Hooger Halligsommer: Kein Wetter für Tauben

Kein Wetter für Tauben,
sie haben es schwer,
sich gegen die Böen ins Weite zu wagen,
die mächtige Wucht des Orkans zu ertragen,
ganz ungeschützt
nur mit Mut im Gepäck.

Und doch –
wie bei Noah
macht eine sich auf.

Wer wartet
auf ihre Wiederkehr?

Die offenen Arme,
sie bleiben leer
und hoffen
beharrlich
mitten im Wind,

nie sicher,
wann wirklich Frieden beginnt.

Susanne Brandt

“Rückkehr der Taube”, Radierung von Friedegard Metzger (geb. 1962), Zyklus Arche Noah, 1985 / Foto: Susanne Brandt

 

Hooger Halligsommer: Von den Vögeln lernen

Foto: Susanne Brandt

Die Augen schließen und lauschen: Was nimmt man wahr, wenn man auf der Hallig die Landschaft mit den Ohren erkundet? Vor allem das Konzert der Vogelstimmen: markante Rufe der Austernfischer, Ringelgänse, Möwen als Continuum, vermischt mit Lerchengezwitscher über den Wiesen. Dazu rollen die Wellen in ihrem eigenen Rhythmus an den Strand, verbunden mit einem wiederkehrenden Knistern der Muschelschalen. Ähnlich macht es der Wind. Seine Wellen sind die Böen, die raschelnd durch die Gräser fegen.

Verbunden mit meiner Aufgabe, während des Sommers  in der kleinen Halligkirche einige Gottesdienste und Veranstaltungen musikalisch zu begleiten, gehört dieses Lauschen auf die Landschaft zu meinen Vorbereitungen wie das Komponieren bzw. Üben mit dem Instrument.

Denn an diesem besonderen Ort stellt sich für mich die besondere Frage: Welche Musik verbindet hier das Außen mit dem Innen? Welche Musik verbindet den Wind der Weite mit der Spiritualität der Worte, der Begegnungen und der Sprache des Raumes?  Das Lied aus Luft ist bereits vor dem Hintergrund dieser Frage neu entstanden.

Foto: Inke Raabe

Die Frage stellt sich aber ebenso bei der Auswahl älterer Musikstücke der Instrumentalmusik, die im Gottesdienst zum Klingen kommen sollen: Zu Pfingsten fiel meine Wahl auf zwei Stücke aus „The Bird Fancyer’s Delight“, einer Sammlung von auskomponierten Vogelstimmen aus dem 18. Jahrhundert für Flöte solo.

Ursprünglich wohl, so war es zur damaligen Zeit beliebt, dienten solche instrumentalen Vogelgesänge dazu, Käfigvögeln auf diese Weise verschiedene Gesangsweisen zur Nachahmung anzutrainieren.  Weiterlesen

Sonntagsmomente: Luftverbunden

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Luftverbunden
mit surrenden Schwingen
suchen die Gänse
das Weite im Wind,

lösen sich langsam
vom sicheren Land,
formen gemeinsam
ein tanzendes Band,
lassen sich nieder,
erheben sich wieder –
ein Kommen und Gehn.

Staunende werden
offene Bilder
am Himmel sehn.

Susanne Brandt

Zum jungen Jahr: Winterspaziergang II

Neujahrsspaziergang, Hallig Hooge 2016,  Foto: Susanne Brandt

Neujahrsspaziergang, Hallig Hooge 2016, Foto: Susanne Brandt

Die Luft ist klar bei diesem Frost,
der Himmel hell und weit.
Wenn Gänse übers Wasser ziehn,
dann zieht in kurzer Zeit
das alte Jahr an mir vorbei.
Der Kopf lässt die Gedanken frei,
die borstigen und glatten,
die glänzenden und matten:

Der eine tanzt als Schmetterling,
unfassbar schön.

Ein andrer hockt mir im Genick.
und will nicht gehn.

Der dritte weiß noch nicht wohin.
Vielleicht wird er mir irgendwann
zur Seite stehn.

Das Meer, das Land – weit ausgespannt,
hier scheint noch vieles offen.
Der Sand knirscht unter meinem Schuh
und ein Gedanke singt dazu:
Warum nicht einfach fröhlich sein
und hoffen?

Susanne Brandt
2010/2016