“Sie liebte den Wind und die Weite…” – Mit Geschichten auf Reisen

Zwei Tage war ich mit allerlei Büchern, Geschichten und Krimskrams im Gepäck auf Reisen nach Rendsburg und nach Husum. Immer mit dabei: die Maus im Korb! 12 Jahre alt ist das kleine Büchlein von der “Luftschaukel” inzwischen  – aber wenn es an einem Tag um “Geschichten zum Anfassen” geht und am anderen Tag um die “vielfältigen Seiten des Lebens”, dann gehört die Geschichte von der Maus und ihren Freunden, die beim Erzählen nach und nach aus dem Korb gezaubert werden und neugierig entdecken, dass es anderswo ganz anders sein kann, einfach mit dazu:

“…Sie liebte den Wind und die Weite / Sie liebte das weite Land / Sie hatte den Kopf voller Träume / und auch eine Menge Verstand…”

Der Schwerpunkt des ersten Tags unter dem Motto “Geschichten zum Anfassen” lag zunächst bei den spielerischen und inspirierenden Möglichkeiten im Umgang mit Figuren, Krimskrams und vielerlei Bilderbüchern. Was alles zum Einsatz kommen kann, wenn Geschichten und Gedichte nicht “nur” vorgelesen, sondern auf unterschiedliche Weise vor den Augen der Kinder lebendig werden, lässt sich an zahlreichen Beispielen auch in diesem Blog unter “Geschichten zum Anfassen” nachlesen:

http://waldworte.eu/category/geschichten-zum-anfassen/

Am zweiten Tag ging es schließlich beim Fachtag der Evangelischen Kindertagesstätten im Kirchenkreis Nordfriesland um die Frage, wie sich im Sinne einer vorurteilsbewussten und inklusiven Erziehung Vielfalt gemeinsam gestalten lässt.  Rund 320 Teilnehmende aus nordfriesischen Kindertagesstätten tauschten sich dazu im Nordsee-Congress-Centrum bei Vorträgen und Workshops zum Thema aus. Dabei kam auch die Bedeutung von Geschichten und Bilderbüchern an verschiedenen Stellen zur Sprache:

Titel-Tipps zu vorurteilsbewussten Bilderbüchern

Warum gerade Geschichten inklusive Räume sein können, die viele Türen bieten für individuelle Zugänge zu ganz verschiedenen Lebensentwürfen und -erfahrungen, hob Propst Dr. Kay-Ulrich Bronk zu Beginn in seinem Grußwort hervor. Auch Petra Wagner, Leiterin der Fachstelle Kinderwelten für Vorurteilsbewusste Bildung und Erziehung in Berlin (http://www.situationsansatz.de/fachstelle-kinderwelten.html) verwies in ihrem anschließenden Eröffnungsvortrag u.a. auf die Kinderbuchanalysen des Instituts mit Blick auf Diversität und Inklusion. Die Empfehlungslisten, die dort zum Thema erstellt worden sind, liefern für Büchereien und Kindertagesstätten wertvolle Tipps und Hinweise und sind hier zum Download bereitgestellt:

http://www.situationsansatz.de/vorurteilsbewusste-kinderbuecher.html

Nicht-inklusive Sprache fängt bei Begriffen wie “bildungsferne Familien” an…

Am Beispiel ganz unterschiedlicher Vorerfahrungen von Kindern im Umgang mit Bilderbüchern machte sie deutlich, wie Ungleichheit in nahezu allen Bereichen der Arbeit mit Kindern eine Rolle spielt: Chancengleichheit wird eben nicht durch Gleichbehandlung erreicht, sondern durch eine vorurteilsbewusste Auseinandersetzung mit Verschiedenheit und Teilhabebarrieren. So sind die Anforderungen an die Vermittlung von Bilderbüchern und Geschichten ganz anders, wenn Kinder aus ihren Familien keine Gewohnheiten im Umgang mit Büchern kennen. In Vorlese- und Erzählsituationen sind diese unterschiedlichen Voraussetzungen einfühlsam zu berücksichtigen. Gleichzeitig sensibilisierte sie für den Gebrauch von nicht-inklusiven und etikettierenden Begriffen, die sich bei dieser Thematik auch in Fachkreisen etabliert haben: Wer in diesem Zusammenhang z.B. von „bildungsfernen Familien“ spricht, betont damit sprachlich eher die Distanz als den Respekt im Blick auf Vielfalt.

Die Ziele einer vorurteilsbewussten Erziehung lassen sich nach ihren Ausführungen wie folgt zusammenfassen:

  1. Kinder in ihrer Identität stärken
  2. Kindern Erfahrungen mit Vielfalt ermöglichen
  3. Nachdenken über Gerechtigkeit anregen
  4. Zum Aktivwerden für Gerechtigkeit ermutigen

Wie sich diese Ziele auch in Bilderbuchgeschichten wiederentdecken und in dialogisch gestalteten Vorlesesituationen berücksichtigen lassen, stand anschließend als Frage im Mittelpunkt eines von mehreren Workshops, der sich dem Vortrag anschloss:

Die bunten Seiten des Lebens – Geschichten mit Bilderbüchern und Kamishibai erzählen & erleben
Geschichten und eine lebendige Kultur des Erzählens sind eine wunderbare Möglichkeit, Kinder nach und nach mit der Vielfalt des Lebens vertraut zu ma­chen. Dabei lassen sich über Worte, Bil­der, Figuren, Objekte, Mimik und Gestik alle „Spielarten“ der Sprache mit Leben füllen und Menschen so über alle Sinne erreichen und einbeziehen. Der Workshop stellt Beispiele einer le­bendigen und verbindenden Erzählkul­tur mit Bilderbüchern und Kamishibai Erzähltheater vor und macht dabei be­sonders auf solche Titel aufmerksam, die auch inhaltlich Aspekte der Inklusi­on aufnehmen und literarisch wie bild­künstlerisch verarbeiten.
Referentin: Susanne Brandt, Buchautorin und Lektorin der Bücherei­zentrale Schleswig-Holstein

Dabei konnten 20 Mitarbeiterinnen aus verschiedenen Kindertagesstätten in Nordfriesland an ausgewählten Beispielen einen vielfältigen Einblick in das Bilderbuchangebot der Büchereibestände von Schleswig-Holstein gewinnen, verschiedene Erzählweisen kennen lernen, sich über zentrale Dienstleistungen wie Wissensboxen oder das Auswahlverzeichnis „Anders…als du denkst“ als Arbeitshilfe zum Thema informieren und zur Vielfalt der Bild- und Textsprachen in Kleingruppen und Plenumsdiskussionen in einen lebendigen Austausch kommen. Aspekte des dialogischen Vorlesens und Erzählens, wie sie im Skript zum Workshop ausführlich beschrieben sind, klangen in der Diskussion immer wieder an.

LuftschaukelUnd die Maus? Die sprang an diesem Nachmittag abermals aus dem Körbchen, um darüber zu staunen, dass es ein großes Glück sein kann, die “Nase in den Wind” zu stecken, sich einfach mal anderswo umzusehen…und auf diese Weise Vielfalt als ein großes Geschenk zu erfahren!

Das Workshopskript mit Link zum Auswahlverzeichnis „Anders…als du denkst“ ist hier hinterlegt: Workshop-Skript Vorlesen im Dialog

Susanne Brandt