Verdichtete Stimmen in einer rissigen Welt

Zum „Internationalen Tag der Freundschaft“ (jährlich am 30. Juli)

„Ein Gedicht kann Gedächtnis stiften und als tote Buchstaben vom lebendig sinnenden Denken zeugen“ (Hannah Arendt, aus: „Ich selbst, auch ich tanze. Die Gedichte, München 2015)

Wie und warum können Gedichte etwas bewirken? Hin und wieder stellt sich für mich diese Frage. Nicht, weil das Schreiben einen zuvor definierten Zweck bräuchte. Vielmehr steht vor dem Schreiben ein ungeplantes, ein absichtsloses Erleben, oft ein Erzählen – und beides formt sich dann in der Verdichtung. So ruhen Sinn und Anlass immer schon im Gedicht selbst.

Aber dann? Was kann mit und durch Worte geschehen, die dann als Gedicht in der Welt sind? Sicher sagen lässt sich das nie. Vermittelbar ist vielleicht eine erfahrene Stimmung, genauer gesagt: eine Resonanz auf die Stimmen, auf die Gestimmtheit der Welt. Vermittelbar ist vielleicht eine Bewegung, die in der Übertragung weiterwirkt: als Ermutigung, Irritation, Anstoß, Verwandlung. Vermittelbar sind Respekt und Würde in der Beziehung zu dem, was mir begegnet.

Von solchen Begegnungen lässt sich erzählen. Und wandelt sich ein solches Erzählen zum Gedicht, kann es als poetische Verdichtung vielleicht das Denken und Handeln berühren und wandeln.

Poetische Verdichtung als Resonanz auf die Stimmen der Welt

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Foto: c Johanniter / Brada

Viele Begegnungen und Erlebnisse, die ich in den vergangenen Monaten mit Geflohenen erfahren und teilen konnte, haben so den Weg in Gedichte gefunden. Sie erzählen von einem tiefen Respekt vor dem Mut, vor der Geduld und Friedenssehnsucht vieler Menschen.

Auf der Suche nach einer Sprache und Form, mit der sich davon etwas erzählen und beschreiben lässt, ohne die Vertraulichkeit des Erzählten zu verletzen, lassen sich in der poetischen Verdichtung besondere Möglichkeiten entdecken: Sie kann behutsam Einblicke geben, ohne bloßzustellen. Sie kann etwas von innen aufleuchten lassen, ohne es plakativ ins Licht zu setzen. Sie nimmt Kostbares und Einzigartiges in sich auf auf gibt davon etwas frei, ohne privat zu sprechen.
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„Wir schlagen unseren Faden in ein Netz der Beziehungen“ oder: Freiheit in der Verbundenheit als Chance

Fäden im Netz der Beziehungen / Foto: Susanne Brandt

Fäden im Netz der Beziehungen / Foto: Susanne Brandt

Mehr als einmal habe ich mich diese Tage über die aktuellen Berichterstattungen und Kommentierungen der Medien geärgert, wenn es um die Frage ging, wie das Zusammenleben mit Geflohenen bei uns im Land weiter zu gestalten sei. Beliebt ist z.B., bei nötigen Entscheidungen und Weichenstellungen in der sogenannten „Flüchtlingsfrage“ von Herz und Verstand zu schreiben, und zwar so, als ginge es hier um alternative berechenbare „Werte“, bei denen ein Mehr des einen ein Weniger des anderen bewirken könne – als wäre „mehr Herz“ ein Indiz  für „weniger Verstand“ und folglich ließe sich mit „weniger Herz“ der Verstand vermehren!?

In eine ähnliche Richtung zielt das zweite beliebte Bild in der gegenwärtigen Presselandschaft: Da wird gern davon gesprochen, dass die „Willkommens-Party“ nun vorbei ginge und der ungemütliche Herbst im gemeinsamen Alltag Einzug hielte. Auch hier sind es vor allem die vermeintlichen Emotionen, die einer „vernünftigen“ Flüchtlingspolitik offenbar den Blick verstellt haben – so zumindest der Unterton vieler Berichte und Kommentare.

„Kultur der Menschenrechte“ Weiterlesen