Hooger Halligsommer: Von den Vögeln lernen

Foto: Susanne Brandt

Die Augen schließen und lauschen: Was nimmt man wahr, wenn man auf der Hallig die Landschaft mit den Ohren erkundet? Vor allem das Konzert der Vogelstimmen: markante Rufe der Austernfischer, Ringelgänse, Möwen als Continuum, vermischt mit Lerchengezwitscher über den Wiesen. Dazu rollen die Wellen in ihrem eigenen Rhythmus an den Strand, verbunden mit einem wiederkehrenden Knistern der Muschelschalen. Ähnlich macht es der Wind. Seine Wellen sind die Böen, die raschelnd durch die Gräser fegen.

Verbunden mit meiner Aufgabe, während des Sommers  in der kleinen Halligkirche einige Gottesdienste und Veranstaltungen musikalisch zu begleiten, gehört dieses Lauschen auf die Landschaft zu meinen Vorbereitungen wie das Komponieren bzw. Üben mit dem Instrument.

Denn an diesem besonderen Ort stellt sich für mich die besondere Frage: Welche Musik verbindet hier das Außen mit dem Innen? Welche Musik verbindet den Wind der Weite mit der Spiritualität der Worte, der Begegnungen und der Sprache des Raumes?  Das Lied aus Luft ist bereits vor dem Hintergrund dieser Frage neu entstanden.

Foto: Inke Raabe

Die Frage stellt sich aber ebenso bei der Auswahl älterer Musikstücke der Instrumentalmusik, die im Gottesdienst zum Klingen kommen sollen: Zu Pfingsten fiel meine Wahl auf zwei Stücke aus „The Bird Fancyer’s Delight“, einer Sammlung von auskomponierten Vogelstimmen aus dem 18. Jahrhundert für Flöte solo.

Ursprünglich wohl, so war es zur damaligen Zeit beliebt, dienten solche instrumentalen Vogelgesänge dazu, Käfigvögeln auf diese Weise verschiedene Gesangsweisen zur Nachahmung anzutrainieren. Mir erschloss sich die Bedeutung der Stücke hier in dieser Landschaft jedoch eher andersherum: Wir sind es, die von den Vögeln und ihrem Gesang lernen können! Und eine Musik, die sich am Gesang der Natur orientiert, erinnert uns vielmehr daran, die Vielfalt der Vogelstimmen als etwas wahrzunehmen, was sich unserer Einflussnahme (hoffentlich) entzieht und bestenfalls von uns geschützt, nicht aber benutzt werden kann.

Mit dem Instrument den Stimmen der Natur nachspüren – das kann nach meinem Empfinden nur mit einer Haltung der Achtung und des Respekts vor der Freiheit des natürlichen Singens geschehen, an die wir mit unseren Möglichkeiten staunend erinnern, aber nie wirklich heranreichen können. Und damit hat diese vom Ursprung her nicht geistlich gemeinte Musik gerade auch in der Kirche ihren Ort – als Ausdruck einer Haltung in Beziehung zur lebendigen Schöpfung.

Susanne Brandt