Waldworte des Tages: Die Eiskristalle des Königs

Foto: Elke Riedel / www.elrie-art.de

Nun ist der Winter doch noch im Norden angekommen – pünktlich zu jenem Wochenende, an dem ich den Sonntagnachmittag damit verbringe, aus meinen Geschichtenvorräten passende “Schätzchen” für die Vorlese- und Erzählstunden der nächsten Wochen  zusammenzustellen. Und weil ein Fundstück daraus – “Die Eiskristalle des Königs” – so gut zum heutigen Winterwetter passt, soll es hier heute einem winterlichen Foto von Elke Riedel an die Seite gestellt werden. Weitere Einblicke in den Schatz der Naturfotografien der Kollegin und Co-Autorin aus Neubrandenburg sind hier zu bewundern: www.elrie-art.de.

Und hier nun die Geschichte:

Die Eiskristalle des Königs

Es war einmal ein König, der war dafür bekannt, dass er sich gern den einen oder anderen Schabernack ausdachte und sich über seine Untertanen lustig machte. So begab es sich, dass er eines Tages einen von den ganz Armen im Lande zu sich rief und sprach: »Du bist arm, ich aber will dich reich machen. Nimm diesen Brief und gehe zum Oberschatzmeister, er möge dir alles genau so geben, wie es in dem Brief geschrieben steht«.

Nachdenklich ging der Arme fort. Eine solche Fürsorge war ganz ungewöhnlich für den König. Womit sollte er das verdient haben? Ich muss in Erfahrung bringen, was in dem Brief steht, dachte er bei sich.

In jenem Winter herrschte grimmiger Frost. Der Schnee lag bergehoch. Der Arme fror jämmerlich in seinen zerschlissenen Kleidern. Da er aber nicht lesen konnte, musste er sich durch Eis und Kälte auf die Suche machen nach einem Menschen, der in der Lage war, ihm den Brief vorzulesen. Endlich fand er einen. Der nahm den Brief und  las:

»Ich, der mächtigste Herrscher weit und breit, ich befehle Dir, mein Oberschatzmeister, dem Besitzer dieses Briefes meine Gabe auszuhändigen – so viel Schnee, wie in 100 Hände passt! Falls Du dieses mein Gebot nicht ausführst, musst Du mit schweren Strafen rechnen«, stand da geschrieben.

Na ja, dachte der Arme, das ist ein königliches Geschenk der besonderen Art. Und weil der Arme ein schlauer Bursche war, hatte er auch schon eine ganz besondere Idee:  Er versteckte den Brief und ging wie immer seiner Arbeit nach. Darüber verging der Winter. Der Frühling nahm seinen Lauf, und es wurde Sommer. Jetzt ist gerade die rechte Zeit gekommen, um das Geschenk des Königs in Empfang zu nehmen, dachte sich der Arme und begab sich zum Schatzmeister. Er reichte ihm den Brief und wartete, was geschehen würde. Der Schatzmeister las den Brief und wurde blass vor Schreck. »Oh, großes Unheil, oh Jammer«,  klagte er. »Wo soll ich mitten im Sommer so viel Schnee hernehmen«? »Das kann ich dir auch nicht sagen«, erwiderte der Arme. »Mein Auftrag ist es nur, dir diesen Brief zu bringen. Und deine Aufgabe ist es, die Bitte des Königs zu erfüllen. Wenn du das nicht tust, werde ich mich bei ihm über dich beklagen. Und du hast richtig gelesen: Mit schweren Strafen ist zu rechnen, wenn nicht geschieht, was dort geschrieben steht«.

» Guter Mann, ich bitte dich«, flehte der Oberschatzmeister. »Ich habe Frau und Kinder. Wer soll für sie sorgen, wenn mich die Strafen des Königs treffen?  Statt Schnee kann ich dir kostbare Glasperlen aus der königlichen Schatzkammer geben, glitzernd und klar wie Eiskristalle. Nur, bitte, bitte, verlange nicht von mir, dass ich dir mitten im Sommer den gewünschten Schnee besorge«.

Der Arme zögerte und zauderte. Der Oberschatzmeister versprach ihm in seiner Not mehr und mehr vom gläsernen Perlenschatz des Königs – am Ende 100 Hände voll, wie in dem Brief geschrieben stand. Da willigte der Arme ein. Denn nun war die versprochene Menge so groß, dass er für sich und seine Familie alle Tage sein Auskommen haben würde.

Der König war nicht wenig erstaunt, als man ihm bald darauf meldete: Draußen steht ein Mann aus dem Volk, der möchte für die Gnade und Großzügigkeit des Königs seinen Dank aussprechen.  »Das hat es ja noch nie gegeben«, wunderte sich der König. »Ich soll jemandem eine Gnade erwiesen haben? Na schön, ruft diesen Mann. Wir wollen sehen und hören«.

»Verehrter König«, sagte der Arme und verneigte sich tief. »Ich bin gekommen, um mich zu bedanken für Eure hohe Gnade«.

»Von welcher Gnade sprichst du«, fragte der König. »Ihr habt mir im Winter 100 Hände voll Schnee geschenkt«, erwiderte der Arme.

Als sich der Herrscher an seinen Schabernack erinnerte, brach er in Lachen aus. Der Arme aber sprach weiter: »Da ich zu jener Zeit gerade selbst Schnee im Überfluss besaß, habe ich Euer großzügiges Geschenk erst mal in Eurer Schatzkammer aufbewahren lassen. Wie Ihr wisst, verehrter König, verfüge ich selbst nicht über Haus und Land, um ein solches Geschenk für spätere Zeiten zu lagern.  Heute nun an diesem wunderschönen Sommertag habe ich mich auf den Weg gemacht, um den mir zugesprochenen Besitz abzuholen. Der Schatzmeister ist ein guter und ehrlicher Mann, der seine Pflichten treu erfüllt. Er hatte den ganzen Schnee im Winter sorgfältig für mich verwahrt, das kann ich bezeugen.  So eilte er auch jetzt gleich los, suchte und suchte – aber in der Schatzkammer war keine Flocke, nicht ein Eiskristall von dem Schnee mehr zu finden. Deshalb war er gezwungen, mir meinen Besitz in gläsernen Perlen auszuzahlen, funkelnd und klar wie Kristalle«.

Mit diesen Worten ließ der Arme vor dem König eine Handvoll Perlen aus seiner Tasche über den Boden rollen. Da musste der König wieder lachen. Aber diesmal lachte er den armen Mann nicht aus. Er lachte von Herzen, bis ihm die Tränen kamen. Und als er endlich wieder sprechen konnte, gebot er, dem Armen für seine Schlauheit noch einmal so viele Perlen zu schenken.

Frei nach Märchenmotiven aus Asien/Turkmenistan neu erzählt von Susanne Brandt