Europa und das Meer: Von Angesicht zu Angesicht

Mit seiner Blogparade im Sommer 2018 lud das Deutsche Historische Museum anlässlich der Ausstellung „Europa und das Meer“ unter dem Hashtag ‪#DHMMeer dazu ein, in Blogbeiträgen persönliche Beziehungen zum Meer in ihrer ganzen Vielfalt zu beschreiben. Geographisch gesehen ist Europa ein maritimer Kontinent: Keiner der anderen Erdteile hat mehr Berührungspunkte mit dem Meer gemessen an Küstenlänge und Gesamtgröße. Wie also erleben wir diese Berührung mit dem Meer – und wie werden wir der Verantwortung gerecht, die sich daraus ergibt?

Mich treibt dieses Thema um: Europa und das Meer. Viele Jahre lang war das für mich mit elementaren Lebenserfahrungen verbunden. Denn ich lebe am Meer. Seit Jahrzehnten schon. Hier in Europa. In zehn europäischen Ländern bin ich bereits an der Meeresküste entlang gewandert. Unzählige Male habe ich Zeichen in den Sand gemalt, die von der nächsten Welle überspült und unkenntlich gemacht worden sind. Ein Spiel im Rhythmus der Gezeiten.

Mit diesem Gesicht aber ist es anders!

Susanne Brandt: One face – one moment

Nur wenige Sekunden, dann waren auch seine Konturen fortgespült. Ich stand daneben und konnte das nicht verhindern. Kein Spiel – wenn ich daran denke, dass das für unzählige Menschen grausame Realität ist: auf der Flucht vom Meer fortgespült zu werden. Oder: Nicht verhindern zu können, das Menschen ertrinken oder es vielleicht doch zu können, aber mit Gewalt am Helfen gehindert zu werden.

Ein vergängliches Gesicht, in den Sand gemalt – eine hilflose Geste. Nein, auch eine Geste des Aufbegehrens GEGEN die Hilflosigkeit und FÜR das Leben! Weil lebensrettende Hilfe mitten auf dem Meer manchmal die einzige Chance ist, um Menschenrechte zu wahren. Weil diese Hilfe unterstützt und vor Angriffen und Behinderung geschützt werden muss! Weil es um jeden einzelnen Menschen geht – tausendfach. Niemals geht es um eine gesichtslose Masse, sondern immer um eine große Zahl von Menschen mit persönlichen Lebensgeschichten, die jedes Gesicht prägen.”

Susanne Brandt

Der Hintergrund: Kunst im Angesicht des Todes

Tausende von Menschen sind seit dem Jahr 2000 gestorben, als sie die europäische Seegrenze überqueren wollten – aus der Not geflohen mit der Hoffnung auf Sicherheit, Würde und Gerechtigkeit.

38.000 Bilder mit Gesichtern – damit regt das Kunstprojekt Mediterranean Faces  ein Nachdenken über dieses Sterben an: bei denen, die mit einem Bild dazu beitragen wie bei denen, die sich mit diesen Bildern die unvorstellbar große Zahl an Einzelschicksalen vergegenwärtigen können.

„Was wir zeigen wollen, ist: Schaut mal, wie unglaublich viele einzelne Menschen das sind. Das ist nicht nur das Foto eines Mannes mit Schwimmweste, der zitternd in einem Rettungsboot steht, oder von einem, der es eben nicht ins Boot geschafft hat. Das ist eine Person, ein Individuum, mit Träumen, Wünschen, Ängsten“, sagt Yorgos Konstantinou, einer der Mitbegründer von Mediterranean Faces.

Entstanden ist das Projekt aus der katalanischen Initiative Stop Mare Mortum, die mit ihren Aktionen und ihrer Arbeit auf das Leid der flüchtenden Menschen hinweisen und diese unterstützen möchte. Deshalb fordert Yorgos alle dazu auf, ein Bild von einem Gesicht zu gestalten – als Hommage an jeden einzelnen Menschen, der auf der Flucht über das Mittelmeer ums Leben kam.

Mehr Infos gibt es hier: Mediterranean Faces // Stop Mare Mortum // #MEDfaces

Das Kunstprojekt wird u.a. von Sea-Watch unterstützt. Dort sind weitere Hinweise zur Teilnahme wie zur Ausstellung der Werke erhältlich – und natürlich Information zur aktuellen Situation der Seenotrettung: https://sea-watch.org/sea-watch-3-seit-20-tagen-an-der-kette-ueber-200-tote-ekd-praeses-rekowski-besucht-festgesetzte-seenotretter/