Verdichtete Stimmen in einer rissigen Welt

Ein Nachklang zu einem Austausch mit Aktion Deutschland hilft am „Tag der Freundschaft“ 2016

„Ein Gedicht kann Gedächtnis stiften und als tote Buchstaben vom lebendig sinnenden Denken zeugen“ (Hannah Arendt, aus: „Ich selbst, auch ich tanze. Die Gedichte, München 2015)

Wie und warum können Gedichte etwas bewirken? Hin und wieder stellt sich für mich diese Frage. Nicht, weil das Schreiben einen zuvor definierten Zweck bräuchte. Vielmehr steht vor dem Schreiben ein ungeplantes, ein absichtsloses Erleben, oft ein Erzählen – und beides formt sich dann in der Verdichtung. So ruhen Sinn und Anlass immer schon im Gedicht selbst.

Aber dann? Was kann mit und durch Worte geschehen, die dann als Gedicht in der Welt sind? Sicher sagen lässt sich das nie. Vermittelbar ist vielleicht eine erfahrene Stimmung, genauer gesagt: eine Resonanz auf die Stimmen, auf die Gestimmtheit der Welt. Vermittelbar ist vielleicht eine Bewegung, die in der Übertragung weiterwirkt: als Ermutigung, Irritation, Anstoß, Verwandlung. Vermittelbar sind Respekt und Würde in der Beziehung zu dem, was mir begegnet.

Von solchen Begegnungen lässt sich erzählen. Und wandelt sich ein solches Erzählen zum Gedicht, kann es als poetische Verdichtung vielleicht das Denken und Handeln berühren und wandeln.

Poetische Verdichtung als Resonanz auf die Stimmen der Welt

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Foto: c Johanniter / Brada

Viele Begegnungen und Erlebnisse, die ich in den vergangenen Monaten mit Geflohenen erfahren und teilen konnte, haben so den Weg in Gedichte gefunden. Sie erzählen von einem tiefen Respekt vor dem Mut, vor der Geduld und Friedenssehnsucht vieler Menschen.

Auf der Suche nach einer Sprache und Form, mit der sich davon etwas erzählen und beschreiben lässt, ohne die Vertraulichkeit des Erzählten zu verletzen, lassen sich in der poetischen Verdichtung besondere Möglichkeiten entdecken: Sie kann behutsam Einblicke geben, ohne bloßzustellen. Sie kann etwas von innen aufleuchten lassen, ohne es plakativ ins Licht zu setzen. Sie nimmt Kostbares und Einzigartiges in sich auf auf gibt davon etwas frei, ohne privat zu sprechen.
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„Dieser eine, aus Syrien geflohen…“ – vom Nachklang der Bilder beim Bahnfahren

Ich habe die Kommentare nicht gezählt, die ich nach der Kölner Silvesternacht im Netz gelesen habe. Für manche Impulse bin ich dankbar. Der Feinsinn, mit dem einige Autoren zurückhaltend geblieben sind bei der Benennung von Schuldigen, eher fragend und besonnen das beschreiben, was sich nicht auf den ersten Blick offenbart, hilft mir, genauer hinzusehen – statt schnell zu verstehen. Andere Berichte und Kommentare wiederum sind für mich Alarmsignale für eine wachsende Instrumentalisierung von Menschen und Themen, die diese Menschen existentiell betreffen – als wäre es legitim, ungehemmt die aufgewühlten Emotionen in der Bevölkerung nach Katastrophen und Schreckensszenarien des menschlichen Zusammenlebens auszunutzen, um damit gezielt bestimmte Haltungen und Meinungen zu schüren.

Blick aus dem fahrenden Zug

Blick aus dem fahrenden Zug

Meine Hoffnung ist, dass ein solcher Journalismus der Vereinnahmung und bewussten Bemächtigung keinen Nachklang behält, weil sein Getöse so platt daher kommt. Meine Hoffnung ist auch, dass andere Töne umso nachhaltiger wirken: die echten Dialoge im Wechsel von Erzählen und Zuhören, die erstaunlichen Facetten in den Stimmen von Menschen mit anderen Sprachen, die Geräusche in Bildern und Begegnungen, die manchmal nur mit wenigen Worten auskommen.

Vielleicht wie in dieser Geschichte: Neben dem Gleis

Auch Gedichte gehören zu dieser Tonlage, brauchen sie doch weder das große Publikum noch die dick aufgetragene Behauptung oder Prophezeiung. Sie sind in der Lage, dem feinen Klang von Begegnungen – wie in der o.a. Geschichte erzählt – auf ihre Weise nachzuspüren:

Wir standen am Bahngleis,
frierend
aus der Fahrplanroutine
herausgeworfen,
im Warten nie gut. Weiterlesen

Zum Welttag der Poesie: Leipzig im Gedicht

Zum heutigen „Welttag der Poesie“ gehört natürlich die Ankündigung einer neuen Lyrik-Anthologie: O Freude. Leipzig im Gedicht!

Leipzig im GedichtMit über 400 Texteinsendungen von 221 Autorinnen und Autoren aus dem gesamten deutschsprachigen Raum und weiteren sechs Ländern hat der Aufruf der in Leipzig ansässigen internationalen Gesellschaft für zeitgenössische Lyrik (www.lyrikgesellschaft.de) nach Gedichten und Prosaminiaturen über Leipzig gezeigt, wie tief die „Buchstadt“ im Bewusstsein literarisch tätiger Menschen nah und fern verwurzelt ist und zum Schreiben inspiriert.
Mit einer Auswahl von 128 Autorinnen und Autoren aus Deutschland, Finnland, Österreich, Mongolei, Schweden, der Schweiz und Türkei ist daraus nun zur Buchmesse die Frühjahrsausgabe 2015 der Reihe „Poesiealbum neu“ als Taschenbuch unter dem Motto „Leipzig im Gedicht“ erschienen. Zusammen mit einer Sonderausgabe „Gedichte von Welt“ mit Lyrik aus Leipzigs Partnerstädten ist somit ein literarischer Auftakt zum Jubiläumsjahr 2015 anlässlich von „1000 Jahre Leipzig“ gemacht.

Meine persönliche Erinnerung an das schon oft bereiste Leipzig drückt sich literarisch in einem Gedicht aus, das während meiner Vertretungslehrtätigkeit an der HTWK im Jahre 2013 entstanden ist – genauer gesagt: in der Gaststätte „Waldfrieden Connewitz“, die mir an den Abenden eine wohnliche Bleibe zum Lesen und Schreiben bot.
Auch dieser Text hat nun in der Leipzig-Anthologie Aufnahme gefunden:

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Literarisch unterwegs: Wien – Bratislava – Limburg – Eisenach

Wien – Bratislava – Limburg – Eisenach…Was lässt uns hin und wieder aufbrechen, das Weite suchen,  auf verschlungenen Wegen reisen? Eine kurze Antwort könnte lauten: Menschen und Landschaften, Gedichte und Geschichten. Etwas mehr davon erzählen Reiseimpressionen, die in Wien ihren Anfang nehmen und am Ende in Eisenach mit der Heimfahrt nach Flensburg ausklingen.

1. Station: Wien

Um es gleich vorweg zu nehmen: Als Stadt strahlt das heutige Wien für mich nicht das aus, was ich im Vergleich dazu in Prag oder Krakau entdeckt habe – auch wenn mir die drei Tage hier viele interessante Eindrücke geschenkt haben.

Der erste Tag – zugleich mein erster Besuch überhaupt in Wien! – ist einer ersten Stadterkundung gewidmet. Bald wird mir klar: zu viel Schnörkel, Prunk und Fassadenglanz, zu wenig Licht, das von innen heraus strahlt, das eine verborgene Seele hat. Insgesamt haftet dieser Stadt nach meinem Eindruck etwas Behäbiges und Erstarrtes an. Mir fehlt die Leichtigkeit, das Unvollkommene, das eine Stadt lebendig und in Bewegung hält. Oder bin ich es, die zu sehr von außen schaut?  In dieser kurzen Zeit das Schlupfloch hinter die glanzvollen Fassaden nicht finde?

Fotoausstellung Yvonne Oswald / Jüdisches Museum Wien

Begibt man sich auf Spurensuche nach dem, was hier einst auf andere Weise lebendig gewesen sein könnte – ganz besonders in der Kultur- und Geistesgeschichte der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, die stark von jüdischen Persönlichkeiten geprägt war – wandelt sich das Bild.  Faszinierende Facetten kommen zum Vorschein…Zur Fotoausstellung über das „Südbahnhotel“: http://www.jmw.at/de/exhibitions/das-suedbahnhotel-am-zauberberg-der-abwesenheit-fotografien-von-yvonne-oswald

Und auch Facetten aus dem lebendigen literarischen Leben heute lassen das kulturelle Gesicht von Stadt und Region anders leuchten. Aber dazu später. Weiterlesen

Stadtspaziergänge: Knoten lösen

Morgenspaziergang durch Flensburg / Foto: Susanne Brandt

Schwer zu sagen, was aus den Wolken wird. Der Blick zum Himmel gehört zum Morgen wie der Becher Tee und die Frage: Sandalen oder feste Schuhe? Heute fällt die Entscheidung an der Haustür schnell. Ich bin spät dran und stapfe zügig die Straße bergauf.

Oben an der Ecke begegnet mir bereits der alte  Mann mit dem Dackel. Sonst treffe ich ihn immer erst einige hundert Meter weiter vor der Tür des Bäckerladens. Auf seine Pünktlichkeit ist Verlass. Auf meine nicht immer.

Der Bäckerladen ist um diese Zeit meistens voll. Im Winter schauen die Menschen von den Stehplätzen am Fenster nach draußen auf die Straße. Einige nicken mir zu, wenn ich vorbei komme. Weiterlesen