Das kann ein Ton werden in meinem Lied

Einfach losgehen – das ist die Freiheit eines jeden Morgens.
Etwa eine Stunde brauche ich zu Fuß bis zu meiner Arbeitsstelle.
Ich gehe zügig. Nicht, weil ich in Eile bin. Beim Gehen finde ich mein eigenes Tempo, meinen eigenen Rhythmus schon nach wenigen Schritten. Kein Stau bremst mich. Kein Drängler im Rückspiegel treibt mich. Keine Gangschaltung muss erst in die richtige Stellung gebracht werden, damit ich optimal voran komme.
Gehen geht fast immer so, wie ich es als stimmig empfinde: am liebsten ohne Gepäck, schon gar nicht mit Stöckern oder sonstigen Utensilien, die das Gehen als sportliche Übung ausweisen.

Einfach losgehen – das ist die Freiheit der Bewegung ohne Bindung an irgendwelche Trends oder Leistungserwartungen.
Ein Ziel gibt es schon. Nach sechs oder sieben Kilometern bin ich dort, wo ich hin will. Das braucht seine Zeit. Nein – das braucht meine Zeit. Und die erlebe ich mit jedem Schritt so intensiv, wie sonst zu kaum einer anderen Stunde des Tages.

Manchmal singe ich dabei.
Nicht unbedingt laut. Singen geht auch still im Kopf zum Takt der Füße. Oder leise schwingend mit jedem Atemzug. Oder als Stimme des Staunens. Denn das Staunen läuft immer mit. Kein Weg geht ohne ein kleines Wunder zu Ende:
die Feder, die sich beim Fallen in gleichmäßigen Kreisen durch die Luft zur Erde schraubt, die knorrigen Fratzen, die mir aus der zerklüfteten Baumrinde entgegen blicken, der unverhoffte Gedanke, der zehn Meter zuvor noch nicht zu meinem Leben gehörte – alles das kann zum Lied werden. Oder ist lange schon Lied und kommt jetzt erst neu in mir zum Klingen.

Vielleicht haben alle Wanderlieder so ihren Anfang genommen.
Rhythmus und Atem, Wort, Sinn und Ton sind untrennbar mit Bewegung verbunden und können sich kaum einen besseren Begleiter vorstellen als den freien Gang von Körper und Seele. Beim Gehen liefern sich die Sinne offen der Welt aus, spüren Hitze und Kälte, Wind und Regen, sehen Hässliches und Schönes, hören Lautes und Leises.

So berührt, können sich auch die Gedanken freilaufen: Erinnerungen und Hoffnungen, Tagträume und Sorgen säumen meinen Weg wie ein endlos weit reichendes Fadenspiel, das nach ein oder zwei Stunden immer ein paar Knoten weniger hat.
Das Gehen und das Singen sind also Geschwister, wie mir scheint. Und die Fantasie schenkt der lebendigen Beziehung zwischen beiden Form und Farbe, Stimmung und Klang.

Das letzte Stück meines Arbeitsweges führt mitten durch die Stadt.
Nein, ich kehre den Mauern und Menschen nicht den Rücken, wenn ich gehe. Ich schaue ihnen gern ins Gesicht. Denn jedes Gesicht, jedes Fenster und jede Tür – sie alle haben etwas zu erzählen. Das nehme ich wahr. Darüber denke ich nach. Das kann ein Ton werden in meinem Lied.

Susanne Brandt