Wochenendlektüre-Tipp: Deutschland, ein Wandermärchen

733_17685_170889_1_xxlDie Idee der Autorin hat mir beim “ersten Anlesen” sofort gefallen: Eine Frau, diplomierte Rezitatorin von Gedichten, begibt sich auf dem Fahrrad mit minimalem Gepäck und einem kleinen gelben “Gedichte-Koffer” zwei Halbjahre lang auf eine Art “literarische Walz” durch Deutschland. Für Kost und Logis hat sie eine besondere Handwerkskunst zu bieten: das Rezitieren von Gedichten. Fremde Menschen öffnen für sie ihre Stuben – und laden andere dazu ein, sich an den Gedichten zu freuen, die sie für ihr Programm ausgewählt hat. Darüber hat sie nun ein Buch geschrieben – ein Buch über Menschen, über Deutschland mit seinen wechselnden Landschaften und Stimmungen, über das Unterwegssein, über Gedichte – und über die großen Fragen des Lebens.

Was mir daran gefällt, ist zunächst mal der unaufgeregte Grundton, mit dem sie die Begegnungen und Eindrücke ihrer Reise beschreibt. Natürlich schreibt sie dabei auch über sich selbst – aber nicht so, dass die Erinnerungen zur Nabelschau mit Selbstverwirklichungsdrang geraten. Im Fokus bleibt immer das Gegenüber – das, was ihr begegnet, was sie unterwegs hört und beobachtet, was sie mit Menschen erlebt und in stillen Landschaften wahrnimmt. Und ganz besonders schön: Jedes Kapitel, jede Reiseetappe endet im Buch mit einem passend ausgewählten Gedicht, durch das sie Momentaufnahmen – treffender als durch Fotos – feinsinnig und verdichtet auszudrücken weiß.

Natürlich weckt das Buch auch meine Neugier: Die Mehrzahl der Orte, die sie in Nord und Süd, West und Ost beschreibt, habe ich selbst schon mal besucht. Flensburg ist dabei und Hallig Hooge als besonders vertraute Orte, ebenso Leer, weite Landschaften in Mecklenburg und Brandenburg. Immer wieder begleitet mich beim Lesen die Frage “Na, ob ich den oder die wohl kenne?”, wenn sich die Tür durch den nächsten unbekannten Gastgeber öffnet. Vieles erkenne ich wieder: nicht so sehr die einzelnen Menschen, aber die Stimmgen, die sie unterwegs beschreibt, die Mentalität in manchen Gegenden – und die “Farbe” in den dazu ausgewählten Gedichten, die mir mit Dichterinnen wie Hilde Domin oder Mascha Kaleko immer wieder auch eine wunderbare literarische Wiederbegegnung schenken.

Das Buch belegt einmal mehr: Wer sich eine Landschaft per Fahrrad oder zu Fuß nach und nach erschließt, sich Zeit lässt, die Sinne öffnet, neugierig auf das ist, was einem begegnet, was sich als Überraschung ergibt oder als Erschwernis in den Weg stellt, wird mit einem großen Reichtum an Eindrücken und Gedanken beschenkt. Und wer dabei noch eine “lyrische Ader” hat, kann gar nicht anders, als für all diese Eindrücke und Gedanken Ausdruck und “Melodie” in Gedichten zu finden. Dafür muss niemand ins Flugzeug steigen. Das beginnt vor der eigenen Haustür.

Insgesamt 8000 Kilometer hat die Autorin kreuz und quer durch Deutschland zurück gelegt. Aber das ist nicht das Entscheidende. Hier geht es nicht um den sportlichen Ehrgeiz, besonders weit oder besonders schnell voran zu kommen. Bedeutsam sind vielmehr die Stationen, die sie auf ihrer Reise eingelegt hat, die “Wegränder”, die einem per Fahrrad immer nahe sind.

Mir leuchtet das sehr ein: Nachdem ich nach 5 Jahren in Flensburg rund 10.000 km zu Fuß zurück gelegt habe, weiß ich, dass sogar die sich immer wiederholenden Wege die Faszination der “Wegrandentdeckung” nicht verlieren und deshalb eine große poetische Kraft in sich tragen. Mitten im Alltag.

Das Buch von Anna Magdalena Bössen hat für mich deshalb gar nicht so sehr was mit “Aussteiger-Romantik” zu tun, sondern viel mehr mit der Bereitschaft, sich feinsinnig und geduldig auf die Umwelt einzulassen – auf die Menschen wie auf die Landschaften, auf die schönen wie auf die mühevollen Erlebnisse – um sensibel zu bleiben für die poetische Sprache, die im Leben wohnt wie auch in Gedichten vom Leben erzählt.

Zum Weiterlesen: http://www.ein-wandermaerchen.de/

Susanne Brandt