Wolkentraum und Erzähllust – neue Herbstbilderbücher zum Lauschen, Singen, Staunen

Vorlesestunden sind immer auch Entdeckungsreisen: Mit den Kindern gemeinsam entdecke ich neue Bilderbücher und Geschichten, bin gespannt, wie Kinder auf Bilder und Geschichten reagieren, lasse mich überraschen von ihren Fragen, staune über ihre Gedanken. Zwei neue Bilderbücher habe ich auf diese Weise in der vergangenen Woche kennen- und lieben gelernt – und wieder mit einem kleinen Lied zur Ukulele umrahmt und verbunden:

Olivier Bleys: Höher als die Wolken, TintenTrinker Verl. 2015

9783981632385Großformatig und faszinierend zieht dieses Buch die Kinder in den Bann: Zwei Jahre hat der Illustrator in ungewöhnlichen Techniken an der magischen Bilderwelt gearbeitet. Die Geschichte dazu ist ebenso magisch, mit treffend und poetisch gesetzten Worten erzählt: Ein alter Mann lebt alleine auf einem Gipfel, zu dem sich nur wenige Reisende vorwagen. Vergraben in den Wolken, kennt er vor allem die Einsamkeit. Die wird nur selten unterbrochen von Besuchern, die sich manchmal dorthin verirren. Die einzigen Gäste, die täglich den Weg zu ihm finden, sind die Wolken in seltsamen Formationen. Er schaut ihnen durchs Fenster zu. Er kennt sich gut aus mit ihrem Verhalten. Er malt sie manchmal…und eines Tages erwacht der Traum in ihm, auf den Wolken laufen zu können. Freiheit gehört denen, die sich trauen, an das eigentlich Unmögliche zu glauben. Wohin die Treppe in den Wolken geht? Niemand weiß es. Manche ahnen es. Die Geschichte endet mit einem Wolkenbild, wie er es sich im Traum kaum schöner hätte ausmalen können. Die fast dreidimensional anmutende Tiefe und Farbwirkung der gemäldeartigen Bilder wirkt einzigartig im Spektrum der vertrauten Bilderbuchkunst, die Geschichte mit surrealen Zügen scheint der alltäglichen Erlebniswelt völlig entrückt – und rührt doch tiefe Sehnsüchte und Träume an, so dass schon Vierjährige mit der schlicht erzählten und vielschichtig zu deutenden Handlung gut zurechtkommen. Etwas ganz Besonderes, was sehr intensiv aus sich heraus spricht und als Botschaft nicht extra vermittelt werden muss. Ein visuelles Kunsterlebnis für alle!

Den Kindern war die Faszination, die hier von den Bildern und der Geschichte ausgeht, sehr anzumerken. Was sie am Ende besonders zu bewegen schien, war die Frage, ob der Mann träumte, als er den Schritt auf die Wolkendecke wagte. Die Szene erschien ihnen real und unwirklich zugleich und über die Idee, hier einen Traum zu erleben, wurde versucht, eine plausible Erklärung dafür zu finden.

Nach dem Gespräch ließen wir den Mann auf seiner Wolke zur Ruhe kommen mit einem Lied auf die Melodie „Ich gehe mit meiner Laterne“, zart begleitet von der Ukulele:

//:Auf einer weichen Wolke, da kommt der Mann zur Ruh ://

Er gähnt nochmal, der Tag ist um – rabimmel rabammel rabum

Nach dieser musikalischen Zäsur, bei der sehr gern mitgesungen wurde, konnten wir uns einer zweiten Geschichte widmen:

9783737352475Philip C. Stead: Als Bär erzählen wollte. Sauerländer, 2015

Geschichten erzählen – das ist für die kälter werdenden Tage genau das Richtige, denkt sich der Bär und hofft im Wald auf ein paar Freunde, die ihm zuhören möchten. Aber so kurz vor der großen Winterschlaf- und Vogelzugzeit sind alle viel zu beschäftigt und wenig eingestellt auf gemütliche Mußestunden. Geduldig hilft Bär seinen Freunden bei den Vorbereitungen, immer mit der Hoffnung, dass vielleicht doch noch jemand Lust hat auf Geschichten – bis er selbst einschläft. Dann endlich im Frühling scharen sich die Freunde um Bär herum, ganz gespannt auf das, was er so lange schon erzählen möchte. Aber was war das nochmal? Der Bär kann sich einfach nicht mehr erinnern. Da sind es die treuen Freunde, die ihm auf die Sprünge helfen – und das Buch von vorn beginnen lassen… Die Bilder in warmen Farben passen wunderbar zu dieser warmherzigen Geschichte, die – natürlich! – eine ideale Erzähl- und Vorlesegeschichte für Herbst- , Winter- oder Frühlingstage ist! Mit wenig Text und viel Strahlkraft zum Weiterdenken und –erzählen!

Auch diese Geschichte fand zur vertrauten Melodie mit wiederum zum Buch passender Textvariante einen ruhigen Abschluss:

//:In einer großen Höhle, da legt der Bär sich zur Ruh://

Er gähnt nochmal, der Tag ist um – rabimmel rabammel rabum

Da es in der Geschichte um verschiedene Winterschlafplätze geht, lassen sich nach gleichem Muster noch viele andere gemütliche Schlafplätze benennen und besingen, so dass das Lied leicht gemeinsam mit den Kindern um viele weitere Strophen ergänzt werden kann.

Wieder einmal hat sich bewährt, für das gemeinsame Singen vertraute Melodien und einprägsame Textmuster mit Wiederholungsstrukturen zu nutzen, weil so die Text- und Melodiebarrieren sehr niedrig bleiben und das Mitsingen den Kindern sofort gelingt. Auch scheint es der Aufmerksamkeit für einzelne Geschichten gut zu tun, wenn zwischen zwei Büchern eine musikalische Zäsur gesetzt wird, die vielleicht etwas Verbindendes zwischen den verschiedenen Geschichten (hier das “Zur-Ruhe-kommen” an einem guten Ort) betont und zur Sprache bringt, zugleich aber auch die Gedanken zur vergangenen Geschichte in Ruhe ausklingen lässt, bevor die nächste Geschichte mit neuen Denkimpulsen beginnt.