„Unglaublich ergreifend“ – das neue Buch von Navid Kermani

61J0HnFfnaL._SX322_BO1,204,203,200_„Unsere Gesellschaft muss sich mehr denn je den Erfahrungswelten von Menschen unterschiedlichster nationaler und religiöser Herkunft stellen, um ein friedliches, an den Menschenrechten orientiertes Zusammenleben zu ermöglichen“ heißt es in der Begründung des Stiftungsrats zur diesjährigen Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels an den deutsch-iranischen Schriftsteller Navid Kermani. Kermani selbst hätte zur Beschreibung dieses Anliegens vermutlich farbigere und leidenschaftlichere Worte  gefunden. Aber die lassen sich nachlesen: In den Büchern des mehrfach preisgekrönten Dichters und Orientalisten geht es um ein solches wechselseitiges Vertrautwerden mit unterschiedlichen kulturellen und religiösen Erfahrungswelten – nicht protestantisch vernünftig und bemüht verständnisvoll, sondern eher sinnlich, begeisterungsfähig, staunend und humorvoll. Kermanis poetische Sprachkraft und sein von Neugier und Staunen angetriebener Sachverstand führt uns in seinem neusten Werk „Ungläubiges Staunen“ vor Augen, welche ungeahnten Überraschungen in der Bildersprache der christlichen Kunst zu entdecken sind. Er selbst schöpft dabei aus der Sinnlichkeit des mystischen Islams und öffnet uns dabei ganz neue Sichtweisen auf das Christentum. Anschaulich, packend und gut verständlich gelingt es ihm wie keinem anderen, den interreligiösen Dialog als ästhetische Annäherung zu suchen. Wenn er den christlichen Konfessionen den Spiegel vorhält, im nüchternen Protestantismus das Erotische vermisst und Franziskus als zärtlichen Liebhaber bestaunt, klammert er keineswegs die grausamen Seiten der Religionen aus: Es gab in der Geschichte des Christentums nicht nur den liebenden Franziskus, sondern auch grausame Kreuzzüge. Und es gibt im heutigen Islam nicht nur die Schönheit, sondern auch ihre übelsten Entstellungen. Darin liegen gleichermaßen Erschrecken und Hoffnung  –  und der Ansporn, von beidem zu erzählen und so zu einer Bildung beizutragen, die mit diesem Buch fundiert und leichtfüßig zugleich daher kommt.

Tipp zum Weiterdenken, -hören, -lesen: der Beitrag zum Autor und seinem Buch im Deutschlandfunk http://www.deutschlandfunk.de/navid-kermani-ein-muslim-und-sein-buch-ueber-das-christentum.886.de.html?dram%3Aarticle_id=329335

Susanne Brandt