Wasser weltweit in Märchen: Federwölkchen

Logo zum Internationalen Weltgeschichtentag von Mats Rehnman mit freundlicher Genehmigung. Herzlichen Dank!

Als “Weltgeschichtentag” wird der 20. März und als “Weltwassertag” wird der 22. März weltweit begangen – Tage, die dazu einladen,  sich zu besinnen auf die Kunst des Erzählens wie auf die Kostbarkeit des Wassers. Und manchmal zeigt sich eine Verbundenheit von beidem: in Geschichten vom Wasser aus aller Welt – so auch in folgender Geschichte:

Foto: Elke Riedel. Aus: Was macht das Licht den ganzen Tag?

Die Indianer sind vertraut mit Wasser und Wolken, mit Regen und Dürre, mit Sonne und Wind. Wie eine Feder ist mir eines ihrer Märchen zugeflogen. Das kann auf der einen großen Erde und unter dem einen großen Himmel überall zu Hause sein:

Im Sommerland erhob sich ein Hügel, der von allen der Grasberg genannt wurde. Auf diesem Hügel wohnte ein Junge mit seiner Großmutter. Die beiden mussten keine Not leiden. Doch die Zeit floss dahin wie ein träger Fluss und der Junge sehnte sich danach, einmal etwas Großes zu vollbringen. Er war flink wie eine Antilope und stark wie ein Büffel. Warum sollte er es da nicht mit einem gefährlichen Gegner aufnehmen können?
Viele Männer unten im Dorf hatten bereits ihre Stärke bewiesen. Nur er wartete noch immer auf eine passende Gelegenheit. Das machte ihn von Tag zu Tag trauriger.

Eines Morgens sagte die Großmutter zu ihm: “Ich weiß was dich bedrückt. Und ich hätte eine Aufgabe für dich. Aber die ist wirklich schwer!“
Der Junge antwortete: „Ich bin flink und ich bin stark. Eine schwere Aufgabe kann mich nicht schrecken.“ Da fing die Großmutter an zu erzählen:

„Lange schon treibt der Wolkenfresser im Osten sein Unwesen. Er ist so groß wie ein Berg und seine mächtige Gestalt reicht von einem Horizont zum anderen. Ganze Wolkenfelder vernichtet er mit einem Atemzug. Es regnet dort so wenig, dass  Pflanzen, Tiere und Menschen nie genug Wasser zum Leben haben. Schon viele mutige Jünglinge sind nach Osten gezogen, um den Wolkenfresser zu besiegen. Aber keiner ist wiedergekommen.“

„Dann will ich der nächste sein, der es versucht“, sprach der Junge. „Ich fürchte mich nicht, ich will mit dem Wolkenfresser kämpfen!“
Die Großmutter nickte: „Dann geh‘, mein Kind. Aber denk‘ daran: Es wird ein ungleicher Kampf sein. Ich gebe dir deshalb vier Zauberfedern mit auf den Weg. Pass gut auf sie auf und trage sie unterwegs stets griffbereit bei dir.“

Sie öffnete die Truhe, holte vier Federn hervor und breitete sie vor dem Jungen aus:
„Die blaue Feder ist die Feder des Verstehens. Sie verleiht dir die Fähigkeit, mit den Tieren zu sprechen. Es kann sein, dass du dann bald die Gelbe brauchst. Das ist die Feder der Verwandlung. Sie kann dich so klein machen, dass du in jedem Mauseloch Unterschlupf findest.  Die schwarze Feder ist die Feder der Stärke. Mit ihr wachsen dir außergewöhnliche Kräfte zu. Und vergiss auch die weiße Feder nicht. Das ist die Feder des Friedens. Sie kann dafür sorgen, dass böse Mächte und Gefahren nie wieder das Land beherrschen werden.“

Der Junge verwahrte die vier kostbaren Federn sicher unter seinem Hemd und legte sich zur Ruhe. Er wollte gut ausgeschlafen sein für die gefährliche Reise, die ihm nun bevorstand. Bei den ersten Sonnenstrahlen brach er auf, um seiner großen Aufgabe entgegenzugehen.
Er ließ den vertrauten Hügel hinter sich und folgte dem Weg nach Osten, wo sich das Reich des Wolkenfressers befand. Bald sah er sich von einer gespenstischen Landschaft umgeben. Alles schien tot und verdorrt. Die Erde war ausgetrocknet, das Gras verbrannt und die Stämme der Bäume ragten wie dünne Stangen ohne Blätter und Früchte in die Luft.

Dann aber entdeckte er doch etwas Lebendiges: Er sah, wie ein kleiner Maulwurf aus einem Maulwurfshaufen kam. Schnell griff der Junge nach der blauen Feder und steckte sich die ins Haar.  Augenblicklich fing er an, in der Sprache des Tieres zu reden: „Ich grüße dich, lieber Maulwurf.  Kannst du mir sagen, wie ich zum Wolkenfresser komme?“
„Zum Wolkenfresser ist es nicht mehr weit“, antwortete der Maulwurf. “Aber wenn der dich entdeckt, musst du um dein Leben fürchten.“

Er deutete auf die Landschaft ringsum: „Das alles hier ist das Werk des Wolkenfressers. Er bedroht das Leben weit und breit. Nur unter der Erde kann man noch vor ihm sicher sein.“ Schnell steckte sich der Junge die gelbe Feder der Verwandlung ins Haar, wurde auf der Stelle kleiner und kleiner und war nun kaum mehr größer als der Maulwurf. „Jetzt kann ich dir durch deine Gänge folgen, ohne dass mich der Wolkenfresser sieht.“, freute sich der Junge.  Der Maulwurf staunte: „Du bist wirklich mutig und schlau. Du bist der Erste, der auf die Idee kommt, mich um Beistand zu bitten. Ich werde dir helfen.“
Vorsichtig kroch der Junge in verwandelter Gestalt hinter dem Maulwurf her. Seine Augen mussten sich erst an die Dunkelheit gewöhnen. Hier unten schien alles finster und still wie die Nacht.  Doch auf einmal fing der  Gang an, sich sonderbar zu winden und zu drehen.
„Wir sind schon ganz nah beim Wolkenfresser“, flüsterte der Maulwurf. „Er schläft und wälzt sich hin und her.“

Am Ende des Gangs kamen sie in eine große Höhle.
Der Junge wollte sich aufrichten, aber die Decke der Höhle senkte sich in regelmäßigen Schwingungen fast bis zum Boden herab.
„Das ist der Herzschlag des Wolkenfressers“, erklärte der Maulwurf. „Er liegt direkt über uns.“

Da griff der Junge nach der schwarzen Feder und fühlte sogleich, dass eine mächtige Kraft durch seinen Körper strömte. Er nahm Pfeil und Bogen und zielte damit nach oben. Der Pfeil durchbohrte die trockne Erde.

Im nächsten Moment ertönte ein fürchterliches Jammern, dass die Wände der Höhle erbebten und feiner trockner Staub von der Decke rieselte. Ganz allmählich aber verklang das Winseln und Klagen in einem langen leisen Pfeifen. Dann war alles still. 

Vorsichtig krochen der Junge und der Maulwurf ans Tageslicht. Vom Wolkenfresser war nichts mehr zu sehen. Nur wer ganz genau hinschaute, konnte weit hinten am Horizont eine kleine Gestalt erkennen. Der Wolkenfresser war in sich zusammengefallen wie eine geplatzte Blase und hing nun als kleiner Fetzen am Himmel.

„Das hast du gut gemacht!“, freute sich der Maulwurf. Und als er sich weiter am Himmel umschaute, zogen schon die ersten großen Wolken majestätisch heran, bauten sich zu großen Türmen auf und schenkten dem durstigen Land den langersehnten Regen.

Der Junge hatte wieder seine menschliche Gestalt angenommen und konnte sich jetzt auf den Heimweg machen. Da kam ihm die weiße Feder in den Sinn, die noch immer ungenutzt unter seinem Hemd verborgen war. Er holte sie hervor und legte sie behutsam in eine Pfütze. Wie ein kleines Schiff schwankte die weiße Feder auf dem Wasser hin und her, wurde vom Wind erfasst und zum Himmel getragen.

Vielleicht ist es der weißen Feder zu verdanken, dass der Wolkenfresser nie mehr seine alte Macht zurückerobert hat. Denn manchmal ist die weiße Feder noch heute wie ein gutes Zeichen am Himmel zu sehen  –  als Federwölkchen. Und sie erinnert alle an den großen Frieden, der möglich ist, solange das Wasser frei zur Erde fällt, dem Leben dient und in einem ewigen Wechselspiel zum Himmel zurückkehrt.

Frei nacherzählt nach einem Indianermärchen von Susanne Brandt
 
Aus: Brandt, Susanne: Was macht das Licht den ganzen Tag?
http://www.alliteratus.com/pdf/wiss_nw_licht.pdf