Im Zeichen der Flucht: Hoffnung trotz allem

Manchmal wird aus Alltagseindrücken ein Gedanke, der mich lange beschäftigt. Manchmal finden solche Gedanken eine poetische Form. Immer ringe ich dabei mit einzelnen Worten: Kann man überhaupt noch Worte wie “Hoffnung” oder “Mut” benutzen? Sind die nicht viel zu groß für ein kleines Gedicht? Erklärungsbedürftig? Zu Floskeln verkommen? Eine Schönfärberei für die Härte der bitteren Realität?
Ich bin unschlüssig, will die Worte genauer befragen, bin noch lange nicht fertig mit ihnen. Was mir beim Nachdenken hilft, ist ein Text von Fulbert Steffensky* Er schreibt:

Die Hoffnung sieht, was sein und was werde kann

Und führt dazu genauer aus:
“Vielleicht muss der zynisch werden, der viel weiß, aber aus der Rolle des Betrachters nicht herauskommt. „Der Beobachter sieht nichts.“ Heisst es bei Johannes Bobrowski. Der resignierte Beobachter sieht, was ist, und ist geblendet von der Gegenwart. (…) Die Welt und der Lauf der Dinge leuchten dem nicht ein, der nur Zuschauer ist. Einem Hungernden zu essen zu geben, einen Kranken zu waschen, ein Kind zu trösten, vor einem Giftgaslager die Straßen zu blockieren, gegen die Zerstörung des Klimas zu arbeiten, das hat seinen Sinn in sich selbst. An dieser Arbeit nagt der Zweifel weniger als an der Seele des reinen Zuschauers.”

Und der Mut?

Der steht der Hoffnung zur Seite. Beide brauchen einander. Lassen sich nicht trennen.

Steffensky dazu: “Es braucht Mut zur Hoffnung. Sich zu erschöpfen in Ohnmachtsgefühlen, dazu braucht man keinen Mut. Zum Mut und zur Hoffnung braucht es die grössere Liebe. Mut ist nicht eine Art natürlicher Vitalität und Unverwüstlichkeit. Mut wird den Gefahren abgerungen. Der Wortstamm von „Mut“ sagt uns, dass es nicht um eine formale Stärke geht. Das mittelhochdeutsche „muot“ bedeutet. Sinn, Geist, das Innere, das Herz des Menschen. „Herz“ steckt in dem französischen Wort courage, das wir mit Mut übersetzen. Die Voraussetzung des Mutes ist also, dass ein Mensch mit etwas identifiziert ist; dass er ein Herz und ein Gemüt für etwas hat; dass sein Geist auf etwas gerichtet ist und dass er etwas liebt. (…) Mut setzt Menschenliebe voraus. Der Mut verliert seinen Boden, wo Menschen oder eine Gesellschaft apathisch wird, also die Fähigkeit verliert, etwas zu lieben, an etwas zu leiden und etwas zu vermissen. Wo man die Sprache der Stummen nicht mehr vermisst, das Brot der Armen und das Lebensrecht der Geflüchteten, da wird man auch keinen Mut aufbringen, daran zu arbeiten.”

Also nochmal: Dürfen Worte wie Hoffnung und Mut noch vorkommen in einem Gedicht? Ich denke: Ja, wenn ihr geschwisterliches Angewiesen sein dabei auch in den anderen Zeile spürbar wird. Auch im Erschrecken. Auch in der Trauer. Auch in Gefahr. Auch im Schmerz.
Damit der Schmerz am Ende nicht nackt und allein da steht.
Auch auf das Dennoch kommt es an.

Susanne Brandt

*zitiert aus: Dr. Fulbert Steffensky: Was unsere Hoffnung nährt. Vortrag am 11. Juni 2016 auf dem 7.Ostfriesischen Kirchentag in Rhauderfehn