Sonntagsmomente: Warum wir in der Krise keine Helden brauchen

Krisenzeiten sind Heldenzeiten. So zumindest kommt es einem vor, wenn man auf die wachsende Präsenz von Helden in den Medien achtet – und vermehrt auch im umgangssprachlichen Gebrauch: Da geht es zum Beispiel um die Helden des Alltags inmitten der Corona-Pandemie, um die Klimahelden im Kindergarten, um die Superhelden in beliebten Serien und zugleich um Interviews und Fachpublikationen, in denen sich Philosophen, Soziologen, Pädagogen, Journalisten und Autoren mit eben diesem aktuellen Heldenphänomen auseinandersetzen. Dieser Beitrag gehört auch dazu.

Wohlgemerkt: Die Sehnsucht nach rettenden Helden und das Erzählen von Heldengeschichten ist nicht neu. Viele Märchen und Sagen folgen dem Verlauf einer Heldenreise, beschreiben Mut und Solidarität, führen durch bedrohliche Situationen, durch Anspannung und Entspannung. In Kunst und Kultur finden solche elementaren Erfahrungen mit Gefahr und Rettung in vielfältiger Weise Ausdruck. Dabei werden die Heldinnen und Helden oft gar nicht als solche betitelt. Sie erproben und bewähren sich einfach durch das Erlebte und Gelöste, meist erst im Rückblick und im Licht des guten Endes zu deuten.

Die derzeit inflationäre mediale Verbreitung von Heldengeschichten “im wirklichen Leben” folgt dagegen anderen Mustern: Da wird die Heldentat oft nicht im Besonderen, sondern im Normalen gesucht und gesehen, das in besonderen Zeiten plötzlich an Bedeutung und Achtung gewinnt. Und oft scheint die Geduld nicht zu reichen, um zunächst dem “Heldenweg” seine Zeit zu lassen und sich am Ende an der Erlösung zu freuen. Wer zu den Heldinnen und Helden gehört – das entscheidet sich bei solchen “Alltagshelden” vor allem durch jene Themen und Erwartungen, die gerade „dran“ sind. Bestenfalls mit der Hoffnung auf die rettende Erlösung, die sich irgendwann einstellen möge, durch wen oder was auch immer.

Lug und Trug?

Heutige Heldengeschichten haben ein hohes Fake-Potential – so etwa wurde dieses Phänomen kürzlich in einem Interview sinngemäß auf den Punkt gebracht. Eben weil sie oft so hurtig etwas Kraftvolles vorzugeben versuchen, was von der Sache her am Ende nicht falsch sein muss, sich aber doch eher als verletzlich und vorläufig erweist – als ganz normal eben.

Warum also werden die vielen kleinen guten Dinge, die uns auf einem langen Lernweg durch die Krise begleiten, so schnell zu Heldentaten erklärt? Kritisch gefragt: Nimmt die Wertschätzung der „vielen kleinen guten Dinge“ nicht vielmehr Schaden, wenn sie zunehmend als die Taten von Heldinnen und Helden gefeiert werden – und so in ihrer „Normalität“ umso tiefer ins Bedeutungslose fallen, wenn die Heldengesänge verklungen sind?

Mein Eindruck ist, dass vor allem etwas mit unserer Beziehung zum Alltäglichen, zur natürlichen Umwelt, zu dem, was elementar zu unserem Leben gehört, aus dem Lot geraten ist: ein achtsamer Umgang mit Ressourcen, ein solidarisches Miteinander, eine staunende Freude an der Natur, ein Bewusstsein für Herkunft und Qualität von Nahrung, das Erleben von Verletzlichkeit und Scheitern, Schwäche und Mut.

Alles das ist für unser Leben und Überleben von grundlegender Bedeutung – Tag für Tag neu. Es müsste eigentlich zum Selbstverständlichen gehören, verdient dauerhaft echte Wertschätzung  – aber eben nicht als das Außergewöhnliche, sondern als das, was uns alle gemeinsam herausfordert und betrifft. Es braucht unsere immerwährende Aufmerksamkeit und Mitgestaltung – begründet durch eine tiefe Verbundenheit mit der Welt.

Wo diese Verbundenheit brüchig geworden ist und nicht mehr gut trägt, so mein Verdacht, werden vermehrt Heldenbilder bemüht, um einen schnell wirksamen neuen Anreiz zu schaffen für dieses oder jenes Engagement.

Aber hat das noch etwas mit den alten „Helden auf Reisen“ zu tun? Denn gerade sie brauchten den langen Atem der Bewährung, den Weg durch Höhen und Tiefen, das Ausprobieren und Scheitern mit der Perspektive auf ein gutes Ende.

Alltagshelden auf der Überholspur

Unsere heutigen Heldenfiguren des Alltags stehen im Unterschied dazu in der Gefahr, vor allem medial für vorgefasste Ziele und Stimmungen instrumentalisiert zu werden, vielleicht um die Aussicht auf den erhofften Erfolg zumindest in der Sprache und Vorstellung bequemer zu ebnen und abzukürzen.

Was aber ändert sich damit wirklich? Wird die brüchig gewordene Beziehung zu dem, was unser gemeinsames Leben tagtäglich trägt und bewegt, dadurch vertieft und feinsinniger wahrgenommen? Wird der Umgang mit Ängsten und mit der Erfahrung des Scheiterns dadurch ehrlicher und einfühlsamer aufgenommen? Wird der Raum für eigene ergebnisoffene Suchwege und unverhoffte Entdeckungen und Wendungen dadurch erweitert?

Wohl kaum!

Echte und ehrliche Anerkennung und die Chance zur Weiterentwicklung mit dem, was Menschen bewegen und bewirken können, sieht anders aus: Sie zeigt sich z.B. in der täglichen Achtung und im Respekt für berufliches und ehrenamtliches Engagement – etwa  durch die dauerhafte Verbesserung von Arbeitsbedingungen, die ein würdiges und wertschätzendes Miteinander nicht nur kurzfristig, sondern nachhaltig unterstützen und stärken.

Und sie zeigt sich im Blick auf kindliche Helden vor allem im Respekt vor dem „Recht des Kindes auf den heutigen Tag“ (Janusz Korczak). Denn der heutige Tag ist dazu da, die Beziehung zur Welt und die eigenen Möglichkeiten der Mitgestaltung frei und ergebnisoffen zu erkunden und zu vertiefen – mit Neugier, Lust und wachsendem Vertrauen. Gewiss auch mit Vorbildern. Aber ob das immer gleich Helden sein müssen – das finden die Kinder mit der Zeit selbst für sich heraus.

Einfach Zeit schenken

Mein Wunsch: Lasst die Kinder zunächst selbst entdecken und bestimmen, was sie bestaunen und mitgestalten mögen. Schenkt ihnen Zeit und Gelegenheit, um eine vielfältige Beziehung zur Natur und zur Welt aufzubauen. Bleibt ansprechbar für ihre Fragen. Und nehmt Kinder dabei mit ihrer eigenen wachsenden Alltagserfahrung ernst, mit ihrem Weltwissen, ihrer Neugier, aber auch mit ihren Ängsten, Verunsicherungen und Verletzungen, mit ihrem Bedürfnis nach Schutz, Vertrauen und Sicherheit.

Vorbilder und Ermutigung, wie Kinder sie in solchen Vertrauensbeziehungen erleben, können zu guten Begleitern werden bei ihren vielen kleinen Schritten, diese Welt mitzugestalten. Sie werden dabei das Glück des Gelingens ebenso erfahren wie Enttäuschung und Ohnmacht. Sie werden mit beidem leben lernen, daraus Kraft und Erfahrung schöpfen und können so nach und nach begreifen: Ich lebe in einem Beziehungsgeschehen – mit Menschen, mit der Natur, mit der Umwelt – in dem ich willkommen bin. Ich kann in vielfältiger Weise daran mitwirken, dass sich das Miteinander gut entwickelt. Ich kann Fehler machen und Neues lernen. Dabei helfen mir meine Neugier, meine Fragen, meine Ideen, meine Lust, etwas auszuprobieren und immer wieder neue Zusammenhänge zu entdecken.

Mag sein, dass viele in der Vorstellung von kleinen „Klimahelden“ in der Kita einen gewissen Trost suchen für das, was unwiederbringlich gestört scheint und nun durch die unbändige Begeisterungsfähigkeit, Energie und Neugier der Jüngsten vielleicht doch noch eine neue Chance bekommt.

Dabei liegt die wirkliche Chance woanders: Sie liegt bei uns, die wir Kindern mit ihren vielfältigen Begabungen, Fragen und Ideen, ihren Sorgen und ihren Hoffnungen auf Veränderung verlässlich und dauerhaft  Zeit und Raum schenken – mit Respekt und mit der Unterstützung, die sie dafür brauchen. Als Weltentdecker eben – immer wieder anders und gern so, dass auch wir mit ihnen Tag für Tag dazu lernen.

 

Susanne Brandt

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