Die “Kunst der Fuge” im Watt – Bewegung und Philosophie in den Naturfotos von Alfred Ehrhardt

„Naturphilosoph mit der Kamera“ wurde Alfred Ehrhardt von einem Zeitgenossen genannt. Die gesetzmäßigen Strukturen der Riffelungen und Furchen an den Gestaden um Cuxhaven hatten ihn in besonderer Weise fasziniert. Von den Nationalsozialisten im April 1933 aus seinem Lehramt an der Hamburger Landeskunstschule entlassen, wirkte er von 1934-1936 in Cuxhaven als Chorleiter und Kirchenorganist – und damit in unmittelbarer Nähe zum Wattenmeer. Was er in der Bewegungskunst der Reformpädagogik und in der Musik bei Bachs „Kunst der Fuge“ bewunderte,  spiegelt sich nun fotografisch in seiner Serie vom Watt und in vielfältigen Variationen rund um das Thema Wasser, Luft und Erde. Bevorzugt arbeitete er bei tief stehender Sonne mit dem Blick auf die ornamentalen Oberflächen aus dem natürlichen Stand heraus. Beim Betrachten seiner Bilder scheint der Blick gleichsam in einer Diagonale die Landschaft zu “durchwandern”. Deutliche Kontraste von Licht und Schatten bringen zusätzliche Spannung ins Geschehen, das auch im “stehenden Bild” immer als Ausdruck von Bewegung und Leben in einem schöpferischen Prozess verstanden werden kann. Das Material zeigt sich bei ihm nicht als tote Masse, sondern – so Ehrhardt – als „eine dauernd lebendige außermenschliche Erscheinung mit eigenen Lebensgesetzen“. Schöpfung ist in diesem Sinne nie „fertig“ sondern ständig und mit allem lebendig und im Werden.

Zum 30. Todestag in diesem Jahr ist von dem Bildband “Das Watt” eine Faksimile-Neuauflage erschienen.

Weitere Informationen: www.alfred-ehrhardt-stiftung.de