus wirbt die Empfehlung für ein breites Verständnis von Bildung. Gelernt werde auch außerhalb von Schulen und Universitäten, etwa im Beruf, in Museen, bei Sport- oder Kulturvereinen – und das ein Leben lang.

Dazu beschreibt das neuen Grundsatzpapier die Bedeutung der nicht-formalen Bildung und des informellen Lernens, wie es auch in Bibliotheken geschieht, sinngemäß und gekürzt wie folgt:

Nicht-formale Bildung und informelles Lernen können eine wichtige Rolle bei der Stärkung von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen spielen, auch für all jene außerhalb des formalen Bildungsumfelds, sodass sie zu Akteuren des Wandels auf lokaler, nationaler, regionaler und globaler Ebene werden. Die Mitgliedstaaten sollten vielfältige nicht-formale und informelle Lernaktivitäten wertschätzen und in diese investieren. Dazu kann die Unterstützung von bürgerschaftlichem Engagement, zivilgesellschaftlichen Organisationen und Jugendorganisationen gehören, die die Widerstandsfähigkeit angesichts von Krisen stärken, wie auch die Unterstützung nicht-formaler Wege zum Ausdruck und zur Weitergabe von Kultur durch spezifische Bildungs- und Ausbildungsprogramme innerhalb von Gemeinschaften, die die Ziele dieser Empfehlung unterstützen.

Bei allem nicht zu vergessen: Auch die Erd-Charta verweist auf diese Bedeutung, wenn sie unter IV/14 Kunst und Kultur als wichtige Aspekte von Bildung hervorhebt und in der Version für Jugendliche beschreibt: “Wir brauchen Fantasie, um einen Lebensstil zu entwickeln, der umweltfreundlich und friedlich ist. Die kulturelle Vielfalt auf der Erde ist ein Schatz, in jeder Kultur gibt es alte Träume und neue Ideen, die uns weiterbringen.” 

Im weiteren Verlauf des Netzwerktreffens sind mir vor diesem Hintergrund in Workshops zu Resilienz und Kreativ-Methoden wie auch in zahlreichen Gesprächen besonders folgende Gedanken und Fragen wichtig geworden:

  • Kooperation und Kollaboration ist das Fundament nachhaltiger Bildungsprozesse und angewiesen auf eine lebendige und empathische Kultur der Verständigung
  • Besonders Austausch- und Gesprächschancen zwischen den Generationen sind dabei von besonderer Bedeutung, wenn sie wechselseitig mit Sensibilität und Wertschätzung gelingen.
  • Zur Resilienz kann ein umfassendes Mitweltverständnis beitragen, bei dem sich Menschen mit der Welt verbunden, in der Welt aufgehoben und dadurch immer auch sorgend um das Wohl der Mitwelt erleben. Dafür braucht es Zeit zum Wahrnehmen wie auch für kulturelle Ausdrucks-und Kommunikationsformen, um mit dieser Spannung wie Entspannung souverän und gestaltend umzugehen.
  • Visualisierungen in kreativen und kulturellen Gestaltungsprozessen helfe dabei, Komplexität zu veranschaulichen, Veränderungsprozesse durchzuspielen und Worte dafür zu finden. Diesen Weg geht z.B. „Wörter, Holz und Steine“ und „Wildwuchsgeschichten“ mit all seinen verschiedenen Praxis-Varianten.

Susanne Brandt

Susanne.brandt

Bedenkt und entdeckt das Leben in Flensburg oder unterwegs - am liebsten zu Fuß und in der Begegnung mit anderen. Lernt, schreibt, singt, erzählt, teilt und lässt sich jeden Tag vom Möglichen überraschen. Weitere Informationen: https://de.wikipedia.org/wiki/Susanne_Brandt